Politik

Transplantations­mediziner für sogenannte Entscheidungslösung

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Regensburg – Bei der geplanten Neuregelung des Organspenderechts plädieren Deutschlands Transplantationsmediziner für die sogenannte Entscheidungslösung. Der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Wolf Bechstein, sagte am Donnerstag, eine solche Regelung wäre „sicherlich ein Meilenstein“.

Generell gebe es viel zu wenige Organspender in Deutschland, warnte die DTG. Pro Jahr würden in der Bundesrepublik rund 1.300 Spender gezählt. Demgegenüber hätten zu Jahresbeginn mehr als 11.500 Patienten in Deutschland auf eine Organtransplantation gewartet.

Kassen sollen Befragung koordinieren
Die Entscheidungslösung sieht vor, dass jeder Bürger sich mindestens einmal in seinem Leben für oder gegen eine Organspende entscheidet. Diese Befragung müsse „aktiv und möglichst früh“ geschehen, forderte Bechstein zum Auftakt der DTG-Jahrestagung in Regensburg.

Dies könne idealerweise bei der geplanten Herausgabe einer neuen Gesundheitskarte geschehen. Die Koordination der Befragung sei bei den Krankenkassen „sehr gut aufgehoben“, sagte Bechstein.   Eine EU-Richtlinie zwingt die Bundesrepublik, das Transplantationsgesetz bis zum Jahr 2012 zu novellieren.

Ursprünglich hatten die Fachmediziner für Deutschland eine Widerspruchslösung nach dem Vorbild von Ländern wie Österreich oder Spanien gefordert. Dieses Modell sähe vor, dass jedermann nach dem ärztlich festgestellten Hirntod als Organspender gelten kann, solange er nicht ausdrücklich widersprochen hat.

DTG-Tagungspräsident Hans-Jürgen Schlitt nannte die Widerspruchslösung die „einfachste und sinnvollste“ Variante. In Europa verzeichneten Länder mit einer solchen Regelung die höchsten Organspenderaten. Die Medizin hätte aber eingesehen, dass es für die Widerspruchslösung in der Bundesrepublik derzeit keinen Konsens gebe, räumte Schlitt ein.

Ärzte sollen für Beratung zusätzlich honoriert werden
Um die Zahl der Organspenden in Deutschland weiter zu erhöhen, schlägt die DTG außerdem vor, Ärzte zusätzlich zu honorieren, wenn sie Patienten gezielt in Organspendefragen beraten. DTG-Präsident Beckstein plädierte in diesem Zusammenhang für die Einführung einer „gesonderten Gebührenziffer“ für solche Transplantations-Beratungen.

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Der Vorsitzende der SPD im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, bekräftige erneut seine Erwartung, dass ein Gruppenantrag zur Entscheidungslösung eine breite Mehrheit quer durch alle Fraktionen bekommen würde. Die Bischöfe warnten hingegen vor zu großem moralischen Druck.

Steinmeier hofft, dass auch der bislang skeptische Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) am Ende den Gruppenantrag zur „Entscheidungslösung“ unterstützen werde.

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, Mitglied des Ethikrates, sagte bei einer Pressekonferenz während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda, die Information der Bürger über dieses Thema müsse „sensibel und kompetent“ erfolgen.
Auch er sprach sich auch für organisatorische Verbesserungen in den Kliniken aus, denn derzeit beteiligten sich weniger als die Hälfte an der Mitteilung potenzieller Organspender. Losinger schlug einen Transplantionsbeauftragten in jeder Klinik vor.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst, Vorsitzender der Kommission Bioethik der Bischofskonferenz, warnte davor, moralischen Druck auf mögliche Spender auszuüben. Zudem mahnte er zu Sensibilität. „Es geht um einen toten Menschen, nicht ein zur Verfügung gestelltes Ersatzteillager.“ Bis zu 1.500 Menschen sterben nach seinen Angaben jedes Jahr in Deutschland, weil sie kein lebensrettendes Organ bekommen. © dapd/aerzteblatt.de

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harlekin2000
am Sonntag, 9. Oktober 2011, 11:26

Hat advokadus diaboli nicht eine gute Lösung`?

Wenn man schon einen assistierten Suicid will, dann kann man sich doch auch gleich ausschachten lassen. Dann sind die Organe wenigstens zu etwas nütze.
Senbuddy
am Freitag, 7. Oktober 2011, 15:35

Danke an Dr. Breul und Dr. Bayer !

Gut, dass jemand dieses "justified killing" mal als das benennt, was es wirklich ist:

Legitimiertes Töten.

Die Forderung nach "einfachen Lösungen" (wie von dem o.g. Herrn Schlitt) kommen immer dann, wenn ethische Aspekte nicht interessieren oder wenn man sie bewußt übergeht. Das scheint hier wie auch bei diversen anderen Transplantationsmedizinern der Fall zu sein. Vor allem, wenn es um neues Einkommen geht.

Bezeichnend ist, dass man sich bei dem Verband nicht aus ethischen Gründen, sondern nur weil es "gerade keinen Konsens" gibt, von der Widerspruchslösung abgewendet hat. Das sagt eigentlich schon alles. Ethik interessiert nicht....

Und es ist auch klar, warum Herr Steinmeier so einen Aufriss betreibt. Denn der ist gewiß auch kein großer Ethiker, sondern eher ein Populist, der sich mit "menschlichen Themen" gegen den "Finanzfachmann" Steinbrück als Kanzlerkandidat in Position bringen möchte. Und da ist das "edle Spenden" seiner Niere für Rentnerblätter genau das richtige Thema.

So betreibt jeder sein eigenes Vorankommen. Und da ist dann das Propagieren von "justified killing" auch ein gern in Kauf genommenes Mittel.

Viele Grüße
S.
Dr. Breul
am Freitag, 7. Oktober 2011, 14:44

Wann wird endlich die Wahrheit anerkannt ?

Die Bischöfe sollten endlich die wissenschaftlichen Fakten anerkennen. Für hirntot erklärte Menschen sind keine toten Menschen. Sie sind Menschen, die allenfalls irreversibel sterbende aber immer noch lebende Menschen sind. Nicht nur in Amerika fordert man die Abkehr von der "Tote Spender Regelung". Man fordert ein sog. justified killing. Das ist wenigstens ehrlich. Allerdings könnte die Kirche hierzu nicht ja sagen. Das 5. Gebot lautet "Du sollst nicht töten." Noch gibt es auch in unserem Grundgesetz ein Tötungsverbot. Mit dem ärztlichen Berufsethos ist das Töten eines Menschen ebenfalls nicht zu vereinbaren. Daher ist es bequemer bei der Hirntodlüge zu bleiben.
Weihbischof Losinger fordert Transplantationsbeauftragte für die Kliniken. Die gibt es doch schon längst. Sehr oft sind diese Transplantationsbeauftragten in leitenden Positionen auf Intensivstationen. Sie führen in manchen Fällen sogar die Hirntoduntersuchung durch. Jetzt sollen noch sog. "Kümmerer" eingesetzt werden. Diese sollen freien Zugang zu den Intensivstationen haben und potenzielle Organspender an die DSO melden.
Bei dieser Vorstellung kann es einem nur Angst werden. Wo soll das noch hinführen?
Zum Glück gibt es in Krankenhäusern auch noch Ärzte, die sich dem schwerverletzten Patienten gegenüber verantwortlich fühlen und ihn nach neusten Erkenntnissen behandeln. Wenn diese Behandlung ohne Erfolg bleibt, lassen sie den Patienten gut betreut und unversehrt in Frieden sterben. Dank der "Kümmere" wird dies in Zukunft nicht mehr möglich sein.
Herr Steinmeier hat seiner Frau eine Niere gespendet. Das ist etwas sehr Edles und eigentlich auch sehr Intimes. Es gehört nicht in die Öffentlichkeit und es darf eigentlich nicht für die Werbung für die Organspende benutzt werden. Die "Lebendspende" und die Sog. "Leichenspende" sind etwas ganz Verschiedenes. Bei letzterer wird ein Mensch durch die Entnahme der Organe getötet.
Losinger fordert eine sensible und kompetente Information. Es muss wahrheitsgemäß informiert werden. Die Wahrheit ist allerdings sehr hart. Ein berühmter Transplanteur hat schon vor vielen Jahren gesagt, dass es, wenn die Menschen die Wahrheit erfahren würden, kaum noch Organe für die Transplantation gäbe.
Das ist wahr!
kairoprax
am Donnerstag, 6. Oktober 2011, 23:30

ein heimtückischer Vorschlag!


ein Bischof, ein Weihbischof, ein Ex-Kanzlerkandidat und dem gegenüber ein einzelner FDP-Minister, der sich "noch" einem Gruppenantrag verweigert. Was passiert hier? Und hat die vermeintlich Mehrheit oder der bedenkliche Einzelne Recht?

Mir, dem Arzt, wird eine "gesonderte Gebührenziffer" angeboten.
Warum nicht gleich eine Organprämie?
Es hat einen üblen Geschmack, in einer Zeit, in der deutsche Ärzte wegen des beschämenden Honorars für "normale" Arbeit ins Ausland gehen müssen, ein "gesondertes" Honorar für die Beschaffbarkeit von Spenderorganen auszupreisen.

Wenn jemand von der "einfachsten und sinnvollsten" Lösung spricht, stellt sich doch eigentlich sofort die Frage, warum es komplexere Lösungen gibt und welcher "Sinn" es denn ist, dem das alles dienen soll.

Frank Walter Steinmeier hat eine seiner Nieren gespendet - zu Lebzeiten, nicht anonym und aus anerkennenswerten aber rein persönlichen Motiven. Warum will er seine 80 Millionen Mitbürger nötigen, mit Hilfe einer Unterschrift, einmal im Leben, möglichst früh im Leben und im Hinblick auf einen Unfall mit irreversiblen Körperschäden, diese freie und erwachsene Entscheidung nicht immer wieder im Einzelfall treffen zu müssen?

"Gruppenantrag" ist ein weiteres Wort, das aufstoßen mag. Es steht im Lexikon dicht neben Gruppendruck und Gruppenzwang.

Die Organspende ist ein wichtiges und humanes Thema. So kann man mit ihr nicht umgehen!

Dr. Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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