Medizin

Cochrane: Neuer Wirbel um Tamiflu

Mittwoch, 18. Januar 2012

Rom/London – Meta-Analytiker der Cochrane Collaboration und das Britische Ärzteblatt (BMJ) werfen dem Hersteller Roche vor, Daten zum Grippe-Medikament Tamiflu zurückzuhalten und dadurch eine unabhängige Bewertung zur Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments zu erschweren.

Der enorme wirtschaftliche Erfolg von Tamiflu steht nach Ansicht vieler Beobachter in einem gewissen Gegensatz zur medizinischen Leistung seines Wirkstoffs. Roche erzielt mit Tamiflu jährlich einen Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Im Jahr 2009, auf dem Gipfel der Neuen Influenza (H1N1) sollen es laut Wirtschaftspresse sogar 3,37 Milliarden US-Dollar gewesen sein. Viele Länder bevorrateten sich damals mit dem Medikament. Dies geschah in der Hoffnung, dass die Einnahme von Tamiflu die Ausbreitung der Epidemie bremsen werde. Vor allem aber sollte Tamiflu schwere Komplikationen der Grippe und damit ein Überlastung der Kliniken durch schwere Krankheitsfälle verhindern.

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Dazu ist es aufgrund des milden Verlaufs der H1N1-Pandemie nicht gekommen. Doch die Behauptung, dass Oseltamivir im Fall einer Epidemie die Rate der Hospitalisierungen senkt, ist nicht belegt. Für die Markteinführung im Jahr 2002, also lange vor der Neuen Influenza, hat Roche in randomisierten Studien im Wesentlichen nur gezeigt, dass Tamiflu die Symptome lindert und die Dauer der Erkrankung um etwa anderthalb Tage verkürzt.

Die Cochrane Acute Respiratory Infections Group in Rom um Tom Jefferson schätzte in der aktuellen Publikation die Verkürzung der Symptomdauer nur noch auf 21 Stunden, bei einer Gesamtdauer der Erkrankung von 160 Stunden im Placebo-Arm (Cochrane Database of Systematic Reviews 2011; doi: 10.1002/14651858.CD008965).

Für die Behauptung, dass Tamiflu die Häufigkeit von Hospitalisierungen, als Marker für schwere Erkrankungen, senkt, konnte die Cochrane Gruppe keinen Beleg finden (Odds Ratio 0,95; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,57-1,61). Diese Annahme gründete sich vor allem auf eine Meta-Analyse, die Laurent Kaiser vom Kantonsspital Genf und Mitarbeiter in den Archives of Internal Medicine (2003; 163: 1667-72) veröffentlicht hatten. Darin hatte Tamiflu, die Rate der Hospitalisierungen relativ um 59 Prozent gesenkt.

Die Diskrepanz zwischen den beiden Meta-Analysen hat folgende Erklärung: Die Cochrane Gruppe musste bei ihren Berechnungen auf einige nicht publizierte Studien verzichten, die Kaiser verwendet hatte, die aber weder Kaiser noch Roche der Cochrane Gruppe zur Verfügung stellen wollten oder konnten. Zu einem ähnlichen Ergebnis war die Cochrane Gruppe vor zwei Jahren in einer Meta-Analyse gekommen: Damals ließ sich nicht nachweisen, dass Tamiflu die Häufigkeit schwerer unterer Atemwegsinfektionen senkt, die eine gefürchtete Komplikation der Grippe sind (BMJ 2009; 339: b5106).

Schon damals hatten sich die Forscher bitter darüber beklagt, dass Roche ihnen den Zugang zu wichtigen Studiendaten verweigert habe (BMJ 2009; 339: b5164). Der Hersteller versprach damals, weitere Daten der Öffentlichkeit verfügbar zu machen (BMJ 2009; 339: b5374). Es hat danach wohl auch einen Austausch von Informationen gegeben, der allerdings nicht zu einem beiderseitig zufriedenstellenden Ende kam. Fünfmal zwischen Juni 2010 und Februar 2011 habe man um weitere Daten geben, jedes Mal vergeblich, berichten die Forscher, deren Misstrauen mit der Zeit gestiegen sein dürfte.

Man habe Hinweise auf eine große Zahl von nicht-publizierten Studien gefunden, berichtet Jefferson jetzt. Bezogen auf die Zahl der Patienten seien 60 Prozent aller Daten aus randomisierten klinischen Phase-III-Studien nicht publiziert, darunter die größte jemals zu Tamiflu publizierte Studie mit etwas mehr als 1.400 Patienten. Das legt für Jefferson den Verdacht nahe, dass die Daten zu Tamiflu selektiv publiziert wurden, sprich: Positive Ergebnisse werden veröffentlicht, negative aber verschwiegen.

Dafür will Jefferson indirekte Hinweise gefunden haben: Auffallend sei, dass in teilweise publizierten Studien häufiger von schweren Nebenwirkungen die Rede sei, die in den publizierten Studien nicht erwähnt würden, berichtet Jefferson. Der Experte vermutet darüber hinaus, dass Tamiflu die Produktion von Antikörpern beeinflusst. Eine Analyse habe ergeben, dass bei Studienteilnehmer, die auf Oseltamivir randomisiert wurden, in Therapiestudien signifikant seltener eine Influenza diagnostiziert wurde.

Jefferson deutet dies als Folge einer veränderten Antikörperantwort unter Oseltamivir. Dies könne nicht nur die Beurteilung von Studienergebnissen erschweren, da die Diagnose einer Influenza häufig vom Anstieg der Antikörperkonzentration abhängig gemacht wird. Tamiflu könnte sogar die Wirkung von Impfungen beeinträchtigen.

Dies sind allerdings vage Vermutungen, die der Hersteller gegenüber dem BMJ bereits zurückgewiesen hat. Die Chefredakteurin des BMJ, Fiona Godlee, wundert sich darüber, dass die Zulassungsbehörden keine klaren Daten über die Wirksamkeit von Tamiflu zur Verfügung stellen. EMA und FDA haben seinerzeit allerdings nicht den Einsatz von Tamiflu während einer Epidemie geprüft.

Die vermeintliche Reduktion der Hospitalisierungsrate gehört deshalb nicht zu von den Arzneibehörden zugelassenen Aussagen. Die US-Fachinformationen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Tamiflu nicht vor schweren bakteriellen Infektionen schützt, die als Komplikationen einer Grippe auftreten können. © rme/aerzteblatt.de

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