WidO-Versorgungsreport erwartet keine Explosion der Gesundheitskosten
Montag, 28. November 2011
Berlin – Der demografische Wandel könnte die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) weit weniger belasten als vielfach angenommen. Das geht aus dem jetzt veröffentlichten Versorgungs-Report 2012 „Gesundheit im Alter“ hervor, den das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) vorgestellt hat.
Darin analysieren 42 Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen die ambulante und stationäre Versorgung, die Arzneimitteltherapie, Pflege, Prävention und Palliativmedizin unter dem Blickwinkel der alternden Gesellschaft. Ein Fazit des Reports ist laut WidO, dass Deutschland eine deutlich bessere geriatrische Qualifizierung der Gesundheitsberufe benötige.
Das unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG). „Geriatrische Behandlung wird zu vielen älteren Menschen vorenthalten. Geriatrie ist an nicht einmal zehn Prozent der medizinischen Fakultäten Deutschlands vertreten“, sagte der Präsident der Fachgesellschaft, Werner Hofmann, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.
Demografie Den Analysen des Versorgungs-Reports hat das WidO eine Darstellung der demografischen Entwicklung in Deutschland bis 2060 vorangestellt. „Derzeit kommen im Bundesschnitt 34 über 65-Jährige auf 100 erwerbsfähige Männer und Frauen im Alter zwischen 20 bis 65 Jahren“, erläutert WidO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Bis 2060 werde sich das dramatisch verändern. Dann weise Bremen mit einem Verhältnis von 63 zu 100 den günstigsten Altersquotienten auf.
In Ostdeutschland werde der Wert durchweg über 72 liegen, an der Altersspitze liegt laut dem Report Brandenburg mit 78 Menschen über 65 je100 Erwerbsfähigen. „2050 werden wir es mit bis zu drei Millionen Demenzkranken zu tun haben - 90 Prozent davon pflegebedürftig“, so Klauber.
Gesundheitskosten Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Stefan Felder von der Universität Basel steigen die GKV-Ausgaben aufgrund des zunehmenden Anteils Älterer an der Bevölkerung bis 2050 um bis zu 20 Prozent. Das entspricht einem Ausgabenplus von 0,4 Prozent pro Jahr. Zwischen 2005 und 2009 sind die Ausgaben der GKV im Jahresmittel aber um 3,7 Prozent gestiegen. „Felders Berechnungen für den Versorgungs-Report 2012 haben ergeben, dass die steigende Lebenserwartung zwar durchaus höhere Ausgaben nach sich zieht, aber bei weitem nicht im Ausmaß einer Kostenexplosion“, hieß es aus dem WidO.
Polymedikation Laut dem Versorgungsreport erhalten augenblicklich rund vier Millionen über 65-jährige Patienten mindestens ein problematisches Medikament, bei dem die Nachteile den Nutzen übersteigen. 5,5 Millionen sind Risiken durch gleichzeitige Einnahme verschiedener Medikamente ausgesetzt. „Die Arzneimitteltherapie für Ältere muss dringend verbessert werden“, fordert Klauber. Dazu könnten evidenzbasierte Therapieempfehlungen, hausärztliche Therapiezirkel und eine auf ältere Menschen zugeschnittene Pharmakotherapieberatung für Ärzte beitragen, so der WidO-Chef.
„Jeder Arzt sollte sich das evidenzgestützte Wissen von Leitlinien zunutze machen“, betonte DGG-Präsident Hofmann, wies aber auf eine Schwierigkeit in diesem Bereich hin: Da einzelne Leitlinien in der Regel multimodale Empfehlungen für die gleichzeitige Gabe mehrerer Medikamente enthielten, provozierten gerade Leitlinien Polypharmazie und Multimedikation bei Mehrfach-Erkrankungen im Alter. Außerdem seien die wenigsten Medikamente für die Behandlung bei Älteren erforscht.
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