Verlängern Betablocker das Leben von Melanompatienten?
Mittwoch, 21. September 2011
Columbus – Rezeptoren für das Nebennierenhormon Nordadrenalin auf Melanomzellen sind nach Ansicht von US-Forschern ein Hinweis darauf, dass Stressereignisse das Wachstum des malignen Hauttumors fördern. Die Therapie mit Betablockern könne das Krebswachstum hemmen, wofür es allerdings bisher nur schwache Hinweise aus einer epidemiologischen Studie aus Dänemark gibt.
Die Idee, dass Stress einen Einfluss auf die Bildung und das Wachstum von malignen Tumoren hat, ist weit verbreitet, aber wissenschaftlich nicht belegt. Epidemiologische Hinweise fehlen. Zuletzt hatten britische Forscher in der EPIC-Kohorte vergeblich nach einer Assoziation zwischen belastenden Lebensereignissen wie Arbeitslosigkeit oder familiären Problemen und dem Brustkrebsrisiko gesucht (Brain, Behavior, and Immunity 2009; 23: 267-275).
Die Hinweise, denen die Gruppe um Ronald Glaser von der Ohio State University in Columbus nachgeht, stammen aus der Grundlagenforschung. Vor zwei Jahren hatte der Wissenschaftler auf der Oberfläche von Melanomzellen Rezeptoren für das Akutstresshormon Noradrenalin nachgewiesen.
Die Zellexperimente ergaben damals, dass die Stimulierung dieser Rezeptoren die Produktion von VEGF (vascular endothelial growth factor) und anderen Molekülen stimuliert, die die Bildung von Tumorblutgefäßen und das Krebswachstum anregen. Die Zugabe des Betablockers Propranolol soll die Stoffwechselreaktion in den Zellen gestoppt haben.
Das ist sicherlich noch nicht beweisend mit einer Antitumorwirkung des Blutdruckmedikaments. Doch Glaser hat jetzt weitere Hinweise gefunden. Zusammen mit Epidemiologen der Universität Aarhus untersuchte er, ob die Verordnung von Betablockern einen Einfluss auf die Überlebenszeiten von Melanom-Patienten hat.
Sie setzten dazu die Daten des Dänischen Krebsregisters zu 4.179 Melanompatienten mit Verordnungsdaten in Beziehung, was aufgrund der zentralen Identifikationsnummer aller Bewohner in Skandinavien leicht möglich ist.
Ihre Ergebnisse in Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention (2011; doi: 10.1158/1055-9965.EPI-11-0249) zeigen jetzt tatsächlich eine um 13 Prozent reduzierte Melanom- und eine um 19 Prozent reduzierte Gesamtsterblichkeit von Melamom-Patienten, denen, aus welchen Gründen auch immer Betablocker verordnet wurden.
Die Hazard-Ratio von 0,87 für die Melanomsterblichkeit verfehlte mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,64 bis 1,20 das Signifikanzniveau. Ein Zufall ist also nicht ausgeschlossen. Bei der Gesamtsterblichkeit war die Hazard-Ratio von 0,81 (0,67-0,97) dagegen signifikant.
Dies bedeutet indes nicht, dass 19 Prozent der Melanom-Patienten den Tumor überleben, wenn sie mit Beta-Blockern behandelt werden. Die Hazard Ratio beschreibt nur die Eintrittswahrscheinlichkeit des Todes zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Das maligne Melanom ist und bleibt im fortgeschrittenen Stadium eine unheilbare Krankheit. Vorstellbar ist allenfalls eine gewisse Verlängerung der Überlebenszeiten durch das Medikament. Belegt werden kann dies nur durch eine randomisierte Studie, die die Forscher jetzt durchführen wollen.
© rme/aerzteblatt.de
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