Medizin

Ein Drittel aller Europäer mental erkrankt

Montag, 5. September 2011

Dresden – Jährlich erleiden schätzungsweise 165 Millionen Einwohner der EU, das ist mehr als jeder dritte EU-Bürger, eine klinisch bedeutsame psychische Störung. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht von Forschern in European Neuropsychopharmacology (2011; 21: 655-679).

Vor sechs Jahren hatte die Gruppe um Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden das erste Mal versucht, das Ausmaß mentaler Störungen abzuschätzen. Ihr damaliger Report hatte in European Neuropsychopharmacology (2005: 15: 357–76) die Prävalenz auf 27 Prozent geschätzt. Dass es jetzt 38,2 Prozent sind, liegt einzig daran, dass der aktuelle Report weitere Störungen berücksichtigt, etwa die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen oder Schlafstörungen.

Nur bei den Demenzen gebe es einen Anstieg, der auch die Zunahme der Lebenserwartung zurückzuführen sei. Häufigkeit und Rangliste der psychischen Störungen sind laut dem Bericht in allen Ländern ähnlich. Einzige Ausnahme bilden Suchterkrankungen.

Die häufigsten Erkrankungsformen sind laut der Studie Angststörungen (14,0 Prozent der Gesamtbevölkerung), Schlafstörungen (7,0 Prozent), unipolare Depressionen (6,9 Prozent), psychosomatische Erkrankungen (6,3 Prozent), Alkohol- und Drogenabhängigkeit (> 4 Prozent), Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen), und Demenzen (1 Prozent bei 60-65 Jährigen bis 30 Prozent bei Personen über 85 Jahren.

Neu am Report ist eine Abschätzung der „disability-adjusted life years (DALYs). Das ist die Zahl der Lebensjahre, die in Folge von Krankheit, Behinderung oder einen frühen Tod verloren gehen. Hier wurden neben den mentalen auch die organischen Hirnerkrankungen berücksichtigt. Beides ist ohnehin kaum zu trennen.

Die vier am stärksten belastenden Erkrankungen sind demnach: Depression, Demenzen, Alkoholabhängigkeit und Schlaganfall. Alle Krankheiten zusammen sind für 26,6 Prozent der gesellschaftlichen Gesamtbelastung durch Krankheiten in der EU verantwortlich. Wenn die Berechnungen stimmen, dann wären Hirnerkrankungen vor Krebs und Herzerkrankungen die häufigsten und am meisten belastenden Erkrankungen.

Für Wittchen ist das Ergebnis eigentlich keine Überraschung. Das Gehirn sei das komplexeste Organ des Körpers und Störungen und Erkrankungen seien dort genauso möglich wie im Rest des Körpers. Dennoch gibt es bedeutend mehr Kliniken für Herzerkrankungen und Krebs als für psychische Leiden.

Wittchen konstatiert denn auch, wie bereits im letzten Report, dass höchstens ein Drittel aller Betroffenen in der EU irgendeine Form professioneller Aufmerksamkeit oder eine Therapie erhalte. Die Behandlung starte meist erst Jahre nach Krankheitsbeginn und entspreche oft nicht den minimalen Anforderungen an eine adäquate Therapie. © rme/aerzteblatt.de

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Henry I
am Dienstag, 13. September 2011, 01:00

@ Bartone

Brilliant. Wohl formuliert. Vielen Dank.
Bartone
am Dienstag, 13. September 2011, 00:32

Korrektur

Wollte sagen: Kraft, die Menschen brauchen, kommt nicht aus bunten Pillen.
Bartone
am Dienstag, 13. September 2011, 00:28

Walter Ulbricht

... steht nicht nur für besagte Lüge, sondern von ihm stammt auch der weniger bekannte Ausspruch - "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."
-
Daran scheinen sich auch heute noch Anti-Demokraten von rechts und links nicht viel anders zu halten als die Mafia, die ähnlich agiert und sich bisweilen auch ein pseudo-politisches Mäntelchen umwirft, welches dann abgelegt wird, wenn es ums Geschäft geht.
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Es geht gar nicht um Verschwörunstheorien, sondern um den realen Zustand der Gesellschaft, der zunehmend undemokratischen Impulsen ausgesetzt ist. Und das nicht nur von ehemaligen Osblock-Staaten, ich will da den Leidgeprüften kein Unrecht tun, wenngleich mich manchmal doch die hohe Identifikation mancher mit der alten DDR noch nach 20 Jahren erstaunt.
-
Stärke bräuchte die Gesellschaft, um dem zu widerstehen, was da auf sie zurollt und die ersten "Battaillone" schon unter die Räder gebracht hat - und die kommt gerade halt nicht von bunten Pillen, sondern Kraft, die Menschen einfach brauchen, wenn sie nicht outburnen oder Süchten verfallen wollen, zu denen ich persönlich auch besagte bunte Pillen zähle. Und bei Süchten geht es bekanntlich der Dealern gut und weniger den Abhängigen.
-
Ich bin froh, dass die Mehrheit jedoch noch immer relativ resistent ist gegen solche massiven Tendenzen, die in solchen Zahlen durchaus manifestieren, dass "etwas" nicht (mehr?) stimmt in unserer Gesellschaft.
-
Mein Beitrag war polemisch, zugegeben. Aber vielleicht deshalb, weil mir die anderen viel zu lau und unbestimmt waren. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich damit jemandem zu nahe getreten sein sollte.
harlekin2000
am Sonntag, 11. September 2011, 13:15

Wie sagte ein Pharmareferent zu mir:

40 Prozent der Bevölkerung haben eine Depression, 40 Prozent eine Angststörung, 10 Prozent ADHD und 10 sind Asperger. Die meisten wissen nichts davon und bekommen auch keine Therapie. Da fragt man sich also nur noch zu welcher Gruppe man gehört und welche guten Pillen man essen sollte, die weissen, blauen, roten oder orangen.
Wenn man nun noch publizieren würde, wieviel Geld Herr Wittichen bekommt, dann wüsste man, dass man getrost über den Artikel weglesen kann.
remplaçante
am Donnerstag, 8. September 2011, 18:49

Die Diskussion gleitet ab!

Man beachte doch bitte mal die vier genannten Erkrankungen:
Depression, Demenz, Alkoholabhaengigkeit und Schlaganfall!
Depressionen werden vielfach auch mit Burn out zusammengewuerfelt, Alkoholabhaengigkeit ist vorwiegend ein soziales Problem und Demenz und Schlaganfall mithin eines der aelter werdenden Bevoelkerung.... Dass Risikofaktoren fuer die eine oder andere Erkrankung wie Herz-Kreislauferkrankungen, Nikotin- und Alkoholabusus, sozial prekaire Lage der Betroffenen zunehmen, ist auch kein Geheimnis, aber eine Verschwoerungstheorie daraus zu machen, ist vollendeter Bloedsinn!



Andreas Skrziepietz
am Donnerstag, 8. September 2011, 17:40

weil sie durch die Eliten so leicht steuerbar sind!?

Daß das funktioniert, haben die Einsatzgruppen eindrucksvoll bewiesen.
Patroklos
am Donnerstag, 8. September 2011, 09:55

Phantasie.

Und die unterschichtsangehörigen Soldaten haben dann keine Skrupel, gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, weil sie durch die Eliten so leicht steuerbar sind!?
Was für ein Weltbild. Mir bekommt diese Diskussion zu viel von wahnhafter Verschwörungsstimmung.
Andreas Skrziepietz
am Mittwoch, 7. September 2011, 19:28

ganz unrecht hat er nicht

weshalb wurde die bundeswehr in ein söldnerheer umgewandelt, das sich künftig aus der unterschicht rekrutieren wird? vielleicht, um es gegen die eigenen bevölkerung einsetzen zu können?
Senbuddy
am Dienstag, 6. September 2011, 14:19

@Bartone

Sind Sie sicher, dass wir im gleichen Land leben ? Und - falls Sie das tatsächlich meinen: Reden Sie vom gleichen Thema wie der Autor des Artikels ?

Und falls Sie auch das meinen:

Wollen Sie sagen, dass das gehäufte Auftreten von Angststörungen in unserer Zeit durch eine eine "GeStaPo" oder "SA-Hilfstruppen" verursacht werden ? Oder durch die Bundesanwältin oder den Bau einer "Terrorabwehrzentrale"? Oder dadurch, dass irgendjemand sein "Volk verraten" hat?

Ganz schön abwegig.

Ich hielt den Prozentsatz von 14 % Angststörungs - Betroffenen in der Bevölkerung beim Lesen des Artikels für zu hoch. Aber ich muß mich wohl belehren lassen. Es gibt schon sehr schräge Verschwörungstheorien. Und offensichtlich auch damit zusammenhängende Ängste, die man kaum nachvollziehen kann.

Viele Grüße
S.
Bartone
am Dienstag, 6. September 2011, 09:48

"Niiiiiiiiiehmand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten ...!"

Niiiiiehmand hat auch die Absicht, das Grundgesetz und die Gewaltenteilung abzuschaffen und "Notstands-" oder "Ermächtigungsgesetze" durch die Hintertür einzuführen.
-
Niiiiiehmand hetzt kriminelle - vorzugsweise aus den Turkvölkern, aber gerne auch osteuropäischen Ländern stammende - Migranten-Banden gegen Bürger, die dem "falschen" Glauben anhängen und sich auf Einhaltung der gesetzten Verfassung berufen. Niiiiiehmand will sie "Schutzhaft" nehmen, solange sie sich Niiiiiehmand unterwerfen. Deshalb braucht auch Niiiiiehmand Ängste zu entwickeln.
-
Niiiiiehmand will eine politische Geheime Staatspolizei einrichten, die Desinformationen aus finsteren Geheimdienst-Quellen hinsichtlch massenhaft angezündeter Autos als eigene "Erkenntnisse" ausgibt und politsche Statements abgibt, um deren informeller SA-Hilfstruppen zu "schützen".
-
Niiiiiehmand will eine von einer "Generalin" (Harms) geführte "Überbehörde" errichten, die in ihrem Zusammenwirken dem entspricht, was "niemals wieder" in Deutschland und von Deutschland ausgehend geschehen sollte. Denn Niiiiiehmand will Bürgerdaten fremden Mächten ausliefern.
-
Denn selbstverständlich hilft Niiiiiehmand Leuten, die ihr eigenes volk verraten und verkauft haben und sich zu Niiiiiehmand geflüchtet haben. Denn Niiiiiehmand behauptet, dass bornierte Unfähigkeit, Korruption und Komplizenschaft nur dem Wohle des Landes dienen ...
-
Wozu dann das GTAZ trotzdem aufgebaut und benutzt, kann gewiss Niiiiiehmand beantworten. - Deshalb braucht auch Niiiiiehmand irreale Ängste zu haben.
-
Niiiiiehmand will es gewesen sein, wenn die Menschen immer kranker und die Finanzen der Krankenkassen immer "gesunder" werden und selbst Ärzte krank. - Denn "Niiiiiiiiiehmand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten ...!"
WFunk
am Dienstag, 6. September 2011, 07:27

Pathologisierung

Dass Psychopharmakologen verkaufen wollen, ist logisch wenn auch unmoralisch. Aus der selbstverschuldeten Regression der Bevölkerung resultiert dennoch keine behandlungswürdige Krankheit.
Dr. Tod
am Montag, 5. September 2011, 20:55

Nicht nur

meine Wenigkeit ist völlig überzeugt davon,
dass die o.g. Rate insbesondere bei Psychiatern
bedeutend höher ist.
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