Zu viele Kopfbälle schaden dem Gehirn
Dienstag, 29. November 2011
 |
| Hirnschäden durch Kopfball (blau die geschädigten Leitungsbahnen) |
New York – Häufige Kopfbälle beim Fußballspiel ziehen Nervenfasern im Gehirn in Mitleidenschaft. Dies können US-Forscher mit Hilfe der Diffusions-Tensor-Bildgebung, einer Variante der Kernspintomographie nachweisen.
Bei 1.000 bis 1.500 Kopfbällen pro Jahr könne es zu Schäden kommen wie bei einem akuten Schädel-Hirn-Trauma, warnen sie.
Die Diffusions-Tensor-Bildgebung misst die Bewegungen von Wassermolekülen in Körpergewebe. Da Membrane die frei Diffusion behindern, kann die Software moderner Kernspintomographen die Kabelstränge der Nervenzellen im Gehirn sichtbar machen.
Die Gruppe um Michael Lipton vom Albert Einstein College of Medicine in New York hat mit der Methode die Gehirne von 34 Amateurspielern untersucht, die seit ihrer Kindheit begeisterte Fußballer waren. Die Teilnehmer im Alter von durchschnittlich 31 Jahren wurden nach der Zahl der Kopfbälle pro Spiel befragt, die Lipton auf das Jahr hoch rechnete.
Ergebnis: Je mehr Kopfbälle die Spieler absolvierten, desto größer waren die Veränderungen in der Diffusions-Tensor-Bildgebung. Mehr als 1.000 bis 1.500 Kopfbälle pro Jahr gingen mit Veränderungen einher, wie sie bei Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma beobachtet würden, warnt Lipton jetzt auf der Jahrestagung der Radiological Society of North America in Chicago.
Das Verteilungsmuster der Schäden spricht für eine Verursachung durch die Kopfbälle. Vier der fünf „Regions of Interest“ (ROI) befanden sich in temporo-okzipitalen Regionen, also auf der Contre-coup-Seite des Schädelhirntraumas. Die fünfte ROI wurde auf der Coup-Seite im Stirnhirn gefunden.
Dass es sich keineswegs um technische Befunde ohne klinische Relevanz handelt, zeigen die Ergebnisse neuropsychologischer Tests. Die Spieler mit den meisten Kopfbällen wiesen Schwächen im verbalen Gedächtnis und in der psychomotorischen Geschwindigkeit auf, die Lipton mit ebenjenen ROI in Verbindung bringt, die kopfballinduzierte Läsionen aufwiesen.
Lipton ist sich deshalb sicher, dass (zu häufige und zu heftige) Kopfbälle die Nervenfasern im Gehirn zerreißen können. Ob diese Interpretation außerhalb der USA Gehör finden wird, bleibt abzuwarten.
 |
| dpa |
Es gibt allerdings einen prominenten „Arbeitsunfall“ in der Fußballgeschichte. Rechtsmediziner machten 2002 Hirnschäden durch häufige Kopfbälle für den Tod des britischen Profis Jeff Astle (361 Pflichtspiele, 174 Tore) verantwortlich, der als besonders kopfballstark galt. Astle hatte in den Jahren vor seinem Tod an zunehmenden kognitiven Störungen gelitten.
Als Astle Profi war, wurde noch mit schwereren Lederbällen gespielt, die bei Nässe viel Wasser aufnahmen und stark an Gewicht zunahmen, was nach dem Impulsgesetz (Masse mal Geschwindigkeit) die Wucht beim Aufprall auf den Kopf deutlich vergrößert. Bei Amateuren kann der Ball eine Geschwindigkeit von 50 km pro Stunde, bei Profis auch die doppelte Geschwindigkeit erreichen.
© rme/aerzteblatt.de
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.