Medizin

Fehlbildungen: Risikofaktor Ernährung in der Frühschwangerschaft

Dienstag, 4. Oktober 2011

Palo Alto – Schwangere, die sich ausgewogen und gesund ernähren, bekommen seltener Kinder mit Neuralrohrdefekten oder Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Dies geht aus einer Studie in den Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine (2011; doi: 10.1001/archpediatrics.2011.185) hervor.

Die ausgezeichneten Erfahrungen, die in Nordamerika mit der Folsäurebeimengung zum Mehl gemacht wurden, belegen eindrücklich einen Einfluss der Ernährung auf das Fehlbildungsrisiko. Schließlich ist Folsäure als B-Vitamin ein natürlicher Bestandteil der Nahrung. Seit in Kanada und den USA Mehl gesetzlich mit Folsäure angereichert wird, ist dort die Zahl der Neuralrohrdefekte deutlich gesunken. Doch auch dort werden noch immer Kinder mit Anenzephalie, Spina bifida oder Enzephalozelen geboren.

Der Pädiater Gary Shaw von der Stanford Universität in Palo Alto glaubt deshalb, dass noch andere Nahrungsbestandteile eine Rolle spielen. In einer Fall-Kontroll-Studie hat er jetzt den generellen Einfluss der Ernährung auf das Risiko von Neuralrohrdefekten und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten untersucht, für die ebenfalls eine Ernährungsrolle diskutiert wird.

Die Forscher ließen 3.824 Mütter von Kindern mit Neuralrohrdefekt oder Lippen-Kiefer-Gaumenspalte intensiv nach ihren Ernährungsgewohnheiten während und vor der Schwangerschaft befragen. Als Vergleichsgruppe dienten 6807 Mütter von Kindern ohne Fehlbildungen. Aus den Angaben der Mütter wurde zum einen ein Mediterranean Diet Score (MDS) berechnet.

Positiv bewertet werden hier die Zufuhr von Obst, Gemüse, Getreide und Meeresfrüchten sowie ein hoher Anteil ungesättigter Fettsäuren. Zum anderen ermittelten die Forscher den Diet Quality Index (DQI), der die US-Vorstellungen einer gesunden Ernährung mit fettarmen, faserreichen Nahrungsmitteln beschreibt. Fertiggerichte und Fastfood werden hier negativ, Obst und Gemüse positiv bewertet.

Wie Suzan Carmichael und Mitarbeiter jetzt berichten, gingen hohe Werte in beiden Scores mit einem niedrigen Fehlbildungsrisiko einher. Die klareren Assoziationen bestanden mit dem DQI: Eine Anenzephalie trat bei Kindern von Frauen mit der gesündesten Ernährung (oberes Viertel im DQI-Score) nur halb so häufig auf wie bei Frauen im unteren Viertel des DQI-Score: Odds Ratio OR 0,49 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,31-0,75).

Lippen-Spalten waren um ein Drittel (OR 0,66; 0,54-0,81) und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten um ein Viertel (OR 0,74; 0,56-0,96) seltener. Bei diesen Zahlen wurde bereits ein möglicher Einfluss anderer Risikofaktoren berücksichtigt wie Energiezufuhr, ethnische Herkunft, Body-Mass-Index, Erziehung, Alkohol, Rauchen oder auch die Einnahme von Vitaminen oder Spurenelementen.

Auch wenn eine Fall-Kontroll-Studie nicht immer andere Ursachen ausschließen kann, ist für Carmichael und Shaw doch klar, dass die Ernährung eine Rolle spielt. Diese Ansicht vertreten auch die Editorialisten um David Jacobs von der Universität in Minneapolis. Sie glauben, dass der Effekt noch deutlicher ausgefallen wäre, wenn die Ernährungsgewohnheiten noch genauer bewertet worden wären.

Die Editorialisten vermissen die Unterscheidung zwischen Vollkorn- und Weißmehlprodukten oder die Bewertung von Milchprodukten nach dem Fettgehalt, oder eine Einteilung nach dem vorherrschenden Fetttyp. Jacobs wirft auch die Frage auf, ob eine vollwertige Ernährung eine Substitution mit Folsäure ersetzen könnte.

Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie aus Norwegen, wo die Behandlung mit Folsäure mit einem, wenn auch leichten Anstieg der Sterblichkeit (plus 18 Prozent assoziiert war (JAMA 2009; 302: 2119-2126). In Norwegen gibt es keine Folsäure-Beimengungen in Nahrungsmitteln. © rem/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

cedricfreiesleben
am Mittwoch, 5. Oktober 2011, 00:28

Sterblichkeit plus 18 Prozent.. ist das ein "leichter Anstieg"?

Wird hier wirklich von einem "leichten Anstieg der Sterblichkeit" gesprochen, wenn es sich um ein "plus" von "18 Prozent" handelt?

Wenn man das mal auf ganz Deutschland bezieht ..

Korrekte Rechtschreibung fördert übrigens Vertrauen (Klammer zu hinter Prozent).

Cedric Freiesleben
5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige