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30 Jahre IPPNW: Mehr Themen als nur die Atomenergie

Mittwoch, 21. September 2011

Berlin – Die Strahlengrenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel in der Europäischen Union und in Japan bieten der Bevölkerung keinen ausreichenden Gesundheitsschutz. Zu diesem Ergebnis kommen die Verbraucherorganisation Foodwatch und die Deutsche IPPNW-Sektion (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs / Ärzte in sozialer Verantwortung) in einem Report. „Jede noch so geringe radioaktive Strahlung bedeutet ein gesundheitliches Risiko, weil sie ausreicht, um schwere Erkrankungen wie Krebs auszulösen“, heißt es zur Begründung in dem Bericht.

Kurz vor der Präsentation hat die deutsche Sektion in Berlin mit einem Symposium „Rezepte fürs Überleben“ das 30-jährige  Bestehen der IPPNW gefeiert. Matthias Jochheim, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut sowie deutscher IPPNW-Vorsitzender, über den Kampf gegen Atomkraft, die Anerkennung der Vereinigung in der Ärzteschaft und zukünftige Herausforderungen.

5 Fragen an Matthias Jochheim,  deutscher IPPNW-Vorsitzender

DÄ: Herr Jochheim, 30 Jahre IPPNW – wie fällt Ihr persönlicher Rückblick angesichts des Jubiläums aus?

Jochheim: Ich stelle fest, dass wir eigentlich eine ziemlich junge Organisation sind, sich aber gleichwohl die Weltlage in den Zeiten unseres Bestehens stark verändert hat. So hat sich auch das Spektrum an Themen verändert. Manche Probleme bestehen seit unseren Anfängen, wie beispielsweise die Nuklearrüstung. Auch die zivile Nutzung der Atomenergie beschäftigt uns seit langem intensiv, weil ja spätestens seit Tschernobyl klar ist, dass auch sie katastrophale Konsequenzen hat und eine völlig unverantwortliche Technologie ist. 

Andere Themen sind hinzu gekommen und beschäftigen uns ebenso, wie man schon am Untertitel unserer Organisation, nämlich „Ärzte in sozialer Verantwortung“, erkennen kann. Dazu gehören Fragen rund um Migration oder wirtschaftliche Globalisierung, weil auch hier Entwicklungen kriegsfördernd wirken können. Die Breite der Themen ist bereichernd, aber da unsere Ressourcen finanziell wie mental begrenzt sind, müssen wir auch sehen, worauf wir uns  konzentrieren.  

DÄ: Ist es für die IPPNW schwierig, neue Mitglieder unter jungen Ärztinnen und Ärzten zu finden?

Jochheim:
Wir sind da eigentlich vergleichsweise gut aufgestellt. Es gibt Projekte wie „Studieren und engagieren“, im Rahmen dessen wir Famulaturen in anderen Ländern fördern. Das wird sehr gut angenommen. Wir veranstalten auch regelmäßig Studierendenkonferenzen. Zurzeit gibt es rund 500 IPPNW-Mitglieder, die noch studieren.

Das ist im Vergleich zu anderen Friedensorganisationen eine recht günstige Entwicklung. Aber natürlich müssen wir uns immer wieder Gedanken machen, wie wir ein dauerhaftes Engagement junger Mitglieder fördern können. Sobald sie ins Berufsleben einsteigen, wird es wegen der Arbeitszeitbelastung schwierig.

DÄ: Sie engagieren sich schon seit zehn Jahren im Vorstand. Warum sind Sie 1996 IPPNW- Mitglied geworden?

Jochheim: Ich war in den 80er Jahren bereits in der Friedensbewegung aktiv und auch häufiger auf IPPNW-Kongressen. Den Ausschlag, Mitglied zu werden, gab in den 90er Jahren eine Reise nach Kurdistan. Dort wollten wir uns über die Situation der Kurden informieren. Die deutsche IPPNW-Sektion hat damals schon die Auffassung vertreten, man müsse sich nicht nur um die Gefahren eines Nuklearkriegs kümmern, sondern auch um vorgelagerte Konflikte, die zu Kriegen führten könnten. Der damalige IPPNW-Vorsitzende, Ulrich Gottstein, hat das sehr engagiert unterstützt und uns ermutigt, das Thema zu bearbeiten. Deshalb bin ich 1996 in die IPPNW eingetreten.  

DÄ: Professor Gottstein hat in diesem Jahr während des Ärztetags die Paracelsus-Medaille verliehen bekommen, die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft. In der Laudatio wird nicht zuletzt sein Einsatz für Frieden und Versöhnung gewürdigt. Als er 1981 die deutsche IPPNW-Sektion mit gründete, wurde er von vielen belächelt und angefeindet. Was sind die Gründe für diesen Wandel?   

Jochheim: IPPNW-Vertreter wie Gottstein mussten schon Zivilcourage zeigen, das stimmt. Ich will daran erinnern, was die Arbeit unserer Organisation im Kern ausmacht: die Überzeugung, ärztliches Denken zu verbinden mit politischem Engagement im Sinne der Primärprävention. Der ursprüngliche Ansatz der IPPNW ist ja der, dass Ärzte in einem Nuklearkrieg überhaupt nicht mehr helfen können, die kurative Medizin sozusagen völlig entwertet wird. Deshalb unser präventives politisches Agieren. 

Dass das heute keinen Widerstand mehr hervorruft wie damals, ist zum Teil sicher auf unsere  beharrliche Arbeit zurückzuführen. Aber es hat sich eben auch die Weltlage geändert. Die Ost-West-Konfrontation, das Schreckbild des Kommunismus, ist weggefallen. Folglich wird auch die IPPNW nicht mehr in dieses alte Raster eingeordnet, sondern sachlicher bewertet. Wir können jetzt Stellung beziehen, ohne dass man das als Zeichen der Instrumentalisierung durch den Ostblock interpretiert. 

DÄ: Was ist Ihnen für die Zukunft der IPPNW besonders wichtig?

Jochheim: Ein wichtiges Thema ist sicherlich das, was man als zivile Konfliktbearbeitung bezeichnet. Da geht es auch um psychosoziale Kompetenzen, und auf diesem Feld können wir uns als Ärztinnen und Ärzte sicher beteiligen. Wir wollen uns auch noch stärker wissenschaftlich mit dem Thema Kriegsfolgen befassen und darüber informieren. Das wird  ja gern unter den Tisch fallen gelassen. Was sind beispielsweise in Afghanistan die Folgen der Kriegsführung für die Zivilbevölkerung? Das ist eine aufwendige Arbeit, weshalb wir überlegen müssen, mit welchen Fachleuten wir auf diesen Feldern kooperieren könnten. © Rie/aerzteblatt.de

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