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Trauer als kardiales Risiko

Dienstag, 10. Januar 2012

Boston – Die anekdotischen Berichte über Menschen, denen der Verlust eines engen Angehörigen das Herz gebrochen hat, erhalten durch eine Studie in Circulation (2012; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.111.061770) ihre wissenschaftliche Untermauerung: Das Herzinfarktrisiko ist am Tag nach einem Trauerfall deutlich erhöht. Es klingt erst im Verlauf des ersten Monats langsam ab.

Die Frage nach Todesfällen im Verwandten- oder Bekanntenkreis gehört derzeit nicht zur Anamnese von Patienten mit Myokardinfarkt. Die akute Trauer könnte jedoch ein wichtiger Auslöser für ein koronares Ereignis sein, wenn die Zahlen von Murray Mittleman, Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, die Wirklichkeit widerspiegeln.

Mittleman hat die Daten der Determinants of Myocardial Infarction Onset ausgewertet. In den Jahren 1989 bis 1994 waren Patienten in den ersten Tagen nach einem Herzinfarkt intensiv nach ihren früheren Lebensumständen befragt worden. Die Untersucher erkundigten sich unter anderem auch nach Todesfällen unter Freunden und Angehörigen.

Eine normale Fall-Kontroll-Studie hätte vermutlich zu verzerrten Ergebnissen geführt, da sich Herzinfarktpatienten eher als eine Vergleichsgruppe an Ereignisse erinnert hätten. Eine „case-crossover“-Analyse könnte diese Verzerrung möglicherweise vermeiden. Sie vergleicht die Zahl der Todesfälle unmittelbar vor dem Herzinfarkt mit anderen Lebensphasen der gleichen Person. Die „Fälle“ sind gewissermaßen ihre eigenen „Kontrollen“.

Die Analyse von Mittleman zeigt ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko nach Todesfällen, das im Verlauf der Trauer nachlässt. Trauerfälle waren keineswegs ein seltenes Ereignis in der Vorgeschichte eines Herzinfarktes: 270 der 1.985 Teilnehmer (13,6 Prozent) hatten in den sechs Monaten zuvor einen Angehörigen oder Freund verloren, bei 19 Patienten lag der Todesfall nicht länger als 24 Stunden zurück.

Mittleman ermittelt für den ersten Trauertag ein um den Faktor 21 erhöhtes Herzinfarktrisiko. Im weiteren Verlauf der ersten Woche war es noch 6-fach erhöht. Im Verlauf des Monats flachte das Risiko dann langsam ab. Der hohe „Peak“ unmittelbar nach dem Todesfall spricht dafür, dass die akute Trauer in ähnlicher Weise einen Herzinfarkt triggern könnte, wie dies für Kälte oder plötzliche körperliche Anstrengungen bekannt ist.

Als Pathomechanismus kommen wie beim Infarkt nach körperlicher Anstrengung, ein Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz infrage. Etwas langsamer dürfte sich ein Anstieg des Cortisols oder Änderungen der Blutgerinnung bemerkbar machen. Auch eine verminderte Nahrungszufuhr oder Schlafstörungen könnten eine Rolle spielen. Die Trauer könnte die Patienten auch dazu verleiten kardiale Medikamente nicht einzunehmen oder auf andere Weise die Gesundheit zu vernachlässigen. Dies alles konnte in der Studie nicht untersucht werden.

Akute Stressereignisse können neben einem Herzinfarkt in seltenen Fällen auch eine vorübergehende Pumpstörung des linken Ventrikels auslösen. Nach der Ähnlichkeit in der Ventrikulographie mit einer japanischen Tintenfischfalle wurde die Erkrankung als Tako-Tsubo-Myopathie bezeichnet. In westlichen Ländern wird sie auch „Broken-Heart-Syndrom“ genannt. Die Prognose dieser kurzfristigen Störung der Herzfunktion ist jedoch in der Regel gut, vor allem wenn in der Koronarangiographie keine Stenosen gefunden werden. © rme/aerzteblatt.de

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