Ärzteschaft

KBV kontrovers: Experten sprechen sich für mehr Patientenbeteiligung aus

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Berlin – Mehr Möglich­keiten der Selbst­bestimmung, aber auch mehr Eigen­verant­wortung für Patienten im Gesund­heits­wesen haben Vertreter der Vertrags­ärzte, der Krankenkassen und der Patienten heute in Berlin gefordert.

Umstritten blieb jedoch bei der Diskussionsrunde der Kassen­ärztlichen Bundes­vereinigung (KBV), ob eine größere Eigen­verantwortung auch mit einer höheren finanziellen Beteili­gung an den Krank­heits­kosten einhergehen sollte.

Die Veran­staltung in der Reihe „KBV kontro­vers” stand diesmal unter dem Motto „Arzt und Patient: Wie viel Selbstbestimmung darf’s denn sein?“

Karin Stötzner /Lopata
Einig war sich das Podium darüber, dass Patienten heutzutage informierter sind und ärztliches Tun durchaus kritisch hinterfragen. Allerdings beklagte die Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss, Karin Stötzner, ein nach wie vor bestehendes strukturelles Ungleichgewicht zwischen Arzt und Patient: „Selbstbewusstsein, Informations- und Bildungsstand der Patienten sind noch  nicht gut genug, um dem Arzt gegenüber souverän auftreten zu können.“ Sie forderte deshalb mehr geprüfte Patienteninformationen, die auf verlässlichen Studien basierten.

KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller bekräftigte, die Ärzte fürchteten sich nicht vor informierten und kritischen Patienten. Das mache die Diskussion spannend und zeige, dass sich der Patient mit seiner Erkrankung auseinandersetze. Wie zuvor Stötzner beklagte er eine ungeordnete Informationsflut.

„Es gibt einen Dschungel von Informationen. Ob der Patient dort immer die für ihn richtige Antwort findet, ist nicht gewährleistet“, so Müller. Neben der Mitbestimmung des Patienten betonte Müller aber auch dessen Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit. „Ich kann Gesundheit nicht versichern“, sagte der KBV-Vorstand. „Ich muss sie durch eigenes Verhalten erhalten oder zur Krankheitsbewältigung aktiv beitragen.“

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Für mehr Transparenz bei ihren Versicherten will die AOK mit ihrem Arztnavigator und einem Modellvorhaben zur Patientenquittung sorgen. „Wir sind auf gutem Wege“, sagte der Leiter Stab Medizin des AOK Bundesverbandes, Gerhard Schillinger, zu dem Arztbewertungsportal, das seine Kasse im Internet gestartet hat.

„Wir fragen systematisch das ab, was die Patienten beurteilen können.“ Freigeschaltet würden die Beurteilungen erst, wenn sich mindestens zehn Patienten geäußert hätten und man damit sicherstellen könne, dass es sich nicht um Einzelmeinungen handele.

Mit dem Modellprojekt zur Patientenquittung wolle die AOK in erster Linie den vernünftigen Umgang mit den Ressourcen im Gesundheitswesen fördern und auch bei den eigenen Versicherten Kostenbewusstsein und Verantwortungsgefühl wecken.

„Mit Kosteneinsparungen rechnen wir kaum“, meinte Schillinger. In der Modellregion der AOK Nord-West können Patienten über ein Internetportal nachvollziehen, welche Leistungen der Arzt erbracht hat und wie viel diese gekostet haben.

Andreas Köhler /Lopata
„Warum reden wir eigentlich immer über Selbstbestimmung, aber nicht über Selbstbeteiligung?“, fragte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Köhler. Wenn es um eine nachhaltige Finanzierung des Gesundheitswesens gehe, müsse man auch über diese Frage diskutieren. Dabei gelte es auch, Tabus zu brechen. „Müssen Ältere sich mehr an den Gesundheitskosten beteiligen? Welchen Vorteil haben Prämienmodelle, eine Kapitaldeckung oder die höhere Eigenbeteiligung der Patienten? Das sind Fragen, die wir diskutieren müssen“, sagte Köhler.

Gegen eine höhere Eigenbeteiligung sprach sich der Leiter der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin, Rolf Rosenbrock aus. Studien belegten, dass höhere Zuzahlungen keine steuernde Wirkung entfalteten. „Solange Direktzahlungen nicht spürbar sind, nützen sie nichts.

Wenn sie spürbar sind, halten sie die falschen vom Gang zum Arzt ab“, meinte Rosenbrock. „Wir müssen mehr Kosten- und Gesundheitsbewusstsein schaffen, aber nicht über Zuzahlung.“ Stattdessen plädierte er für bessere Patienteninformationen und eine bessere Beratung sowie rationalere Therapieentscheidungen der Ärzte. „Wenn die Ärzte Evidenz basierte Medizin betrieben, wäre das System nachhaltig finanzierbar.“ © HK/aerzteblatt.de

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harlekin2000
am Sonntag, 30. Oktober 2011, 17:11

Verbale Onanie

besser kann man wohl die Veranstaltung nicht zusammenfassen.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 29. Oktober 2011, 16:57

Transparenz und Reliabilität

Vertrauen einlösen und garantieren, Zuverlässigkeit darstellen und realisieren - das wären d i e Maximen für die Zukunft!

Derzeit schieben alle Interessengruppen und Meinungsbildner im Gesundheits- und Krankheitswesen, aber auch in Medien und Öffentlichkeit die Verantwortung dem jeweils Anderen zu:

- "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker", damit entledigen sich die Pharmahersteller (kostenfrei) i h r e r Verantwortung für Produkt- und Prozessqualität.

- "Sie müssen Alles, was notwendig ist, von Ihrem Arzt auch verordnet bekommen", sagen in Form eines sibyllinischen Orakels alle GKV- Krankenkassenmitarbeiter/-innen den Ratsuchenden. Und verschweigen unisono das Wirtschaftlichkeitsgebot nach § 12 SGB V.

- Die (teuren) COX-II-Inhibitoren verschreibt Ihnen selbstverständlich Ihr Hausarzt sagt der Orthopäde mit den 10 injektionsfertig vorbereiteten NSAR-Mischspritzen.

- Den Befund erklärt Ihnen Ihr Hausarzt ausführlich, sagt der Kardiologe zum fragenden KHK-Patienten.

- Die zur eigentlichen Abklärung noch erforderlichen ANCA-AMA-Tests und ein CT/MRT-Schädel können ambulant vom Hausarzt veranlasst und 1 Tag später vom niedergelassenen Neurologen interpretiert werden schreibt die neurologische Fachklinik, um den nächsten "Fall" DRG-günstig aufnehmen zu können.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zeit, Raum (und Honorar) für Gesundheitsförderung, Reflexion der eigenen erstarrten Verhaltensweisen und Aufbrechen des stereotypen Über und Aneinander vorbei Redens werden n i c h t gewährt. Stattdessen Technik, Prozess- und Ergebnisqualität, Labor, robotergestützte Eingriffe etc. Aber keine Zuwendung, Empathie, kein Zuhören, keine Kommunikation. D a s ist die Krise in der Patient-Arzt-Kommunikation.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
promisit
am Donnerstag, 27. Oktober 2011, 08:13

Wer diskutiert über wen?

Alle, die Diskutanten, die sicher sind, im Falle einer behandlungsbedürftigen Erkrankung 1. Klasse behandelt zu werden, würden völlig anders argumentieren, wenn alle solidarisch Beiträge zahlen und alle die gleiche Behandlung im Krankheitsfall erfahren. Doch dies bleibt Illusion.....
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