Gentherapie schützt Mäuse vor HIV-Infektion
Donnerstag, 1. Dezember 2011
Pasadena – Der Nobelpreisträger David Baltimore, der seinerzeit die Reverse Transkriptase entdeckt hat, hat Mäuse mit einer Variante der Gentherapie erfolgreich vor einer HIV-Infektion geschützt. Seine in Nature (2011; doi: 10.1038/nature.2011.9516) vorgestellte „vektorisierte Immunprophylaxe“ (VIP) überlässt Muskelzellen die Produktion von präventiven Antikörpern. Der Weg zu ersten klinischen Studien dürfte allerdings noch weit sein.
In den letzten Jahren wurden mehrere Antikörper entdeckt, die das HI-Virus im Körper neutralisieren können. Die wenigen glücklichen Besitzer dieser Antikörper sind vor einer Infektion mit HIV geschützt. Alle Versuche das Immunsystem durch eine Impfung auf die Produktion dieser Antikörper zu trainieren, sind jedoch bisher gescheitert. Die Gruppe um Baltimore vom California Institute of Technology in Pasadena geht jetzt einen anderen Weg.
Statt auf die Fähigkeit des ohnehin durch die HIV-Infektion angegriffenen Immunsystems zu setzen, sollen bei der VIP (vectored immunoprophylaxis) Muskelzellen die Produktion übernehmen. Dies wurde über eine Gentherapie mit adeno-assoziierten Viren (AAV) erreicht.
Die Viren wurden mit dem Gen für einen protektiven Antikörper ausgestattet. Nach einer intramuskulären Injektion reichten die Viren das Gen an die Muskelzellen weiter. Im Tierexperiment an Mäusen (mit einem humanisierten Immunsystem) war die VIP äußerst effektiv.
Fünf unterschiedliche Antikörper
Die Forscher haben insgesamt fünf unterschiedliche Antikörper eingesetzt. Zwei von ihnen, b12 und VRC01, vermittelten einen sehr effektiven Schutz. Die Tiere widerstanden selbst der hundertfachen Virusdosis, die natürlicherweise eine Infektion auslösen würde. Die umprogrammierten Muskeln produzierten selbst nach 52 Wochen noch eine ausreichende Menge von protektiven Antikörpern. Die Therapie könnte also ebenso langfristig wirken wie eine Impfung.
Die VIP ist nicht Baltimores Erfindung. Bereits vor zwei Jahren hatten Forscher des Children's Hospital of Philadelphia Affen durch eine ähnliche Gentherapie erfolgreich gegen eine Infektion mit dem Simianen Immundefizienz-Virus (SIV) gefeit (Nature Nature Medicine 2009; 15: 901-906).
Gegenüber Nature äußerte Baltimore die Überzeugung, dass schon bald mit klinischen Studien begonnen werden könnte. Der Grundlagenforscher könnte jedoch die Hürden unterschätzen, die der Anwendung beim Menschen entgegen stehen. Die Arzneimittelbehörden dürften zunächst auf weitere tierexperimentelle Studien drängen, um die Sicherheit der VIP zu prüfen.
Die Bedenken betreffen beispielsweise die mögliche Induktion von Tumoren, zu denen es kommen kann, wenn die Gene zufälligerweise in der Nähe von Onkogenen ins Erbgut der Muskelzellen integriert werden.
Deren Promotoren könnten dann eine unkontrollierte Zellproliferation verursachen. Da die HIV-Infektion derzeit durch Medikamente gut kontrolliert werden kann, dürfte es keinen Grund geben, die Gesundheit der Infizierten durch übereilte klinische Tests zu gefährden, zumal es keine Garantie gibt, dass beim Menschen die gleiche protektive Wirkung erzielt wird wie bei den Mäusen. © rme/aerzteblatt.de
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