Hämatologie: Mini-Transplant mit langfristig gutem Ergebnis
Mittwoch, 2. November 2011
Seattle – Ältere Patienten mit Leukämien oder Lymphomen, für die eine konventionelle hämatopoetische Stammzelltherapie zu riskant wäre, bietet eine Mini-Transplant eine reelle Therapiechance. Dies zeigen die bisherigen Erfahrungen aus den USA und Europa, die jetzt im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2011;306: 1874-1883) vorgestellt wurden.
Die hochdosierte allogene hämatopoetische Stammzelltherapie (HSCT) kann Lymphome und Leukämien heilen. Sie kann den Patienten aber auch töten. Denn die hoch-dosierte Chemotherapie und die Radiotherapie, die die Vernichtung aller blutbildenden Zellen des Knochenmarks und des Immunsystems anstreben, können den Organismus eines älteren Menschen überfordern. Die meisten Kliniken setzen die Altersgrenze bei 55 bis 60 Jahren.
Älteren Patienten wird an einigen Kliniken eine non-myeloablative allogene Stammzelltherapie angeboten. Sie wurde Mitte der 90er-Jahre von Rainer Storb in Seattle entwickelt. Dabei wird das Immunsystem nicht zerstört, sondern nur soweit supprimiert, dass das Mini-Transplant nicht abgestoßen wird.
Die Therapie beruht auf der Idee, dass die Immunzellen des Transplantates die Lymphom- oder Leukämiezellen bekämpfen. Dass es einen solchen „graft-versus-leukemia“-Effekt gibt, steht außer Zweifel. Ob er stark genug ist, die Erkrankung auf Dauer zu besiegen, ist umstritten.
Die jetzt von Mohamed Sorror vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und Mitarbeitern vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass eine gewisse Wirkung besteht (auch wenn sich das Ausmaß mangels Vergleichsgruppe unbehandelter Patienten schwer abschätzen lässt).
Sorror fasst die Ergebnisse aus 18 Zentren in den USA und Europa (darunter Leipzig, Tübingen, Köln) zusammen. Dort hatten zwischen 1998 und 2008 insgesamt 372 Patienten im Alter von 60 bis 75 Jahren ein Mini-Transplant erhalten, 33 Patienten waren sogar über 70 Jahre alt. Die Patienten litten an akuten oder chronischen Leukämien, Lymphomen, multiplen Myelomen, myelodysplastischen Syndromen oder vergleichbaren Erkrankungen. Alle wurden nach demselben in Seattle entwickelten Protokoll behandelt.
Bis Mitte 2010 lebten noch 133 Patienten. Die mediane Beobachtungszeit beträgt 55 Monate. Ohne Mini-Transplant wären die meisten dieser Patienten bereits gestorben, ist sich Sorror sicher. Das Mini-Transplant konnte aber nicht alle Patienten retten.
135 Patienten starben an einem Rezidiv der Erkrankung. Bei den übrigen 104 Patienten war der Tod zumeist Folge von Infektionen, einer „graft-versus-host“-Erkrankung (GVHD) oder einem Multiorganversagen, er war also häufig Folge der Therapie.
Sorror errechnet für die ersten 5 Jahre eine Gesamtüberlebensrate von 35 Prozent und ein rezidivfreies Überleben von 32 Prozent. Die kumulative Rezidivrate nach 5 Jahren beträgt 41 Prozent. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass das Alter der Patienten keinen Einfluss auf den Erfolg der Therapie hatte.
Der wichtigste Risikofaktor waren Begleiterkrankungen, die mit dem von Sorror entwickelten Hematopoietic Cell Transplant-specific Comorbidity Index (HCT-CI) bewertet werden. Bei einem hohen ungünstigen Score lebten nach 5 Jahren noch 23 Prozent der Patienten, bei einem niedrigen günstigen Score waren es dagegen 69 Prozent.
Die Therapie hat den Vorteil, dass sie die Patienten wenig belastet. Die Hälfte der Patienten musste nach der Transplantation nicht hospitalisiert werden. Zwei Drittel der Patienten konnten die immunsupprimierenden Medikamente nach zweieinhalb Jahren absetzen.
Bei anderen kam es allerdings zu einer schweren GVHD. Sie ist gewissermaßen die Kehrseite des erwünschten „graft-versus-leukemia“-Effekts. Ein wichtiges Ziel der kommenden Jahre wird es sein, die Therapie weiter zu verfeinern, meint der Editorialist Shin Mineishi von der Universität in Ann Arbor.
Die Studie zeigt, dass die Therapie keinem Patienten aus Altersgründen verweigert werden sollte. Laut dem Center of International Blood and Marrow Transplantation Research erhält in der Altersgruppe über 60 Jahren derzeit nur jeder vierte eine Stammzelltherapie.
© rme/aerzteblatt.de
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