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Streit um neuen Embryonencheck während Schwangerschaft

Donnerstag, 1. September 2011

Bonn – Der Schwangerschaftsfrühtest der Konstanzer Firma GATC Biotech AG sorgt weiter für Diskussionen. Ein paar Tropfen Blut der werdenden Mutter sollen Aufschluss über Erbgut und Gesundheitszustand des ungeborenen Kindes geben. Früher denn je lässt sich dann klären, ob das Kind eine Trisomie 21, also das Down-Syndrom, hat.

Der Test, schon in der zehnten Schwangerschaftswoche anwendbar, soll anders als die bisher angewendete Fruchtwasseruntersuchung für die Mutter völlig ungefährlich sein. Die GATC-Tochter Life Codexx AG will das neue Verfahren spätestens im kommenden Frühjahr auf den deutschen Markt bringen. Die Konstanzer Wissenschaftler wittern ein großes Geschäft.

„So sind wir unserem Ziel, federführend im Bereich der Next Generation Molecular Diagnostics zu sein, ein großes Stück nähergekommen“, heißt es auf der Homepage des Unternehmens.

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Für Ethikexperten steht fest, dass der neue Test im Alltag der Familienplanung gewaltige Umbrüche bringt. Denn mittelfristig lassen sich zahlreiche weitere mögliche Erbschäden aufspüren; ein Embryo-screening zeichnet sich ab.

„Schwangerschaften können abgebrochen werden, bevor die Mutter überhaupt eine Beziehung zum Kind aufgebaut oder die Umwelt die veränderten Umstände registriert hat“, schreibt die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Die Konsequenz im Alltag könnte heißen: Erst mal prüfen, ob alles okay ist - also eine Schwangerschaft unter Vorbehalt.

Für die Zeitung steht außer Frage: Der neue Test ist kaum mehr aufzuhalten. Zumal sich schon heute neun von zehn Schwangeren für eine Abtreibung entscheiden, wenn vor der Geburt ein Down-Syndrom festgestellt wird. Und der Staat könne kaum Einwände erheben, da er in der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik soeben einer Überprüfung und Selektion von Embryonen zugestimmt habe.

Unterdessen hagelt es Proteste gegen das neue Verfahren. Im Mittelpunkt steht allerdings vor allem, dass das Bundesforschungsministerium seine Entwicklung mit 230.000 Euro bezuschusst hat. Von einem „Skandal“ spricht der Augsburger katholische Weihbischof Anton Losinger. Ein solcher Test stehe im Widerspruch zum Lebensrecht und zur Menschenwürde, so das Mitglied des Deutschen Ethikrats.

Der Arzt und CDU-Europa-Politiker Peter Liese erklärte: „Wenn das Risiko durch einen einfachen Bluttest praktisch bei null liegt, ist die Gefahr groß, dass man unkritisch eine Methode anwendet, die eigentlich nur die Konsequenz haben kann, dass das Kind abgetrieben wird.“ Eine vorgeburtliche Therapie, so Liese, gebe es in den allermeisten Fällen nicht, „und schon gar nicht beim Down-Syndrom“.

Kritisch äußerten sich auch der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Johannes Singhammer (CSU), und der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU). Hüppe sagte, mit dem Testverfahren werde das Ziel verfolgt, „Menschen mit Behinderung auszusortieren und zu töten“. Der Test setze Eltern, die ein Kind erwarten, unter besonderen Druck.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Forschungsministerium, Thomas Rachel (CDU), wies die Kritik als „absurd“ zurück. Das derzeitige Diagnoseverfahren nehme eine größere Gefährdung von Mutter und Kind in Kauf. Die bislang übliche Untersuchung des Fruchtwassers gehe einher „mit einem erheblichen Risiko einer Fehlgeburt“.

Daher sei eine sichere Methode „ein Fortschritt für die Gesundheit von Mutter und Kind“. Rachel betonte zudem, die Förderung des Ministeriums sei nur vom 1. April bis 31. Dezember 2010 erfolgt und inzwischen beendet. © kna/aerzteblatt.de

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Patroklos
am Montag, 5. September 2011, 10:51

Entscheidungsfreiheit?

Zu Ende gedacht, bleibt die Frage:
Wie wird die Gesellschaft mit Müttern und Eltern umgehen, die einen solchen Test nicht durchführen wollen oder sich bei positivem Testergebnis gegen eine Abtreibung entscheiden?
Ins Pflichtprogramm für eine Schwangerschaftsvorsorge aufgenommen, ist es mit der Freiwilligkeit bald vorbei, da der Druck hin zu einer Entscheidung gegen das behinderte Kind enorm sein wird. Bei solch weitreichenden ethischen Fragestellungen auf kirchlichen Rat zu verzichten, halte ich für fahrlässig, denn da muss ein möglichst weit gespanmnetr Konsens gefunden werden.
Mathilda
am Montag, 5. September 2011, 10:09

Kirchen raus aus Ethikkomissionen!

Mir stößt es schon lange auf, dass immer wieder die Kirchen der Meinung sind, ihre interne Haltung zu Embryonenschutz, Abtreibung und Behinderung auf der Bevölkerung Deutschlands aufdrücken zu müssen. Gerne können die Kirchen ihre Haltung ihren Mitgliedern gegenüber ausdrücken - dafür sind Gottesdienste da. Aber ein Großteil der Menschen ist nicht kirchlich gebunden, atheistisch, Angehöriger anderer Religionsgemeinschaften oder reiner "Weihnachts-/Hochzeit-/Taufe-Christ". Sehr geehrte Kirchenvertreter, hört doch bitte auf, für alle diese Menschen sprechen zu wollen - es steht euch nicht zu!

@promisit: interessanter Kommentar: wäre schon mal gut zu wissen, wie profitabel die Behindertenbetreuungsindustrie der beiden großen Kirchen ist.
Senbuddy
am Freitag, 2. September 2011, 10:18

Der Test setzt nicht unter Druck, die CDUler tun es...

Die Argumentation der Herren Singhammer, Hüppe u.ä., dass so ein Test die "Eltern unter Druck" setzen würde ist völlig absurd. Das Gegenteil ist der Fall.

Denn gerade so ein Test ist es, der Druck und Angst von den Eltern wegnimmt. Druck machen da vor allem Kirche und CSU, die den Eltern mit so einem Unsinn Schuldgefühle einreden.

Diese Leute haben wirklich keine Ahnung, was Eltern bewegt. Und als sie selbst werdende Eltern waren, haben sie vermutlich statt eines Tests auf blindes "Gottvertrauen" gesetzt. Anders kann man sich solche logischen Verdrehungen nicht erklären.

Viele Grüße
S.
Mira59
am Freitag, 2. September 2011, 09:40

aber es ist doch wunderbar

wenn durch einen so einfachen Bluttest ein großer Teil von den schlimmen Erbkrankheiten noch vor der 12 SSW aufgedeckt werden kann.

Natürlich muss dieser Test IMMER FREIWILLIG bleiben und auch, wenn nach einem positiven Test sich Eltern, insbesondere die Mutter FÜR ihr Kind entscheiden.

Leider müssen wir auf Grund unserer Geschichte an die Gefahr einer Zwangsselektion denken und das wäre furchtbar.

Aber glauben Sie mir, auch wenn ein Mensch mit seiner Erbkrankheit gut umgehen kann und das beste aus seinem Leben macht, so bleibt es doch eine lebenslange Last, mit der der Betroffene fertig werden muss und das hat nicht immer die Leichtigkeit, die es nach aussen scheint.
Auch Angehörige, die alles, wirklich alles für ihr Kind aus tief empfundener Liebe tun kommen oft an ihre Grenzen und viele stehen dann auch sehr alleine da.

Jeder, der gegen die Möglichkeit "schiesst" sich gegen ein Kind mit schlimmer Erbkrankheit zu entscheiden, der kann gar nicht wissen, wie viel Kraft es kostet, wie viel Angst, Traurigkeit und Erschöpfung damit verbunden sein kann.

Wie schon gesagt, wir alle müssen nur aufpassen, dass es NIE zur Zwangsselektion kommt!!!

promisit
am Freitag, 2. September 2011, 08:00

Hinter die Kulissen sehen

Man/frau möge bitte einmal emotionslos gründlich prüfen, was die Beweggründe der Personen sind, die gegen einen solchen Test sprechen.

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