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Embryotox: Isotretinoin, Sartane und Valproinsäure als unterschätzte Risiken

Freitag, 2. Dezember 2011

Berlin – Auch ein halbes Jahrhundert nach dem Contergan-Skandal werden in Deutschland Ungeborene mit potenziell teratogenen Medikamenten exponiert. Die Risiken werden nach Einschätzung von Embryotox, dem bundesweit zuständigen Beratungszentrum in Berlin, oft verkannt.

Zu den (nach Contergan) giftigsten Medikamenten zählen für Christoph Schaefer, den Leiter von Embryotox, die Retinoide. Ein wichtiger Vertreter ist hier Isotretinoin, das zur oralen Behandlung der Akne eingesetzt wird.

Die Teratogenität von Isotretinoin ist bekannt, und das Mittel ist bei schwangeren und stillenden Frauen kontraindiziert. Dennoch komme es weiter zu Schwangerschaften während einer solchen Therapie, beklagt Schaefer: Die warnenden Hinweise im Beipackzettel würden nicht ausreichend befolgt und auf wirksame Verhütungsmaßnahmen unter der Therapie werde allzuoft verzichtet.

Sorge bereiten Schaefer auch die als Antihypertonika eingesetzten Sartane. Sie können ebenso wie die älteren ACE-Hemmer im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel zu Fruchtwasserverlust und schweren Schäden beim Feten führen, warnt der Experte.
 

Embryotox erhalte in den letzten Jahren nicht weniger, sondern eher mehr Berichte zur Einnahme von Sartanen im Vergleich zu ACE-Hemmern, obwohl die ACE-Hemmer generell mehr verbreitet sind. Schaefer befürchtet, dass den Sartanen als „modernerer“ Arzneigruppe nicht nur therapeutische Vorteile, sondern fälschlicherweise auch eine größere Sicherheit in der Schwangerschaft unterstellt werde.

Ein weiteres Beispiel für unterschätzte Risiken ist für Schaefer Valproinsäure. Das Antiepileptikum sei in der Schwangerschaft gefährlicher als alle anderen Antiepileptika. Es erhöhe das Fehlbildungsrisiko um das Drei- bis Vierfache und könne auch mentale Entwicklungsstörungen verursachen.

Valproinsäure sollte im gebärfähigen Alter, spätestens aber bei Planung einer Schwangerschaft, ausschließlich dann genommen werden, wenn andere, besser für das Kind verträgliche Antiepileptika nicht wirken, rät der Experte. Keineswegs dürfe es bei Frauen im gebärfähigen Alter für andere Erkrankungen wie zum Beispiel psychiatrische eingesetzt werden.

Die Exposition mit einem teratogenen Medikament in der Schwangerschaft bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass es zu Fehlbildungen kommt. Für Schaefer gibt es kaum ein Medikament, dessen Risiko so hoch ist, das nach einer Einnahme unbesehen ein Schwangerschaftsabbruch angezeigt wäre. Er rät im Zweifelsfall das Institut für Embryonaltoxikologie einzuschalten, um das individuelle Risiko abzuschätzen und, falls erforderlich, die Behandlung umzustellen.

Andere Medikamente würden in der Öffentlichkeit als riskanter wahrgenommen als sie sind. Hierzu zählt der Experte Paracetamol und Ibuprofen. Studienberichte über ein erhöhtes Risiko für Hodenhochstand oder Fehlgeburten, zu denen es nach einer Exposition in der Frühschwangerschaft kommen soll, stellen nach Einschätzung von Schaefer allenfalls einen vagen, unbestätigten Verdacht dar.

Beide Mittel seien nach wie vor Schmerzmittel der 1. Wahl in der Schwangerschaft. Im Gegensatz zu Paracetamol dürfe Ibuprofen aber nur bis zur 28. Schwangerschaftswoche eingenommen werden, weil danach der fetale Kreislauf geschädigt werden könne.

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© rme/aerzteblatt.de

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