Politik

Kassen sollen Versicherte über Organspende aufklären

Montag, 26. September 2011

Berlin – Die Ärzte unterstützen den Vorschlag von Bundes­gesund­heitsminister Daniel Bahr (FDP), die Kassen zu verpflichten, bei der bevor­stehenden Ausgabe der elektronischen Gesund­heits­karte über Organspenden zu informieren.

„Wir müssen die Menschen abholen, die sich für die Organspende aussprechen, aber ihre Bereitschaft noch nicht dokumentiert haben. Denn fast 70 Prozent der Menschen in unserem Land sind bereit, nach ihrem Tod Organe oder Gewebe zu spenden. Aber nur 17 Prozent haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis dokumentiert“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery. Eine sogenannte Erklärungslösung hatte auch der Bundesrat am Freitag als Ergänzung des Transplantationsgesetzes gefordert.

Der Vorstoß der Regierung deckt sich laut Montgomery in weiten Teilen mit aktuellen Vorschlägen der BÄK zur Erhöhung der Organspendebereitschaft in der Bevölkerung. „Aus unserer Sicht ist es unerlässlich, dass eine Erklärung zur Organspende regelmäßig nachgefragt wird, zum Beispiel bei der Ausgabe des Personalausweises durch staatliche Stellen oder durch die Krankenkassen“, sagte der BÄK-Präsident. Die Entscheidung könne künftig auch auf der elektronischen Gesundheitskarte vermerkt werden.  

Nach den Vorstellungen des Bundesgesundheitsministers könnten gesetzliche und private Krankenversicherungen verpflichtet werden, ihre Mitglieder bei möglichst vielen Gelegenheiten zu informieren. Beispielhaft nannte er die Versendung neuer Versicherungskarten. Die Erfahrung zeige, wenn viel für die Information getan werde, seien deutlich mehr Menschen zur Organspende bereit.

Ergänzung zum Transplantationsgesetz oder neues Gesetz
Die Akzeptanz der Menschen hänge aber auch davon ab, auf welchem Weg sie informiert würden. Eine Absage erteilte Bahr in diesem Zusammenhang Vorschlägen, etwa bei der Ausgabe neuer Personalausweise oder Führerscheine Formulare für einen Spenderausweis zu verteilen. Er lehnte auch Vorschläge ab, wonach nur dann auf die Entnahme von Organen verzichtet werden soll, wenn die Person vor ihrem Tod eine Spende ausdrücklich abgelehnt hat. Eine solche Widerspruchslösung setze auf die Faulheit der Menschen, befand der Minister.

Offen ließ Bahr zunächst, wie er seine Vorschläge realisieren will. Eine Sprecherin sagte, diese Aspekte der Organspende könnten mit einem Änderungsantrag zum geplanten Transplantationsgesetz umgesetzt werden. Bahr kann sich laut seiner Sprecherin aber auch vorstellen, dass aus den Bundestagsfraktionen heraus ein eigenes Gesetz vorgelegt wird.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung kritisierte das Eintreten Bahrs für die sogenannte Erklärungslösung bei der Organspende als „fahrlässig“. Bisher sei völlig offen, „wie Selbstbestimmung ohne umfassende Information möglich“ sein solle, erklärte Vorstand Eugen Brysch. 

In Deutschland warten rund 12.000 schwer kranke Menschen auf ein Spenderorgan. Alle acht Stunden stirbt nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ein auf der Warteliste aufgeführter Mensch. © hil/afp/dapd/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

remplaçante
am Mittwoch, 28. September 2011, 16:12

Eben!

Neben all den gemachten Einwaenden gibt es auch folgendes zu beachten: Wer schon einmal im Transplantationsunwesen gearbeitet hat, der weiss, dass es da auch sehr viele Ungereimtheiten gibt, was die Allokation von Spenderorganen betrifft; es wurden mit der Zeit enorme Beduerfnisse geschaffen, weil die Indikationen unendlich ausgeweitet wurden, die Zahl der Transplantationszentren stieg und damit der Kampf um Organe wie Empfaenger einsetzte.
Und jeder, der LTX betreut hat, weiss, wie fordernd ausgerechnet die nutritiv-toxischen (huebsch verbraemt auch gerne als kryptogene) Zirrhotiker sind und wie sehr den Chirurgen das Messer in den Haenden brennt, wenn mal wieder mehr als eine Woche ins Land ging, ohne dass man transplantieren konnte, also womoeglich die Zahlen, die so wichtig sind fuer den Titel "Zentrum", abstuerzen.
Vertrauensverluste gibt es da durchaus also auch auf Seiten der mitbetreuenden Kollegen, weil man sich manchmal fragt, wieso ausgerechnet dieser halbtote Empfanger noch transplantiert oder jenes schlechte Organ unbedingt eingebaut werden muss ("Wenn die Leber nicht anspringt, koennen wir ihn ja wieder high urgency melden").
Ich kann jedenfalls nach meinen selbst durchlebten Erfahrungen keine Werbung fuer Organspende mehr machen!
jetfriend
am Dienstag, 27. September 2011, 19:50

spenderzahl per se

ist nicht steigerbar. Stichworte: verbesserte Rettungskette, Fahrzeugsicherheit, Frühkraniotomie, Neurointervention (Coil,Stent) statt Clip. Was bleibt, ist die Akzeptanz schlechterer Organe (old für old) u.a..
Die Probleme der Allokation und des Vertrauensverlustes - auch in die Exponenten der Tx Chirurgie (B., Essen; S., ex Jena, H., München......) gehen damit synchron. Und ob 100000 Euro für eine Ltx bei nutritiv tox (welch Euphemismus) Cirr. hep. oder die 100000 angelegt in frühkindliche Förderung = Prävention langfristig besser sind - ich denke eher letzteres.
kairoprax
am Dienstag, 27. September 2011, 12:27

Nach § 276 Abs. 2 BGB ist Fahrlässigkeit ...

... das Außer-Acht-Lassen "der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt".

Also hat die Hospiz Stiftung recht.
"einfach mal" machen geht hier nicht.
Der Hinweis auf die Menschen, die auf ein Spenderorgan warten hat ein ebenso schweres Gegengewicht in den Befürchtungen vor zu schnell aussetzender Hilfeleistung und zu früher Hirntoderklärung.

Der Begriff des Hirntods ist zudem eine Propaganda-Lüge. Tot sein ist etwas anderes als das irreversible oder mutmaßlich irreversible Aussetzen eines Organs.

Schiere Propaganda ist in diesem Zusammenhang der Satz "alle 8 Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste". Nüchtern und dem Ernst der Lage angebracht wäre es, die Anzahl der Toten, also 1095, anzugeben.

2010 starben 3 657 Menschen auf deutschen Straßen.
"alle 2 Stunden und 11 Minuten" - aus diesen 3657 Menschen rekrutiert sich die Mehrzahl der Organspender.
Es handelt sich um rund 2000 Spender pro Jahr, also mehr als 50 % der Verkehrstoten des Jahres 2010. Wie will man aber aus diesem Kollektiv jemals die 12.000 wartenden Menschen bedienen?

Es bleibt dabei, die Organspende, wie wir sie heute haben, ist ein Lügengerüst. Der Hirntod ist eine gefährlich-fahrlässige Argumentationskonstruktion.

Der einzig gangbare Weg ist auf Lebendspenden zu setzen.
Die Sorgfalt,die das Gegenteil der Fahrlässigkeit ist, sollte sich darauf hinwenden, daß es hier um ein Geschäft mit (ich bitte um Verzeihung) Ersatzteilen geht.

Es sollte eine Spende aus innerem Bedürfnis werden, kein einmal gemachter Eintrag in einer ohnehin mehr als umstrittenen E-Card oder gar auf dem Führerschein.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal


doc2011
am Dienstag, 27. September 2011, 09:57

Organspende

Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag, der schnell zur Anwendung kommt, im Land der ewigen Zauderer und Bedenkenträger!!

Was daran "fahrlässig" ist, ist völlig unklar und gerade zu lachaft.

Jeder kann sich umfassend informieren!

Herr Bahr: Weiter so!!!!
5.000 News Politik

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige