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Umfrage: Intensivmediziner handeln häufig gegen ihre Überzeugungen

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Gent – Pflegekräfte und Ärzte auf Inten­siv­stationen handeln häufig entgegen ihren persön­lichen Überzeugungen. Dies ergab eine Umfrage in Europa und Israel, die jetzt im US-ameri­kanischen Ärzteblatt (JAMA 2011; 306: 2694-2703) veröffentlicht wurde.

Die Autoren befürchten, dass der „akute moralische Distress“ für Kündigungen und Burnout-Syndrom verantwortlich sind.

An einem Stichtag im Mai 2010 hat Ruth Piers von der Universi­tät Gent an 82 Intensiv­stationen für Erwachsene in 9 europäischen Ländern (darunter Deutschland) und in Israel Ärzte und Pflegepersonal fragen lassen, ob sie ihr Handeln als angemessen betrachten.

Immerhin einer von vier Pflegekräften und einer von drei Intensivmedizinern gab an, dass sie derzeit wenigstens einen Patienten wider besserer Überzeugung behandeln. Am häufigsten hatten sie den Eindruck, dass dieser Patient mehr Behandlung erfahre, als sinnvoll ist.

Nur selten waren die Befragten der Ansicht, dass nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft würden. Der zweithäufigste ethische Vorbehalt betraf die Verteilungsgerechtigkeit: Es gebe sicherlich andere Patienten, die das Intensivbett dringender benötigen als ihr aktueller Patient, war ein vor allem bei Ärzten verbreitetes Gefühl.

Die ethischen Bedenken gegen das eigene Handeln waren – wen wundert es – mit einer vermehrten Unzufriedenheit am Arbeitsplatz verbunden. Ein Drittel aller Befragten gab an, schon einmal über einen Arbeitsplatzwechsel nachgedacht zu haben und die Frustration über die unangemessene Behandlung ihrer Patienten war in einer Multivariat-Analyse der stärkste Motivator.

Viele Ärzte und Pflegekräfte waren der Ansicht, dass ein verbessertes Teamwork auf der Intensivstation viele Probleme lösen könnte. Gemeinsame Entscheidungen in der Therapie, die Beteiligung von Schwestern/Pfleger an Entscheidungen am Lebensende und ein größerer therapeutischer Freiraum gehörten zu den Wünschen – die allerdings schnell mit der Wirklichkeit kollidieren könnten, wie ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt.

Ärzte und Pflegekräfte waren sich nämlich keineswegs einig, bei welchen Patienten die derzeitige Pflege unangemessen war. Oft war nur einer der Beschäftigen der Ansicht, dass ein bestimmter Patienten nicht angemessen behandelt wurde, die anderen aber nicht.

Man muss befürchten, dass auch über die erforderlichen Maßnahmen nicht unbedingt Einigkeit bestehen dürfte. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Entscheidung bedeutet keineswegs, dass auch ein Konsens über das Handeln erreicht wird. © rme/aerzteblatt.de

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