Zukunft der Dörfer: Gelockerte Standards bieten Chancen auch für die medizinische Versorgung
Dienstag, 29. November 2011
dpa
Berlin – Die ärztliche Versorgung wird immer schwerer aufrecht zu erhalten, Schulen und Geschäfte schließen, Immobilien verlieren massiv an Wert – der demografische Wandel führt dazu, dass mehr und mehr Dörfer von einem rapiden Einwohnerschwund betroffen sind.
Das Berlin-Institut hat diese Entwicklung im Detail in einer neuen Studie nachvollzogen, die es am Montag in Berlin vorgestellt hat. Dafür haben die Forscher die demografische Entwicklung von Dörfern im thüringischen Kreis Greiz sowie im hessischen Vogelsbergkreis untersucht. Dort sank die Zahl der Einwohner zwischen 2004 und 2010 um neun (Kreis Greiz) beziehungsweise sechs Prozent (Vogelsbergkreis).
Generell gilt nach Ansicht der Wissenschaftler des Berlin-Instituts: Je weiter entfernt eine Gemeinde von der nächsten größeren Stadt (in der Studie: dem Oberzentrum) entfernt liegt, umso stärker fällt in der Regel der Bevölkerungsrückgang aus.
Ländliche Gemeinden im Westen, von denen aus man weiter als 40 Minuten zum nächsten Oberzentrum fahren muss, verloren zwischen 2003 und 2008 im Durchschnitt knapp zwei Prozent ihrer Einwohner.
In Ostdeutschland schrumpfen Siedlungen schon, wenn es mehr als 20 Minuten zum nächsten größeren Zentrum sind. Neben vielen Gemeinden im Osten sind von diesen Prozessen im Westen vor allem das westliche Rheinland-Pfalz, Nordhessen, Südostniedersachsen und das nördliche Bayern betroffen.
Die Studie des Berlin-Instituts legt nahe, sich von dem Postulat „Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen“ zu verabschieden. „Dünn besiedelte ländliche Regionen brauchen andere, gelockerte gesetzliche Standards für ihre Infrastruktureinrichtungen als wachsende oder urbane Regionen“, heißt es. Sonst würden steigende Kosten für Trinkwasser, Müllentsorgung, Straßenunterhalt und Ämter ein Leben auf dem Land vielerorts unbezahlbar machen.
Steffen Kröhnert, einer der Autoren der Studie, hatte kürzlich im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt darauf verwiesen, dass dies auch für die medizinische Versorgung gelte. „Ein niedrigerer Standard, der die Grundbedürfnisse der Menschen aufgreift, ist immer noch besser als gar keine gesundheitliche oder psychosoziale Betreuung. Das heißt: Lieber eine Gemeindeschwester als gar kein Arzt“, hatte Kröhnert erläutert.
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