Hirnschäden durch Internet-Sucht?
Donnerstag, 12. Januar 2012
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| dapd |
Wuhan – Ob das pausenlose Surfen ebenso zur Sucht werden kann, wie Spielen oder gar der Konsum zu Drogen, ist umstritten. Die Existenz eines „Internet addiction disorder“ (IAD) ist bisher nicht allgemein anerkannt. Chinesische Forscher beschreiben jetzt in PloS One (2012; 7: e30253) Veränderungen der weißen Hirnsubstanz, die denen anderer Abhängigkeiten gleichen sollen.
Die Gruppe um Hao Lei von der Chinesische Akademie der Wissenschaften in Wuhan hat 17 Jugendliche mit IAD im Kernspintomographen untersucht. Die Diagnose der IAD wurde mit einem Fragebogen nach Young gestellt, in dem die Jugendlichen eine Selbsteinschätzung ihres Internet-Konsums abgeben.
In einer früheren Studie hatten die Forscher bereits Veränderungen in der grauen Hirnsubstanz, den Relaisstationen des Gehirns, gefunden, die sie als Ausdruck einer Abhängigkeit deuteten. Jetzt erweitern sie ihre Ergebnisse auf die weiße Hirnsubstanz, also die Kabelverbindungen im Gehirn. Der Verlauf der einzelnen Nervenfaserstränge kann mit der Diffusions-Tensor-Bildgebung dargestellt werden. Auch hier beschreiben die Forscher zahlreiche Unterschiede zu einer Kontrollgruppe ohne Internetsucht, die sie als „abnormale Integrität“ der weißen Hirnsubstanz deuten.
Dazu zählen Nervenbahnen im anterior Gyrus cinguli, eine Verbindung von Verstand (Frontalhirn) und Instinkten (limbisches System), sowie im Corpus callosum, der die beiden Hemisphären verbindet. Ähnliche Veränderungen wurden laut Lei auch bei anderen anerkannten Substanzabhängigkeiten wie Kokain, Marihuana, Methamphetamin und Ketamin gefunden. Darüber hinaus sollen die Veränderungen mit den Ergebnissen in verschiedenen neuropsychologischen Tests wie SCARED (Angststörungen), YIAS (Sozialfunktion) oder SDQ (Erziehungsprobleme) korrelieren.
Ob die Veränderungen tatsächlich Ausdruck des exzessiven Internetkonsums mit seinen möglichen negativen Auswirkungen auf Sozialkontakte und schulische Laufbahn sind, lässt sich angesichts der kleinen Studiengruppe und der unsicheren diagnostischen Kriterien der IAD schwer beurteilen. Offen ist auch, ob die kernspintomographischen Aufnahmen irreversible Hirnschäden anzeigen oder nur Ausdruck einer vorübergehend einseitigen Nutzung der Hirnkapazitäten sind.
Erste Einschätzungen europäischer Kollegen fielen zustimmend aus. Gunter Schumann vom King's College in London meinte gegenüber der BBC, ähnliche Veränderungen seien auch bei Abhängigen von Videospielen gefunden worden. Henrietta Bowden-Jones vom Imperial College London stufte die Ergebnisse sogar als bahnbrechend ein. Ob die chinesischen Autoren die Entscheidung der Autoren des DSM-5 beeinflussen wird, die IAD in das Spektrum psychiatrischer Diagnosen aufzunehmen, bleibt abzuwarten. Das DSM-5 ist für Mai 2013 angekündigt. Die IAD gehört derzeit noch zu den strittigen Themen.
© rme/aerzteblatt.de
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