Münster – Vor zwei Jahren hatten Forscher der Universität Münster ein ungewöhnliches Konzept zur Tinnitusbehandlung vorgestellt. Eine erste klinischen Zeit kommt jetzt in PLoS ONE (2011; 6: e24685) aber zu dem Ergebnis, dass nicht alle Patienten von der Behandlung profitieren. Außerdem scheint die Wirkung relativ schnell nachzulassen.
Die Tinnitus-Behandlung mit maßgeschneiderter Musik, die Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus & Biosignalanalyse in Münster vor zwei Jahren in den Proceedings of the National Academy of Sciences vorgestellt hat, erregte schnell die Aufmerksamkeit der Medien.
Denn die Behandlung besteht in einem vermehrten Konsum derselben: In der Kurzzeittherapie durften die Patienten mehrere Stunden am Tag ihre Lieblingsmusik hören. Es handelte sich allerdings nicht um die originalen Tonträger. Die Techniker des Instituts hatten aus den mp3-Dateien Frequenzen herausgeschnitten, und zwar alle Töne im Bereich des quälenden Ohrgeräusches.
Dahinter stand ein derzeit in der Forschung populäres Konzept, das den Dauerton als Reaktion der Hörrinde auf einen selektiven Hörverlust deutet. Das medienwirksame Schlagwort lautet: Phantomschmerz des Gehörs.
Phantomphänomene entstehen, weil fehlende sensorische „Inputs“ (Deafferenzierung) die Erregbarkeit der betroffenen Neurone erhöhen, die dann durch Impulse aus der Nachbarschaft zu einem Scheinton angeregt werden. Dies soll durch die Aussparung der Frequenzen in den manipulierten Tondateien „wegtrainiert“ werden.
Doch das TMNMT-Konzept („tailor-made notched music training“) scheint nicht immer zu funktionieren. Wie aus der ersten kleineren Studie, die Henning Teismann und Mitarbeiter an 20 Patienten mit einem tonalen Tinnitus durchgeführt haben, hervorgeht, wurde gerade bei den besonders quälenden hochfrequenten Tinnitus-Geräuschen keine Wirkung erzielt.
Die Therapie sei nur bei Ohrgeräuschen mit einer Frequenz unter 8 Kilohertz erfolgversprechend, berichtet das Team. Hier kam es zu einem signifikanten Rückgang der subjektiven Tinnitus-Lautstärke und der dadurch ausgelösten Belästigung. Auch in einer neurophysiologischen Untersuchung (akustisch evozierten Potentiale) wurde eine Wirkung beobachtet.
Die Effekte hielten jedoch nicht lange an. Schon drei Tage nach dem Ende der Kurzzeittherapie kam es zu einem Wirkungsverlust. Dies legt nahe, die neue Therapie über längere Zeiträume anzuwenden, um so eine nachhaltigere Wirkung zu erzielen. Damit könnte die Therapie aber schnell an eine Grenze geraten.
Denn die Kurzzeittherapie bestand darin, dass die Patienten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über jeweils sechs Stunden Musik hörten. Das könnte auf Dauer selbst den größten Musikliebhaber überfordern, abgesehen davon, dass es sich nicht immer mit dem Berufsleben vereinbaren lässt.
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