Medizin

Multiple Sklerose: Epstein-Barr-Viren triggert Entzündungsreaktion

Freitag, 6. Januar 2012

London – Das Epstein-Barr-Virus (EBV) steht seit längerem im Verdacht, ein möglicher Auslöser der multiplen Sklerose zu sein. Jetzt zeigen Untersuchung in Neurology (2012; 78: 15-23), dass das Virus in den Hirnläsionen Zytokine aktiviert, die eine Entzündungsreaktion auslösen. Die Studie liefert eine Begründung für den Einsatz des Wirkstoffs Rituximab, der aber derzeit nicht als evidenzbasiert angesehen wird.

Es gibt viele epidemiologische Hinweise für eine Rolle von EBV bei der multiplen Sklerose. Das Herpesvirus ist ubiquitär. Etwa 95 Prozent der Menschen infizieren sich im Verlauf ihres Lebens, die meisten in der frühen Kindheit. Dann soll die Infektion ohne Folgen bleiben.

Erfolgt sie aber in der späten Kindheit oder im Jugendalter, steigt das Risiko auf eine multiple Sklerose um den Faktor 10. Wenn die Infizierten an einem Pfeifferschen Drüsenfieber (Mononukleose) erkranken, ist das Risiko auf eine spätere multiple Sklerose sogar um den Faktor 20 erhöht.

Unter den vielen Erregern, die als Auslöser der multiplen Sklerose in den letzten Jahrzehnten diskutiert wurden, kommt einzig EBV infrage, befanden die Experten Alberto Ascherio und Kassandra Munger von der Harvard Medical School in Boston vor einiger Zeit in den Annals of Neurology (2007; 61: 288-299). Eine wesentliche Lücke in der Beweisführung bestand darin, dass EBV niemals in den Hirnläsionen gefunden wurde. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert.
 

Anzeige

EBV befällt B-Lymphozyten. Die Infektion ist lebenslang, aber latent: Die Viren haben ihre Gene im Erbgut der Zellen abgelegt, sie vermehren sich aber nicht. Mit den B-Lymphozyten gelangen die Virus-Gene auch in das Gehirn. Die Hirnforscherin Ute-Christiane Meier von der Queen Mary University of London konnte EBV jetzt in den MS-Läsionen von zehn Patienten nachweisen, die an der Erkrankung gestorben waren.

Das Virus selbst war in den Läsionen nicht aktiv, es scheint aber die Bildung entzündlicher Zytokine anzuregen. Dafür spricht nicht nur der Nachweis dieser Zytokine in unmittelbarer Nachbarschaft zu den mit EBV-infizierten Zellen. Der Forscherin ist es auch gelungen, in Laborexperimenten die Produktion der Zytokine durch EBV-infizierte Zellen auszulösen.

Falls die Hypothese zutrifft, dann sollten Medikamente, die gezielt B-Zellen ausschalten, bei der multiplen Sklerose wirksam sein. Tatsächlich wurden mit dem monoklonalen Antikörper Rituximab, der speziell aktivierte B-Zellen auslöscht, in einer ersten Pilotstudie vielversprechende Erfolge erzielt.

In der HERMES-Studie kam es nach der Gabe von Rituximab zu einer deutlichen Reduktion der Schubrate (NEJM 2008; 358: 676-88). Eine Bestätigung durch weitere Studien steht jedoch noch aus. Die Therapie mit Rituximab wird derzeit nicht als evidenzbasiert betrachtet.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

30.11.16
Essen/Münster/Würzburg – Einen Zusammenhang zwischen dem Blutgerinnungssystem und dem Entstehen einer multiplen Sklerose (MS) beim Menschen haben jetzt Wissenschaftler der medizinischen Fakultät der......
11.11.16
Münster – Ein neuer PET-Tracer, der den Durchtritt von Leukozyten durch die Blut-Hirn-Schranke anzeigt, kann aktive entzündliche von älteren Läsionen der Multiplen Sklerose (MS) unterscheiden. Die in......
28.10.16
Berlin – Auf die Fortschritte bei der Therapie der Multiplen Sklerose hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hingewiesen. Sie bezieht sich dabei auf eine Studie der University of......
04.10.16
Multiple Sklerose: Erster Patient erhält Anbaugenehmigung für Cannabis
Rüthen – Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) hat am 28. September dem ersten Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum Eigenanbau seiner Cannabis-Medizin erteilt. Das berichtete die Internationale......
22.09.16
Berlin – Das Einsparpotenzial von Biosimilars ist noch nicht ausgeschöpft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die die Agentur Simon Kucher und Partners im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft (AG) Pro......
19.09.16
München – Auf seine Qualitätshandbücher für Ärzte hat das krankheitsbezogene Kompetenznetz multiple Sklerose (KKNMS) hingewiesen. Die sogenannten „blauen Hefte“ mit den Therapiehinweisen sind jetzt......
12.08.16
Basel – Ein frühzeitiger Therapiebeginn kann bei der Multiplen Sklerose das Fortschreiten der neurologischen Erkrankung verlangsamen, die Behinderungen begrenzen und langfristig sogar den Patienten......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige