Medizin

HWS-Syndrom: Chiropraxis oder Übungen sind Medikamenten überlegen

Mittwoch, 4. Januar 2012

Minneapolis – Chiropraktische Behandlungen erzielten in einer randomisierten Studie bei akuten Nackenschmerzen ein besseres Ergebnis als die Verordnung von Medikamenten durch den Arzt. Auch häusliche physiotherapeutische Übungen waren den Schmerzmitteln überlegen. Obwohl akute Nackenschmerzen („HWS-Syndrom“) häufig sind, ist die Therapie selten Gegenstand klinischer Studien. Die meisten Patienten erhalten nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID) oder leichte Analgetika, die die Beschwerden lindern, die Ursache jedoch nicht beseitigen. Chiropraxis und Physiotherapie versprechen einen kausalen Ansatz, sind aber nach dem Urteil der Cochrane Collaboration nicht evidenzbasiert.

Eine der wenigen Vergleichsstudien wurde jetzt in den Annals of Internal Medicine (2012; 156: 1-10) publiziert. Gert Bronfort von der Northwestern Health Sciences University in Minnesota und Mitarbeiter randomisierten 272 Patienten im Alter von 18 bis 65 Jahren auf drei Gruppen. Im ersten Studienarm wurden die Patienten medikamentös behandelt.

Die Wahl der Wirkstoffe war den Ärzten überlassen. Sie durften neben NSAID und Analgetika auch Narkotika oder Muskelrelaxanzien verschrieben, wenn sie dies für notwendig erachteten. Das „pragmatische“ Design der Studie sollte die alltägliche Verordnungspraxis widerspiegeln. Im zweiten Studienarm wurden die Patienten an einen Chiropraktiker überwiesen.

Auch diesem stand es frei, welche Behandlungen er bei den etwa 15 Sitzungen von 20 Minuten Dauer anwendete. Die Bandbreite reicht von schnellen Manipulationen mit geringer Amplitude bis zu langsamen Mobilisierungen der Halswirbelsäule. In der dritten Gruppe erlernten die Patienten in zwei einstündigen Sitzungen eine Reihe von Bewegungsübungen für die Halswirbelsäule, die sie später täglich durchführen sollten.

Primärer Endpunkt war die Linderung der Schmerzen. Nach dem Ende der 12-wöchigen Therapiephase erzielte die chiropraktische Therapie die besten Ergebnisse: Etwa 57 Prozent der Patienten gaben eine Schmerzlinderung um 75 Prozent oder besser an. Dieses Ergebnis erreichten unter der medikamentösen Therapie nur 33 Prozent der Patienten. Selbst die häuslichen Übungen waren mit 48 Prozent besser.

Das gute Abschneiden der häuslichen Übungen ist für Bronfort die eigentliche Überraschung der Studie – und ein ermunterndes Signal an die Patienten, die durch geeignete Übungen (nach Schulung durch einen Physiotherapeuten) selbst etwas gegen die Nackenschmerzen unternehmen können.

Die häuslichen Übungen dürften zugleich eine sichere Behandlung sein, während die chiropraktische Therapie mit dem (allerdings äußerst seltenen) Risiko einer Art. vertebralis-Dissektion verbunden ist, die einen katastrophalen Schlaganfall auslösen kann. 

Im Editorial raten der Mediziner Bruce Walker von der Universität in Murdoch und der Chiropraktiker Simon French von der Universität Melbourne die chiropraktische Therapie mit langsamen Bewegungen zur Mobilisierung zu beginnen. Die Gefahr einer Art. vertebralis-Dissektion bestehe nur bei ruckartigen schnellen Manipulationen.

Um das Risiko niedrig zu halten, sollten Kontraindikationen beachtet werden. Auch in der Studie von Bronfort wurde darauf geachtet, dass die Schmerzen der Patienten nicht von einer Instabilität der Halswirbelsäule herrührten oder gar Frakturen vorlagen. Außerdem verfügten die Chiropraktiker über mindestens 5 Jahre Berufserfahrung.

Die Editorialisten bedauern, dass die Studie keine Vergleichsgruppe ohne Behandlung oder einen Arm mit einer Schein-Chiropraxis hatten. Es bleibt damit offen, welchen Anteil Spontanheilung und Placebowirkungen an den Ergebnissen haben. © rme/aerzteblatt.de

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