Barrett-Ösophagus: Krebsrisiko geringer als angenommen
Donnerstag, 13. Oktober 2011
Aarhus – Der Barrett-Ösophagus ist eine bekannte Vorläuferläsion des gefürchteten Adenokarzinoms im Ösophagus. Doch das Risiko der einzelnen Patienten ist einer Kohortenstudie im New England Journal of Medicine (2011; 365: 1375-1383) zufolge geringer als bisher angenommen, was nach Ansicht eines Editorialisten ein breites Endoskopie-Screening infrage stellt.
Beim Barrett-Ösophagus wird das natürliche Platten- in ein Zylinderepithel verwandelt. Dieses ist anfällig für Dysplasien und Mutationen, die ein Krebswachstum auslösen können. Die Pathophysiologie ist lange bekannt und unumstritten, doch die Abschätzung des Risikos ist schwierig.
Anfangs gingen die Experten von einer Progressionsrate von 0,8 Prozent pro Jahr aus. Dabei käme auf 125 Patienten mit Barrett-Ösophagus jährlich eine Krebserkrankung. Die Zahl wurde bald auf 1 zu 200 Patientenjahre, dann auf 1 zu 300 Patientenjahre erhöht.
Jetzt kommen zwei größere bevölkerungsbasierte Studien zu einem noch niedrigeren Risiko. Shivaram Bhat von der Queens Universität in Belfast schätzte nach der Auswertung des Northern Ireland Barrett's Esophagus Registry, das alle Erkrankungen des Landes (Bevölkerung 1,7 Millionen) sammelt, das Risiko auf 0,13 Prozent pro Jahr. Das ergibt eine Krebserkrankung auf 769 Patientenjahre.
Nach der Analyse von Frederik Hvid-Jensen von der Universität Aarhus, der das dänische Pathologieregister und das dänische Krebsregister ausgewertet hat, das die gesamte Bevölkerung (5,4 Millionen) abdeckt, beträgt das Progressionsrisiko sogar nur 0,12 Prozent. Danach käme auf 860 Patienten mit Barrett-Ösophagus pro Jahr eine Krebserkrankung.
Diese Zahlen stellen nicht infrage, dass es auf dem Boden eines Barrett-Ösophagus zu einem Krebs kommen kann. Das relative Risiko ist auch in der dänischen Studie mit 11,3 beträchtlich. Frühere Studien waren sogar von einem Anstieg um den Faktor 30 bis 40 ausgegangen. Ob aber ein Screening sinnvoll wäre, erscheint Peter Kahrilas von der Feinberg School of Medicine in Chicago fraglich (NEJM 2011; 365: 1437-1438).
Denn das Adenokarzinom des Ösophagus ist trotz eines deutlichen relativen Anstiegs in den letzten Jahrzehnten insgesamt selten. In den USA kommt es jedes Jahr gerade einmal zu 8.000 Erkrankungen. Nur 60 Prozent der Patienten können sich an ein Sodbrennen erinnern.
Das Screening aller Menschen mit Sodbrennen (das wären 121 US-Amerikaner über 45 Jahre) könnte nur 5.000 Krebserkrankungen verhindern. Selbst wenn nur alle Menschen mit starkem Sodbrennen gescreent würden, käme nach den Berechnungen von Kahrilas nur auf 1.460 Endoskopien ein Adenokarzinom. Es würden aber 146 Patienten mit Barrett-Ösophagus gefunden.
Screening und Surveillance dieser Patienten wären nach Ansicht von Kahrilas nicht kosten-effektiv. Auch den medizinischen Nutzen bezweifelt Kahrilas, weil nur wenige Menschen mit Barrett-Ösophagus am Krebs sterben und die Lebenserwartung der anderen nicht vermindert sei.
© rme/aerzteblatt.de
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