Politik

Verwaltungskosten im Gesundheitswesen: Milliarden können eingespart werden

Sonntag, 1. Januar 2012

Hamburg – Die Verwaltungskosten im deutschen Gesundheitssystem sind offenbar wesentlich höher als bisher angenommen. Einer Studie der Unternehmensberatung A. T. Kearney zufolge entfielen im Vorjahr 23 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Höhe von 176 Milliarden Euro auf die Bürokratie. In der Industrie liege dieser Anteil bei nur 6,1 Prozent, heißt es laut einem Spiegel-Bericht in der Studie.

Die Krankenkassen verursachen demzufolge nicht nur in ihren eigenen Unternehmen Bürokratie, sondern in der gesamten Branche, etwa bei Apotheken, Arztpraxen oder Krankenhäusern. Neben den offiziell angegebenen Verwaltungskosten in Höhe von 9,5 Milliarden Euro kämen deshalb noch weitere 18 Milliarden Euro hinzu, die bisher nirgendwo veranschlagt seien.

So gingen etwa bei Krankenhausärzten 37 Prozent der Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben drauf. Auch die Abrechnungsverfahren bei niedergelassenen Ärzten oder die Praxisgebühr seien Kostentreiber.

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Das Gesundheitswesen habe „einen Grad der Komplexität erreicht, der nicht mehr angemessen beherrschbar ist“, schreiben die Berater. Durch schlankere Strukturen ließe sich der Beitragssatz in der GKV den Berechnungen zufolge von derzeit 15,5 auf 14,2 Prozent senken.

So könnten rund 13 Milliarden Euro eingespart werden. Die Unternehmensberatung befragte für die Studie den Angaben zufolge mehr als 6.000 Ärzte, Apotheker und Sanitätshäuser.

Der GKV-Spitzenverband der Krankenkassen wies die Kritik zurück. Der „Pauschalvorwurf von zu viel Bürokratie“ gehe an der Realität vorbei, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz der. Die Dokumentation von Behandlungen und Arzneimittelverordnungen sei für eine gute medizinische Behandlung notwendig: „Wenn wir in Deutschland Menschen genauso am Fließband behandeln würden wie die Industrie Autos baut, könnten wir die Kosten für bürokratische Abläufe im Gesundheitswesen sicherlich auf Industrieniveau drücken – aber wer möchte so automatisiert behandelt werden?“

De gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, kritisierte dagegen, insbesondere die Dokumentationspflichten und das komplizierte ärztliche Abrechnungssystem führten zu hohen, unnötigen Ausgaben. Die Selbstverwaltung der Kassen und Ärzte habe sich auf diesem Gebiet nicht bewährt.

Die Beteiligung von 140 Krankenkassen und 15 Kassenärztlichen Vereinigungen unter der Maßgabe von 16 Krankenhausgesetzen der Länder habe zu einer nicht mehr handhabbaren Vertrags- und Regelungsdichte geführt. Zudem sei das System von gegenseitigem Misstrauen der Akteure geprägt, das man durch überbordende Dokumentationspflichten zu kompensieren suche.

„Wir haben uns zu lange von der Selbstverwaltung auf der Nase rumtanzen lassen, anstatt den Bürokratieknoten zu durchschlagen”, sagte Lauterbach. Dies könne aber durch die Einführung einer Bürgerversicherung mit einem einheitlichen ärztlichen Abrechnungssystem in Euro und Cent sowie geringeren Dokumentationspflichten nachgehlt werden. Auf diese Weise könnten jährlich Milliarden Euro eingespart werden.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung kritisierte das Ausmaß an Bürokratie: „Von den Milliarden, die für den Kontroll- und Bürokratisierungsaufwand im Gesundheitswesen verschleudert werden, haben die Schwerkranken und Pflegebedürftigen nichts“, erklärte der geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch in Berlin. 

Dokumentationen, die 40 Prozent der Arbeitszeit der Gesundheitsberufe verschlängen, führten nicht zu mehr Qualität beim Patienten, beklagte Brysch. Diese müsse vielmehr in „alltagspraktischen Tests“ gemessen und verglichen werden. „So etwas gibt es jedoch im Gesundheitswesen nicht. Stattdessen werden 26 Milliarden Euro der gesetzlich Versicherten für ein Bürokratisierungsmonster verbrannt.“ © dapd/afp/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 6. Januar 2012, 11:49

„Komplexitätsreduktion“ oder „Neue Unübersichtlichkeit“?

Vom Sozialpsychologen Niklas Luhmann wurden der Begriff „Komplexitätsreduktion“ und vom Vertreter der Kritischen Theorie Jürgen Habermas die „Neue Unübersichtlichkeit“ geprägt. Beide treffen das komplexe Bürokratieproblem in der Gesetzlichen Krankenversicherung sehr gut. In der GKV findet Verwaltungsbürokratie eher subkutan im Verborgenen, als Hintergrundrauschen im Untergrund statt. Nicht nur deshalb gibt es kontroverse Diskussionen unter Gesundheitsökonomen, Selbstverwaltungsorganen, bei ambul.-stat. Dienstleistern, Anbietern des medizinisch-industriellen Komplex und GKV-Kassen.

Dabei ist zu trennen zwischen notwendiger, sinnvoller Dokumentation, Qualitätssicherung und Transparenz mit adäquat bürokratischem Verwaltungsaufwand, welcher den prozess-, ergebnis- und risikoadaptierten Informationsfluss qualitativ sicherstellt.

Wesentliches Problem ist die Überbürokratisierung durch Hyperkomplexität, Multidimensionalität und Paradoxien im Gesundheitswesen. Kammerpräsidenten diskutieren über Krankenkassenfragen, KBV-Vorstände über Medizinethik. Der GKV-Spitzenverband der Krankenkassen parliert meist in falscher Reihenfolge über ärztliche Untersuchung, Diagnostik, Beratung, Therapie, Linderung und Palliation. Wir Ärztinnen und Ärzte debattieren über Medikamentenpreise, Krankenkassenorganisation und Budgetzwänge. Infektiologiefremde Gesundheitspolitiker diskutieren über nichtvorhandene Pandemien und bestellen ungebrauchte Impfstoffe en gros.

Allen gemeinsam ist (mich eingeschlossen), dass wir zu wenig auf unserer K e r n k o m p e t e n z beharren. Jeder versucht, eher im Fachgebiet des Anderen zu wildern, statt sich kritisch und selbstkritisch der ureigenen Professionalität zu stellen und diese mit anderen Berufsgruppen kollegial, kooperativ, aber auch selbstbewusst zu kommunizieren.

Konkretes Beispiel zum Schluss: Diese Woche ruft uns eine Krankenkassenmitarbeiterin hochmotiviert mitten in der vollen Sprechstunde an. Wir hätten da einen Versicherten Anfang 2011 mit der Diagnose J45.1 nach ICD-10 GM behandelt. Ob dieser nicht in das "DMP- Asthma bronchiale" eingeschrieben werden könnte? Unter ICD-10 J45.1 sind verwirrenderweise ca. 25 verschiedene Asthma-Varianten aufgeführt, unter anderem die von mir bei dem Patienten festgestellte: Durch einen viralen/bakteriellen Infekt getriggerte Bronchitis mit Obstruktion und passager reduziertem FEV-1-Wert - nach Abheilung vollständig reversibel. Da unter J45.1 aber auch das chronische "Asthma intrinsicum" geführt wird und wir nicht mehr von der "spastischen Bronchitis" im Klartext sprechen dürfen, müssen solche unnötigen Bürokratiemissverständnisse entstehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
mediko
am Freitag, 6. Januar 2012, 01:29

@Senbuddy

Blubb. Ich habe mich nur auf den Artikel bezogen: "Die Unternehmensberatung befragte für die Studie den Angaben zufolge mehr als 6.000 Ärzte, Apotheker und Sanitätshäuser." - Ich kommentiere hier ja nur zum Spaß, da muss ich eine "Studie" mit so einer mehr als tendenziösen Aussage nicht auch noch lesen.
Senbuddy
am Dienstag, 3. Januar 2012, 12:33

@mediko und GKV-Ineffizienz im Vergleich

@ mediko:
Ihre Aussage, dass in der Studie "lediglich drei Berufsgruppen befragt" wurden, ist falsch. Sie sollten die Studie bzw. deren veröffentlichte Teile lesen, bevor Sie solche Behauptungen verbreiten.


GKV-Effizienz im Vergleich:
Bei den GKVen ist es im Vergleich zu effizienteren Strukturen wie den PKVen noch viel schlimmer als in der Studie dargestellt:

Bei PKVen sind z.B. in den Verwaltungkosten auch hohe Inkassokosten (incl. bekanntermaßen erheblicher Ausfallrisiken) enthalten. Und das Inkasso ist bei PKVen wesentlich aufwändiger als bei GKVen. Das liegt daran, dass PKVen ihre Beiträge bei Privatpersonen eintreiben müssen, während es die GKVen mit wesentlich weniger Arbeitgebern zu tun haben (die ja die Hälfte der Beiträge wiederum auch nur "durchleiten" bzw. den Arbeitnehmer abziehen).

Und trotz bekannter Provisionszahlungen an Vertriebe (was ja GKVen in der letzten Zeit auch massiv ausgeweitet haben) sind die PKVen trotzdem immer noch um "Klassen" effektiver und deutlich billiger in Ihrer Verwaltung.

Wenn man dann noch bedenkt, dass in den PKV-Beiträgen auch noch erhebliche Alterungsrückstellungen enthalten sind, fragt man sich wirklich, wofür die GKVen so viel Beiträge brauchen.

Auch die des öfteren veröffentlichten angeblich so "niedrigen" Verwaltungskosten von GKVen lassen stets wesentliche Teile aus: Das sind neben dem Inkasso (siehe oben) auch große Teile der Kosten für die Leistungsabrechnungen. Denn die machen ja in großen Teilen die KVen. In den wiederkehrenden veröffentlichten Vergleichen (wie z.B. von der TK vor ein paar Tagen hier im Ärzteblatt) werden damit also stets "Äpfel mit Birnen verglichen".


Man kann nur froh sein, dass es mal eine Studie wie die von A.T.Kearney gibt, die da einiges im oft falsch gezeichneten Bild der GKVen "zurechtrückt".

Viele Grüße
S.
mediko
am Dienstag, 3. Januar 2012, 03:04

Taschenspielertricks - primitiver geht offenbar immer noch

Wenn nur das Motto stimmt, kann man offenbar immer noch den größten Blödsinn verkaufen: Selbstverständlich (!!!) müssen "Ärzte, Apotheker und Sanitätshäuser" Leistungen dokumentieren und korrekt abrechnen, die sie bezahlt bekommen wollen. Das kann niemand ernsthaft bezweifeln.
Was ist denn das für eine "Studie" bzw. Systematik, ausschließlich solche drei Berufsgruppen zu befragen und dann die Zeiten, die diese mit ihrer Abrechnung verbringen, mal eben ganz beiläufig den Krankenkassen zuzuschlagen ???
Aber natürlich schreien alle BRAVO - geben wir's den bösen Krankenkassen. Und schon gibt es auch jemanden, der sich nicht entblödet, dazu gleich wieder eine passende Petition einzubringen.
Und so ein dümmlicher Auftragsquatsch wabert dann wieder wochenlang durch die völlig gedanken- und kritiklos nachplappernde Presse. Das ist wirklich "ätzend"!
borgmann4
am Montag, 2. Januar 2012, 22:17

Gar nicht so schwer....

„Dokumentationen, die 40 Prozent der Arbeitszeit der Gesundheitsberufe verschlängen, führten nicht zu mehr Qualität beim Patienten, beklagte Brysch. Diese müsse vielmehr in „alltagspraktischen Tests“ gemessen und verglichen werden. „So etwas gibt es jedoch im Gesundheitswesen nicht. Stattdessen werden 26 Milliarden Euro der gesetzlich Versicherten für ein Bürokratisierungsmonster verbrannt.“


Hier irrt Herr Brysch.

Laut §12 SGB V müssen alle kassenfinanzierten Leistungen zweckmässig, notwendig und ausreichend sein.

Wenn man allen Leistungserbringern, denen ihr Beruf auch Berufung ist, die Gelegenheit geben würde, die Zweckmässigkeit (Wirksamkeit, Evidenz) ihres Handelns unter Beweis zu stellen und die selbe Meßlatte an all die von eben all den Verwaltungsfunktionären protegierten Maßnahmen anlegen würde, dann könnte das Arbeiten als Gesundheitsdienstleister in Deutschland wieder Freude machen.
Weil man dann das tun kann, wofür man ausgebildet wurde, sich teuer weitergebildet hat und wofür man den Beruf auch mal gewählt hat - Patienten behandeln.

Statt Papiere auszufüllen, die nur dazu dienen, Verwaltungsarbeitsplätze zu rechtfertigen.

Und: wir würden mit Sicherheit viel Geld sparen.

Langfristige, gut durchdachte Interventionen statt "Minutenmedizin" und "Anwendungen".

Zeit für Vernetzung und Absprachen statt Einzelkämpfertum.

Patientenorientierung statt "Verigelung"

Für die vielen Mitarbeiter dieser ganzen Verwaltungsinstitutionen, die dann "frei gesetzt" werden könnten, gibt es in Deutschland genug zu tun: kaum ein Seniorenheim oder Krankenhaus, das nicht dringend Personal sucht.

Bis vor einigen Jahren haben die Kassenmitarbeiter ihre Versicherten sogar noch betreut. Jetzt werden sie nur noch "verwaltet"... sofern sie was einbringen...

Die Wirksamkeit des eigenen Handelns dazustellen ist gar nicht so schwer: Prozessmodelle nutzen, überprüfbare Ziele formulieren. Vieles hätte auf einem einfachen DIN A4-Blatt Platz.

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Berlin-Köpenick

Aufpasser
am Montag, 2. Januar 2012, 20:46

Herr Lanz geht an der Realität vorbei

Ich nehme Bezug auf die im aktuellen Ärzteblatt dargestellte Äußerung nach der Herr Lanz die Kritik an zu hohen Bürokratiekosten zurückweist.

Ich möchte mich zunächst dem Leserbrief von SENBUDDY anschließen. Diesem Leserbrief ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Senbuddy am Montag, 2. Januar 2012, 17:04
Das ist blanker Hohn, Herr Lanz !
Der Vergleich mit der Autoindustrie, den der Herr Lanz vom GKV-Verband aufführt, ist aus seinem Mund der blanke Hohn.

Denn gerade die Bürokratie, die die GKVen dem System aufbürden, führt dazu, dass Ärzte immer mehr Zeit zum Bearbeiten der Kassenauflagen aufwenden müssen und immer weniger Zeit für Patienten übrig haben.

Jeder Patient weiß, dass einem Gespräch und einer Untersuchung von z.B. 5 Minuten Dauer ein mindestens genauso langer Zeitraum für den Arzt am Computer folgt, in dem das Ergebnis "aufwändigst" eingegeben werden muss. Und wegen der Komplexität der verlangten Eingaben ist man als Eingebender dabei (zwangsweise) konzentrierter als im eigentlichen Patientengespräch. Und nicht nur als Arzt produziert man dabei oft Sinnloses, auch die Patienten sitzen brav daneben und müssen derweil warten. Genau diese "Zeiträuber für alle" bedingen aber in der geringen verbleibenden Zeit die beklagte "Versorgung nach dem Fließbandprinzip".

Dass man als Arzt versucht, trotz dieser Bürokratiemonster doch noch Zeit für das individuelle Gespräch mit dem einzelnen Patienten zu finden, ist bestimmt nicht das Verdienst der Krankenkassen. Deren Maßnahmen dienen stets genau dem Gegenteil.

Der Vergleich von dem Herrn Lanz ist also so daneben, wie er nur eben sein kann.

Viele Grüße
S.


Aber je mehr ich darüber nachdenke lässt es mich nicht los zu fragen, was Herrn Lanz treibt, eine dermaßen zynische Antwort zu geben auf die berechtigte Kritik an zu Hohen Bürokratiekosten.

Ich habe mich nach vielen Jahren als Pflegekraft verzweifelt wegen genau diesem Problem aus der Tätigkeit zurückgezogen.

Es blieb mitunter wegen der dafür geforderten Verschriftungen (Pflegeamnamese/Planung/Validation um nur Einiges zu nennen) keine Zeit, um das was da verschriftet wurde auch nur annähernd umzusetzen.

Aber ich vermute, dass es wenig Sinn macht, hier weitere Beispiele anzuführen um Herrn Lanz zu erreichen. Denn er ist es doch offensichtlich, der an Realitätsverlust leidet.

Es schmerzt ihn zu lesen, wissend, dass er als leitender Pressesprecher maßgeblich an der Meinungsbildung beteiligt ist.

Es schmerzt und es macht unendlich traurig und auch wütend.

Um es mal deutlich auszudrücken: Was Herr Lanz da von sich gibt ist eine Frechheit und an Zynismus kaum zu überbieten.

Die von GKV und MDK als Erfüllungsgehilfen geforderte Bürokratie ist es, die die Fliessbandarbeit erst erforderlich macht.


Mit Qualitätssicherung hat das schon lange nichts mehr zu tun.



Der Aufpasser






Senbuddy
am Montag, 2. Januar 2012, 17:23

Herr Lauterbach mal wieder...

Für was die SPD und die Grünen die Bürgerversicherung alles als Allheilmittel anführen, ist schon skurril.

Aber auch alles wird dafür instrumentalisiert. Ohne Sinn und Zusammenhang. Vermutlich wird die Bürgerversicherung auch bald noch die Probleme im Nahen Osten lösen oder den Weltfrieden sichern !

Aber im Ernst: Wie soll das Vergrößern staatlicher oder öffentlich rechtlicher Institutionen die Bürokratie vermindern ? Hat es das jemals gegeben ?

Die Barmer GEK als größte GKV hat ca. 400 Versicherte pro Mitarbeiter. Die DKV/Ergo also größte private Krankenversicherung ca. 1.400 Versicherte je Mitarbeiter. Sagt das nicht alles ?

Man braucht nicht mal die Grundrechenarten zu bemühen, um sich auszumalen, was passiert, wenn die GKVen noch mehr vergrößert und die PKVen beschränkt, einbezogen oder abgeschafft werden.

Und A.T.Kearney kann bestimmt besser und objektiver rechnen als der doch sehr einseitige Herr Lauterbach.

Viele Grüße
S.
Senbuddy
am Montag, 2. Januar 2012, 17:04

Das ist blanker Hohn, Herr Lanz !

Der Vergleich mit der Autoindustrie, den der Herr Lanz vom GKV-Verband aufführt, ist aus seinem Mund der blanke Hohn.

Denn gerade die Bürokratie, die die GKVen dem System aufbürden, führt dazu, dass Ärzte immer mehr Zeit zum Bearbeiten der Kassenauflagen aufwenden müssen und immer weniger Zeit für Patienten übrig haben.

Jeder Patient weiß, dass einem Gespräch und einer Untersuchung von z.B. 5 Minuten Dauer ein mindestens genauso langer Zeitraum für den Arzt am Computer folgt, in dem das Ergebnis "aufwändigst" eingegeben werden muss. Und wegen der Komplexität der verlangten Eingaben ist man als Eingebender dabei (zwangsweise) konzentrierter als im eigentlichen Patientengespräch. Und nicht nur als Arzt produziert man dabei oft Sinnloses, auch die Patienten sitzen brav daneben und müssen derweil warten. Genau diese "Zeiträuber für alle" bedingen aber in der geringen verbleibenden Zeit die beklagte "Versorgung nach dem Fließbandprinzip".

Dass man als Arzt versucht, trotz dieser Bürokratiemonster doch noch Zeit für das individuelle Gespräch mit dem einzelnen Patienten zu finden, ist bestimmt nicht das Verdienst der Krankenkassen. Deren Maßnahmen dienen stets genau dem Gegenteil.

Der Vergleich von dem Herrn Lanz ist also so daneben, wie er nur eben sein kann.

Viele Grüße
S.
popert
am Montag, 2. Januar 2012, 16:33

eGK wird Bürokratie richtig explodieren lassen

Die derzeitige in der Kearney-Studie beschriebene Bürokratie ist erschreckend genug.
Wenn aber in Zukunft noch Stammdatenpflege und eGK-Chipkartenverwaltung in die Praxen verlagert werden, dann brauchen Arztpraxen keine Gedanken an Streiks zu verschwenden - die Bürokratie wird das System lahmlegen.

Da wird auch dem im Ausland immer wieder gepiesene hohe Arbeitseinsatz deutscher Mediziner nichts mehr helfen können.

Dagegen kenne ich nur ein Mittel:
alle Politiker werden zwangsweise Kassenpatienten, erhalten eine eGK und müssen eine Internet-Krankenakte mit allen ihren Diagnosen führen.
Mal schauen, wie dann Zeitaufwand und Datensicherheit eingeschätzt werden.

kairoprax
am Montag, 2. Januar 2012, 15:06

wundert es irgend jemanden wirklich?


Wie schön, daß es auch Erfreuliches gibt, z.B. zinsgünstige und unbürokratische Kredite der BW-Bank an Menschen mit unzureichend hohem Einkommen. Schade nur, daß es nicht ganz egal zu sein scheint, ob das jetzt Bundespräsidenten sind oder eben nur Pflegebedürftige.

Wie schön wäre es, das hier gezeigte humane und unbürokratische Modell einfach auch im Medizinbereich zu übernehmen.

Stattdessen werden wir auch 2012 mit Regressen bedroht werden für zuviel verordnete Heilmittel und zu teure Rezepte ( Bewahre: nicht von der BW-Bank, sondern von anderen Kassen). Rezepte und Verordnungen, die uns keinen Cent in die Tasche bringen,nur Ärger an allen Ecken und Enden.

Sollte man AOK und Co. nicht umgekehrt in Regress nehmen können für zu hohe Gebühren, genauso wie man bei der BW jetzt prüft, ob die nicht zu lax vorgegangen sind?

Offenbar gibt es Unterschiede.
Zum Beispiel auch bei den Chronikerziffern und den Chronikerdiagnosen. Wenn man darüber nachdenkt, was alleine der bürokratische Aufwand, Chroniker zu berechnen kostet, man könnte ohne diesen Aufwand an Zeit und Geld jede Menge Therapie machen - und zwar akut wie chronisch.

Würde uns dann irgendetwas fehlen?
Kaum.

Denn für uns an der medizinischen Front ist es relativ egal, ob wir einen (chronischen) Diabetiker oder einen (akuten) banalen Fall einer Erkältung vor uns haben.

Vielleicht doch nicht ganz.

An unsere eigene Brust gefaßt, wir Ärzte sind ja doof genug, den Kassen auch noch einen Teil ihrer Büroarbeit abgenommen zu haben und bilden uns ein, damit auch noch Medizin zu betreiben. Wir sammeln mit Akribie Chroniker allein zu dem einen Zweck, sie der AOK zu melden. Und dort geht der Schabernack weiter. Man fertigt Statistiken an und füttert damit den bürokratischen Apparat names Risiko-Struktur-Ausgeleich.

Um wieviel einfacher wäre es, wir würden ein Schild an die Praxis anbringen: Chroniker unerwünscht. Am besten sollte man als nächsten Schritt das machen, was die Bayern vergeblich versucht haben, aus dem System aussteigen und die Kassen auf ihren Milliarden sitzen lassen.
Und schon wäre auch der Löwenanteil an Bürokratie verschwunden.
Und es stünden wenigsten 23 % und womöglich soger 37 % mehr Cash zur Verfügung - die genauen Zehlen werden wir auch mit A.T.Kearneys Hilfe wohl nie erfahren ...

Keine Angst, Chroniker könnte man ohne weiteres weiter behandeln, nur, ohne die Chronikerbuchhaltung hätten wir mehr Zeit dafür.

Ich gehe eine Wette ein: zu Anfang 2013 wird es nicht anders sein, allerhöchstens, daß die genannten Zahlen im Rahmen der allgemeinen Inflation mit steigen werden.

Dr.Karlheinz Bayer,
Bad Peterstal


dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 1. Januar 2012, 19:40

Oh heiliger Sankt Bürokrazius, Erfinder des Amtsschimmels!

"Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare", stöhnte schon der österreichische Schauspieler und Autor Johann Nestroy im 19. Jahrhundert.

Wenn ich nur an den bürokratischen Aufwand mit der Verwaltung der Praxisgebühr denke. Oder an die Bruchteilrechnung beim Eigenanteil der Patienten mit ihren Heilmittelverordnungsanwendungen. An die zahllosen, sinnfreien und um so arbeitsaufwendigeren Krankenkassenanfragen, durch welches Kraftfahrzeug denn der häusliche Treppensturz verursacht worden sei? Ob die subkapitale Humerusfraktur vor 1 Jahr denn in einem auslösend-ursächlichen Zusammenhang mit der jetzigen Peribronchitis stünde? Oder, wenn der arbeitsunfähig geschriebene Arbeitnehmer denn bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos bzw. -suchend gemeldet wäre, nicht doch zumindest 2 Stunden täglich leichte Bürotätigkeiten ausführen könnte? Ob die alleinstehende, demenzkranke Alzheimerpatientin nicht ihre Abendmedikation selbstbestimmt und eigenverantwortlich organisieren könnte? Oder die Pflegestufe 1 nicht einfach aufgehoben wrden könnte, weil der Patient sich gänzlich o h n e Gehhilfe in seiner kleinen Wohnung von Möbelstück zu Möbelstück hangeln kann? Ob die AU-Zeit wegen Depression vor 2 Jahren nicht doch mit der aktuellen Verzweiflung bei einer Nierenkolik jetzt zusammengezogen werden könnte? usw. usf.

Bürokratietreibend sind auch die äußerst individuell designten Vordrucke zum Bezug von Krankengeld nach Ablauf der Lohnfortzahlung mit AU-Bescheinigung bei derzeit 153 Krankenkassen. Allen gemeinsam ist die wiederholte Frage nach der Kontoverbindung des Patienten, während der Vertragsarzt handschriftlich und mit Stempel dieselben Infos schreiben darf, die im AU-Formular (Muster 1a) automatisch aus dem Praxis-PC generiert würden.

Köstlich übrigens, die reflexartige Abwehrreaktion des GKV-Spitzenverbands-Sprecher Florian Lanz: Während sich die Kassenvorstände in nach Feng-Shui gestalteten oder von aktuellen Designern gestylten Büros aufhalten, dürfen die Kassenpatienten im Kundenbereich "Nümmerchen" ziehen, damit auch ja nicht der Verdacht von "Fließbandberatung" und "Abfertigung" aufkommen kann. Dabei fällt mir unwillkürlich Reinhard Mey ein. Sein Song "Antrag auf Erteilung eines Antragsformular" lautet:
"Schicken Sie uns sofort
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt."
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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