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Polio überquert Grenze nach China

Mittwoch, 21. September 2011

Genf – Die Bemühungen um eine weltweite Eradikation der Polio haben erneut einen Rückschlag erlitten. Erstmals seit 1999 sind wieder Kinderlähmungen im Westen Chinas aufgetreten. Genetische Untersuchungen belegen, dass die Viren aus dem benachbarten Pakistan eingeschleppt wurden. In den dortigen „Stammesgebieten unter Bundesverwaltung“ waren die Impfprogramme in den letzten Monaten gescheitert.

Anders als die offizielle Bezeichnung „Federally Administered Tribal Areas“ (FATA) suggeriert, befindet sich die Region im Nordwesten Pakistans nicht wirklich unter der Kontrolle der Zentralregierung. Weite Teile dieser Siedlungsgebiete der Paschtunen sollen von Taliban beherrscht werden und Al-Qaida als Rückzugsgebiet dienen. Dies mag erklären, warum eine für dieses Jahr geplanten Sonderimpfung (supplementary immunization activities, SIA) nur unzureichend durchgeführt wurde, wie die Global Eradication Initiative aus Genf mitteilt.

Vor allem in der Region Khyber haben mehr als 200.000 Kinder keine Impfungen erhalten. Auch in anderen Provinzen wie Belutschistan und Sindh gibt es offenbar Probleme. Auch die Erfassung der Kinderlähmungen, die aufgrund des häufig inapparenten Verlaufs der Erkrankung ja nur die Spitze eines Eisbergs bilden, ist in Pakistan lückenhaft. Die offizielle Statistik der WHO, die zum 14. September 84 Erkrankungen verzeichnet (im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 48 Erkrankungen), zeichnet möglicherweise ein zu positives Bild der Lage.

Dies wird durch Berichte über Erkrankungen im Westen Chinas unterstrichen. In ganz China hatte es seit 1994 keine endemischen Fälle und seit 1999 keine importierten Fälle mehr gegeben. Seit Anfang Juli sind sieben Kinder in der Präfektur Hotan an einer Kinderlähmung erkrankt. Die Präfektur befindet sich in der in der Provinz Xinjiang direkt an der Grenze zu Pakistan.

Ein Import aus dem Nachbarland ist naheliegend und wurde jetzt durch genetische Analyse der Virusisolate bestätigt. Gefunden wurde ein Vertreter des Wild-Polio-Virus Typ 1 (WPV1), der mit dem in Pakistan und Afghanistan vorherrschenden Stamm eng verwandt ist. Im Rest Asiens hat es bis auf eine Erkrankung aus Indien in 2011 keine Erkrankungen mehr gegeben. Der letztjährige Ausbruch in Tadschikistan konnte gestoppt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation macht sich jetzt Sorgen, dass die Polio sich wie vor einigen Jahren, damals von Nigeria ausgehend, mit der islamischen Wallfahrt (Haddsch) im November von Pakistan auf andere Länder ausbreiten könnte.

Auch die kleine Wallfahrt (Umrah), die nicht zeitlich gebunden ist, könnte zum Vektor der Erkrankungen werden. Die (muslimischen) Länder im Mittelmeergebiet und in Asien wurden deshalb aufgefordert, die Surveillance auf akute schlaffe Lähmungen zu verstärken. Reisende von und nach Pakistan sollten ihren Impfstatus prüfen. Die saudische Regierung verlangt von den Pilgern einen Impfnachweis. © rme/aerzteblatt.de

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