Medizin

IVF: Ovarielle Stimulation erhöht Risiko auf Borderline-Tumore

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Amsterdam – Die hormonelle Stimulation der Ovarien, eine häufige Methode zur Gewinnung von Eizellen für die künstliche Befruchtung, begünstigt möglicherweise die Bildung von Borderline-Tumoren des Ovars. Eine Kohortenstudie in Human Reproduction (2011; doi: 10.1093/humrep/der322) zeigt langfristig auch Hinweise auf einen Anstieg von Ovarialkarzinomen. Für die behandelten Frauen ist das individuelle Risiko gering.

Während im natürlichen Monatszyklus normalerweise nur ein Follikel heranreift, kann die Zahl durch die gezielte Gabe von Hormonen wie FSH deutlich gesteigert werden. Dies erleichtert die Entnahme von Eizellen, von denen in der Regel mehrere für die In-vitro-Fertilisation oder andere reproduktionsmedizinische Therapien benötigt werden.

Der Verdacht, dass die Hormone die Bildung oder das Wachstum von Tumoren im Ovar begünstigen könnte, ist nicht neu. Die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Studien waren aber zu keinem klaren Ergebnis gelangt, berichtet Flora van Leeuwen, die am Nederlands Kanker Instituut in Amsterdam die Abteilung für Epidemiologie leitet.

Die meisten Studien hatten jedoch eine geringe Fallzahl und die Nachbeobachtungszeit war gering. Auch hatten sie IVF-Patienten mit gesunden Kontrollen ohne Fertilitätsproblem verglichen, was schnell zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen kann, da Schwangerschaften das Risiko auf ein Ovarialkarzinom senken.

Das OMEGA-Projekt vermied diese Nachteile: Mit 19.146 Frauen, die in den Jahren 1983 bis 1995 eine IVF-Behandlung erhielten und 6.606 Kontrollen von subfertilen Frauen, die keine Hormone erhielten, ist die Kohorte groß genug, um den Einfluss auf einen insgesamt seltenen Tumor zu untersuchen.

Bis 2007 erkrankten nur 77 Frauen an einem ovariellen Malignom. Dabei fiel auf, dass von den 61 Krebserkrankungen nach IVF-Therapie 31 auf sogenannte Borderline-Tumoren entfielen. Im Unterschied zu anderen sehr aggressiven Ovarialkarzinomen haben Borderline-Tumoren ein niedriges malignes Potenzial. Sie werden meist im Stadium I entdeckt, in dem die Heilungschancen gut sind. Andere Ovarialkarzinome werden normalerweise in einem späteren Stadium diagnostiziert.

Allerdings entfallen nur 15 Prozent aller Ovarialkarzinome auf diesen Typ. Dass der Anteil unter den IVF-Patientinnen deutlich höher war, spricht für einen möglichen kausalen Zusammenhang mit der Behandlung.

Van Leeuwen ermittelte eine standardisierte Inzidenzrate (SIR) von 1,76 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,16–2,56). Sie steigt auf 2,14 (1,07-4,25), wenn die Ovarialkarzinome ebenfalls berücksichtigt werden. Dies bedeutet, dass Frauen nach einer Hormonbehandlung doppelt so häufig wie andere an einem Ovarialtumor erkranken.

Da Ovarialkarzinome selten sind (3,7 Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen) ist das absolute Risiko für die betroffenen Frauen gering. Van Leeuwen schätzt, dass das kumulative Risiko bis zum Alter von 55 Jahren an einem Ovarialkarzinom oder einem Borderline-Tumor zu erkranken, von 0,45 Prozent auf 0,71 Prozent steigt.

Da die meisten Borderline-Tumoren, wenn auch nach teilweise ausgedehnten Operationen geheilt werden können, dürften viele Frauen mit Kinderwunsch dieses Risiko akzeptieren. Van Leeuwen fand jedoch heraus, das gegen Ende der Nachbeobachtungsphase auch das Risiko auf ein malignes Ovarialkarzinom ansteigt: Nach 15 Jahren betrug die SIR 3,54 (1,62–6,72).

Da viele IVF-Therapien bei jüngeren Frauen durchgeführt werden, könnte viele ein Alter erreichen, in dem sie dieses Schicksal ereilen kann. Van Leeuwen ist sich allerdings nicht sicher, dass die Assoziation real ist. Sie hat deshalb die Kohorte um 8.800 Frauen erweitert, die in den Jahren 1995 bis 2000 behandelt wurden.

Wie immer bei Studien dieser Art müssen Verzerrungen durch andere Risikofaktoren ausgeschlossen werden. In den OMEGA-Studien erhielten alle Frauen deshalb einen Fragebogen zugeschickt, in dem sie sich zur Anzahl der Schwangerschaften, der Ursache der Infertilität und anderen Faktoren äußern sollten, die das Risiko auf ein Ovarialkarzinoms beeinflussen.

Trotz der großen Sorgfalt kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Ergebnisse nicht die Wirklichkeit widerspiegeln. Sollte sich das Krebsrisiko bestätigen, müsste Frauen nach einer IVF-Behandlung ein intensives Screening angeboten werden.

Ob Ultraschalluntersuchungen oder Blutuntersuchungen auf Tumormarker maligne Tumoren rechtzeitig erkennen können, ist allerdings umstritten. Ein Screening auf Ovarialkarzinome wird derzeit im Allgemeinen nicht empfohlen. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige