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Gedächtnistraining vergrößert Hippocampus

Freitag, 9. Dezember 2011

London – Stupides Büffeln verändert die Struktur des Gehirns. Laut einer Studie bei angehenden Londoner Taxifahrern in Current Biology (2011; doi: 10.1016/j.cub.­2011.11.018) kommt es zu einer Vergrößerung des posterioren Hippocampus, während die anterioren Zentren dieses Gedächtniszentrums sich eher verkleinern. Ein zu schneller Wissenserwerb könnte deshalb auch negative Auswirkungen auf die Lernfähigkeit haben.

Um in London eine Berufslizenz als Taxifahrer zu erwerben, müssen die Bewerber in einer Prüfung nachweisen, dass sie 25.000 Straßennamen und 20.000 Adressen im Umkreis von 6 Meilen der Station Charing Cross im Zentrum der Metropole kennen. Dazu müssen sie 320 Routen im Detail auswendig lernen.

Bis sie „The Knowledge“ intus haben, büffeln die Kandidaten zwischen zwei und vier Jahre. Die Gruppe um Eleanor Maguire vom University College London untersucht seit Jahren, welche Auswirkungen diese Lerntorturen auf Größe und Funktion des Gehirns hat. In früheren Untersuchungen konnte sie zeigen, dass der hintere Hippocampus von Taxifahren größer ist als bei anderen Menschen.

Dies war übrigens in einer anderen Untersuchung bei Ärzten nicht der Fall (Hippocampus 2008; 18: 981–984), was Maguire weniger mit der Menge des Wissens erklärt als mit dem längeren Zeitraum, der Medizinern zur Verfügung steht. Vielleicht spielt auch der höhere IQ der Mediziner eine Rolle, der einen Wissenserwerb ohne Vergrößerung des Hippocampus ermöglicht.

In der aktuellen Publikation konnte die Hirnforscherin 79 Bewerber um eine Londoner Taxilizenz zweimal kernspintomographisch untersuchen: einmal vor dem Training und einmal nach der Prüfung, die nur 39 Bewerber bestanden. Nur bei ihnen, nicht aber bei den 40 durchgefallenen Kandidaten und auch nicht bei 31 Kontrollpersonen kam es zur Vergrößerung des hinteren Hippocampus.

Der anteriore Abschnitt dieser Hirnregion, die für die Konsolidierung des Langzeitgedächtnisses zuständig ist, war in der aktuellen Untersuchung nicht vergrößert. In früheren Untersuchungen war in diesem Abschnitt sogar eine Verkleinerung gefunden worden, was nach Maguire mit möglichen Nachteilen eines einseitigen und zu schnellen Wissenserwerbs in Verbindung bringt. Der anteriore Hippocampus ist an der Verarbeitung neuer Eindrücke beteiligt, während der posteriore Hippocampus für das Abrufen abgespeicherter Informationen zuständig ist.

Tatsächlich haben die Tests der Forscherin ergeben, dass Taxifahrer in einigen neuropsychologischen Tests schlechtere Ergebnisse erzielen als andere Menschen. Eingeschränkt war unter anderem die Fähigkeit, sich komplexe visuelle Informationen zu merken. Taxifahren fällt es zwar leichter als anderen, sich in fremden Städten zurechtzufinden. Veränderungen im Londoner Stadtplan können sie sich jedoch oft nur schwer einprägen (J Environ Psychol 2010; 30: 565-573).

Ein Taxifahrer, bei dem es infolge einer Enzephalitis zur bilateralen Schädigung im Hippocampus-Bereich gekommen war, hatte sein Straßengedächtnis nicht verloren. Er orientierte sich (in einer Computeranimation der Stadt) jedoch sehr stark an den Hauptstraßen und verirrte sich auf den Nebenstraßen (Brain 2006; 129: 2894-907).

Der Hippocampus ist eine der wenigen Hirnregionen, in denen es nach der frühen Kindheit noch zur Bildung von neuen Neuronen kommt. Ob sie oder die Konsolidierung von Synapsen die Vergrößerung verursachen, ist unklar. Unerforscht ist auch, ob genetische Faktoren den Erfolg bei der Prüfung begünstigen oder ob alle Bewerber bei der Vorbereitung die gleichen Qualen durchleben. © rme/aerzteblatt.de

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