Medizin

Wartezeiten, Suizide, HIV: Gesundheitskrise in Griechenland

Montag, 10. Oktober 2011

Cambridge – Die Schuldenkrise in Griechenland hat Folgen für den Gesundheitszustand der dortigen Bevölkerung, berichten britische Soziologen im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140- 6736(11)61556-0). 

Die Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) erfasst regelmäßig die Lebensbedingungen in den Beitrittsländern. In Griechenland wurden die stichprobenartigen Umfragen zuletzt 2007, also vor der Krise, und 2009 an mehr als 10.000 Einwohnern durchgeführt.

Der Vergleich zeigt, dass die Griechen im Krankheitsfall zu 14 Prozent seltener zum Arzt und zu 14 Prozent seltener zum Zahnarzt gehen, wie die Gruppe um David Stuckler von der Universität Cambridge recherchiert hat. Dieser Rückgang ist zunächst erstaunlich, da der Arztbesuch in Griechenland kostenfrei ist und die Ambulanzen der Kliniken maximal 5 Euro Gebühren erheben.

Doch lange Wartezeiten und weite Wege zum Arzt halten viele Griechen laut den EU-SILC-Ergebnissen davon ab die Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen. Viele hoffen, dass sie auch ohne medizinische Hilfe gesund werden.

Weil dies nicht immer gelingt, steigt die Zahl der Hospitalisierungen in den öffentlichen Krankenhäusern (plus 24 Prozent zwischen 2009 und 2010). Dort lassen sich auch Griechen behandeln, die vor der Krise eine Privatklinik vorgezogen hätten. Deren Patientenzahlen sind einer Studie zufolge um 25 bis 30 Prozent gesunken.

Die steigenden Patientenzahlen in den Kliniken dürften dort eine ohnehin prekäre Versorgung verschärfen, zumal die Klinikbudgets nach Angaben des griechischen Gesundheitsministeriums um 40 Prozent gekürzt werden mussten.

Personalengpässe und Materialmangel haben auch einen Anstieg der Korruption zur Folge: Patienten, die es sich noch leisten können, würden das medizinische Personal bestechen, um die langen Wartezeiten zu umgehen, wollen die Autoren erfahren haben.

Suizidrate stark gestiegen
Ein sicherer Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung ist die Suizidrate – man denke an die Erfahrungen nach der deutschen Wiedervereinigung. Nach offiziellen Zahlen ist die Zahl der Selbsttötungen zwischen 2007 und 2009 um 17 Prozent gestiegen, nach noch inoffiziellen Zahlen soll es 2010 zu einem Anstieg um 25 Prozent gekommen sein.

Für die erste Hälfte des Jahres 2011 geht das griechische Gesundheitsministerium sogar von einer weiteren Zunahme um 25 Prozent aus. Andere Indikatoren weisen auf einen Anstieg der Kriminalität hin. Die Zahl von Gewalttaten, Morden und Diebstählen soll sich zwischen 2007 und 2009 nahezu verdoppelt haben. Die Zahl der Menschen die im Krankheitsfall Krankengeld erhalten, sei dagegen um 40 Prozent gesunken.

Eine weitere Folge der Gesundheitskrise ist nach Ansicht von Stuckler die Zunahme der HIV-Infektionen. Für 2011 werde ein Anstieg der Neuinfektionen um 52 Prozent befürchtet, allerdings auf einem niedrigen Niveau von 605 Neuinfektionen im letzten Jahr.

Ursache ist einmal der steigende Konsum von intravenösen Drogen. In dieser Gruppe soll sich die Zahl der HIV-Infektionen verzehnfacht haben. Zum anderen soll die Prostitution und damit verbunden unsichere Sexualpraktiken zugenommen haben.

Einschränkungen hat es auch in der Gesundheitsversorgung von Drogenabhängigen gegeben. Die griechischen Drogenbehörde EKTEPN berichtete jüngst, dass sich einige i.v.-Drogenabhängige absichtlich mit HIV infizieren würden, um einen der wenigen Plätze für die Substitutionsprogramme zu ergattern.

Keine Folge der wirtschaftlichen Depression, aber irgendwie passend ist eine zunehmende Zahl von autochthonen, also im Land selbst übertragener Fälle der Malaria. Mehrere Mückenarten, die die Plasmodien übertragen können, sind in Griechenland heimisch. Im August war von sechs Erkrankungen die Rede.

Laut dem jüngsten Bericht der europäischen Centers for Disease Control and Prevention (ECDC) in Stockholm ist die Zahl der Erkrankungen jetzt auf 36 gestiegen. Die meisten Fälle traten auf dem Peloponnes und dort in der Region Lakonien im Mündungsgebiet des Flusses Evrotas auf.

Da die Gegend (und vier andere Regionen im vereinzelten Erkrankungen) kaum von Touristen besucht werden, schätzt die ECDC das Risiko eine Einschleppung in andere Länder als gering ein. Den Blutbanken wird allerdings vorsorglich geraten, Spender nach einem Aufenthalt in der Region Lakonien zu befragen. © rme/aerzteblatt.de

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