Berlin – Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat in den letzten zwanzig Jahren deutlich abgenommen. Das ist das Zwischenergebnis einer Studie, die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) derzeit durchführt. „Entgegen aller Erwartungen ist der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen drastisch zurückgegangen“, sagte der Leiter des KFN, Christian Pfeiffer, heute vor Journalisten in Berlin.
Insbesondere der Missbrauch mit Körperkontakt habe kontinuierlich abgenommen. Während noch 5,3 Prozent der 31- bis 40-jährigen Befragten einen solchen Missbrauch angaben, seien es in der Gruppe der 21- bis 30-Jährigen noch vier Prozent und bei den 16- bis 20-Jährigen 1,8 Prozent gewesen, so Pfeiffer. Auch im Vergleich zu einer Studie aus dem Jahr 1992, die ebenfalls das KFN durchgeführt hatte, sei die Zahl der betroffenen Frauen bis 2011 von 8,6 auf sieben Prozent und bei den betroffenen Männern von 2,8 auf 1,4 Prozent gesunken.
Grund für diesen Rückgang sei laut Pfeiffer eine Kultur des Hinsehens, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnt etabliert habe. Auch sei die Gesetzgebung opferfreundlicher geworden. So komme es nach der Anzeige einer Tat nicht mehr zu einer zweiten Viktimisierung durch eine öffentliche Schilderung des Missbrauchs.
Vor allem sei der sexuelle Missbrauch innerhalb der Familien zurückgegangen, sagte Pfeiffer. Das liege auch daran, dass die Anzeigebereitschaft der Opfer deutlich gestiegen sei. So erstatteten in der Gruppe der 31- bis 40-jährigen Betroffenen 4,8 Prozent der Opfer eines leichten Missbrauchs und 13 Prozent der Opfer eines schweren Missbrauchs Anzeige. In der Gruppe der 16- bis 20-Jährigen waren es bereits 27 Prozent bei leichtem und 41 Prozent bei schwerem Missbrauch.
„Die Täter haben heute ein deutlich erhöhtes Risiko, erwischt zu werden“, sagte Pfeiffer. „Das spüren sie und verhalten sich dementsprechend.“ Auch wüssten die Täter, dass ihnen in der Öffentlichkeit und im Gefängnis und breiter Spießrutenlauf bevorstehe, falls sie angezeigt würden.
Die Studie aus dem Jahr 1992 habe gezeigt, so Pfeiffer weiter, dass Kinder, die von ihren Eltern geschlagen wurden, häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs geworden seien. „Wer in seinem Elternhaus keine Liebe empfängt, sucht sie sich woanders. Das nutzen die Täter aus“, erklärte der KFN-Leiter.
Nachdem im Jahr 2000 das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft worden sei und ab 2002 im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes prügelnde Vätern Platzverweise erhalten hätten, sei diese innerfamiliäre Gewalt deutlich zurückgegangen. Das habe sich auch auf den sexuellen Missbrauch ausgewirkt.
Die aktuelle Studie des KFN wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Insgesamt fördert das BMBF Forschung zu Missbrauch und sexualisierter Gewalt mit 30 Millionen Euro. Zudem soll ein Forschungsnetz entstehen, in dem Wissenschaftler aus der medizinischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung zusammenarbeiten.
„Ziel ist die Entwicklung von Maßnahmen für eine besser Prävention von Gewalt an Kindern und für eine wirksame Therapie von Betroffenen“, erklärte Forschungsministerin Annette Schavan (CDU).
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Dies ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass Missstände immer offen an- und ausgesprochen werden müssen, bevor es Verbesserungen geben kann. Jeder Arzt, Lehrer, Erzieher, Betreuer (in) muss verpflichtet sein, einen solchen Verdacht an die zuständige Behörde zu melden. Allerdings sollten dort dringend auch entsprechende Fachkräfte eingesetzt werden, die mit der Problematik professionell umgehen können. Eine Verjährungsfrist darf es dafür nicht geben. Jede beweisbare Missbrauchstat muss bestraft werden. Kinder sind unser wertvollstes Gut.
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