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Politik

Ärzte würden ihren Beruf noch einmal wählen

Mittwoch, 23. November 2011

Berlin – Die Deutschen sind mit der Leistungsfähigkeit ihres Gesundheitssystems zufrieden. „Seit vier Jahren steigt die Zufriedenheit auf hohem Niveau. Aktuell befinden 72 Prozent der Bürger das System für gut oder sehr gut“, sagte die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach heute in Berlin anlässlich der Vorstellung des MLP Gesundheitsreports 2011. Die deutschen Ärzte beurteilen das Gesundheitssystem sogar zu 88 Prozent als gut oder sehr gut.

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64 Prozent der befragten gesetzlich versicherten Patienten sind zudem mit ihrem Versicherungsschutz zufrieden und fühlen sich gut abgesichert. Auch 68 Prozent der befragten Ärzte sind der Ansicht, dass der Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ausreicht. Zudem sank die Zahl der Patienten, die sich Sorgen machen, dass ihnen eine notwendige Behandlung im Krankheitsfall vorenthalten wird, im Vergleich zum Vorjahr von 42 auf 32 Prozent.   

Man müsste erwarten, dass angesichts einer solch positiven Beurteilung des Systems auch die Politik positiv bewertet wird. Dem ist aber nicht so“, sagte Köcher. So hätten 55 Prozent der Patienten und 72 Prozent der Ärzte keinen guten Eindruck von der Gesundheitspolitik. 

In den kommenden zehn Jahren erwarten die befragten Patienten zu 79 Prozent sowohl steigende Beiträge als auch eine zunehmende Zwei-Klassen-Medizin, zu 78 Prozent erhöhte Zuzahlungen für Medikamente und zu 61 Prozent, dass Behandlungen aus Kostengründen nicht mehr durchgeführt werden. „Die Sorgen der Patienten, dass sich das Gesundheitssystem künftig verschlechtert, sind groß“, erklärte Köcher.

Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung werden nicht ausreichen. Dieser Ansicht sind 77 Prozent der befragten Patienten und 80 Prozent der befragten Ärzte. 86 Prozent der Ärzte sind insofern der Meinung, dass das Gesundheitssystem unzureichend auf den demografischen Wandel vorbereitet ist. 

70 Prozent der befragten Ärzte sind darüber hinaus der Ansicht, dass das Problem des Ärztemangels von der Politik unterschätzt wird. Sorgen machen sich insbesondere Krankenhausärzte in ländlichen Gebieten. 78 Prozent von ihnen sehen in ihrer Region einen Ärztemangel oder fürchten, dass in den nächsten Jahren dazu kommt. 

Die Pläne der Regierung, mit dem Versorgungsstrukturgesetz, die flächendeckende Versorgung sicherzustellen, begrüßen die Ärzte, insbesondere das Bestreben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern (95 Prozent), die finanzielle Förderung von Praxen in unterversorgten Gebieten (82 Prozent) und die stärkere Regionalisierung der Bedarfsplanung (79 Prozent).  

78 Prozent der befragten Ärzte sind der Ansicht, dass die Belastungen des Arztberufs in den letzten Jahren angestiegen sind. Dennoch würde sich die große Mehrheit der Ärzte wieder für den Arztberuf entscheiden, 59 Prozent ganz bestimmt und 23 Prozent wahrscheinlich. Mit ihrer wirtschaftlichen Lage sind darüber hinaus 82 Prozent der Ärzte zufrieden, Krankenhausärzte (85 Prozent) mehr als Hausärzte (76 Prozent). 

Dass mehr als 70 Prozent der Bürger die Gesundheitsversorgung in Deutschland als positiv bewerteten, sei Ausdruck des Vertrauens der Menschen in ihre Ärzte, ihre Krankenhäuser und in die Pflegenden, sagte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, die als Kooperationspartner an dem Report beteiligt ist.

Nur durch deren unermüdlichen Einsatz in Klinik und Praxis, oft an der Grenze der Belastbarkeit, könnten die Folgen der defizitären finanziellen und personellen Ausstattung des Gesundheitswesens für die Patienten gemildert werden. 

Politik muss sich der Priorisierungsdebatte stellen
Montgomery wies darauf hin, dass sich laut Umfrage viele Ärzte gezwungen sehen, eine Behandlung aus Kostengründen in das nächste Quartal zu verschieben: 16 Prozent häufig, 20 Prozent gelegentlich und 23 Prozent selten. Es sei daher unbestritten, dass sich der medizinische Fortschritt unter den gegenwärtigen finanziellen Rahmenbedingungen zukünftig nicht mehr in den Praxen und Kliniken abbilden lasse. Montgomery: „Wenn die finanziellen Mittel nicht dem Versorgungsbedarf angepasst werden können, dann muss sich die Politik über kurz oder lang der Priorisierungsdebatte stellen.“ 

Für die Umfrage befragte das Allensbach Institut im Auftrag von MLP 2.262 Deutsche ab dem 16. Lebensjahr sowie 552 Ärzte, darunter 308 ambulant und 214 stationär tätige. © fos/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 24. November 2011, 19:34

Bundesgesundheitspolitik in der Krise

Unsere Systeme der Kranken- und Pflegeversicherungen kranken an inadäquater bis nicht existenter Versorgungsforschung. Wir können nicht einmal erahnen, wo medizinische Versorgungsmängel oder -überfluss, wo Pflegenotstand oder Ärztemangel sozial, inhaltlich und regional bestehen. Prioritäre Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegeziele können weder formuliert noch umgesetzt werden.

Im Gegensatz zur Ebene der Landes-GesundheitsministerInnen gewinnt man in der Bundespolitik den Eindruck, dass dort zu den Themenkomplexen Medizin und Pflege besonders bildungsferne Schichten existieren. Diejenigen, die im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages zielgenau die Toiletten finden, halten sich bereits für Gastroenterologie-Experten. Mit Chuzpe, Überschätzung der eigenen Qualifikation und mangelnder Selbstreflexion werden in Bundestag, Regierung wie Opposition medizinisches und gesundheitspolitisches Halbwissen, Versorgungsnihilismus und gesundheitsökonomisches Laienschauspiel gepflegt.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Kollege Frank Ulrich Montgomery, lässt sich mit der Priorisierungsdebatte unüberlegt aufs Glatteis führen. Denn hinter der Priorisierung steht die Rationierung und Zuteilungsmedizin. Möglicherweise soll bei gleichzeitiger Verknappung von Medizinressourcen plötzlich mehr Geld für weniger Leistung generiert werden. Eine „Verknappungsforschung“, welche Ärzte, Bürgerinnen und Bürger nicht mehr so hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt, wie in dem obigen Artikel die Interpretation dieser Befragungsergebnisse suggerieren möchte.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM

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