Medizin

Antidepressiva erhöhen Sturzrisiko von Demenzkranken

Donnerstag, 19. Januar 2012

Rotterdam – Demenzkranke, die im Pflegeheim mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) behandelt werden, erleiden dreimal häufiger als andere schwere Stürze. Das Risiko ist einer Studie im British Journal of Clinical Pharmacology (2012; doi: 10.1111/j.1365-2125.2011.04124.x) dosisabhängig und steigt bei einer Komedikation mit Sedativa noch weiter an.

Anzeige

Demenzkranke stürzen häufig und folgenschwer. In der psychogeriatrischen Einrichtung, die Carolyn Shanty Sterke von der Erasmus Universität in Rotterdam über zwei Jahre beobachtete, kam es pro Bewohner im Durchschnitt zu 2,9 Stürzen im Jahr. Jeder dritte Sturz führte zu einer Verletzung. In 3 Prozent war dies eine Fraktur, häufig der Hüfte.

Auf der Suche nach den Ursachen stieß die Forscherin auf die überaus häufige Verordnung von Antidepressiva, die zu 16,1 Prozent aller Personen-Jahre verordnet wurden. Zu jedem Zeitpunkt stand also jeder sechste Demenzpatienten unter der Wirkung von Antidepressiva, wobei in der Regel SSRI verordnet wurden (die bei Demenzpatienten auch als Mittel der ersten Wahl gelten, sofern eine Indikation vorliegt).

Die Verordnung war SSRI war dosisabhängig mit einem Sturzereignis assoziiert. Schon bei einer Dosis von einem Viertel der definierten Tagesdosis (DDD) war das Risiko signifikant um 31 Prozent erhöht. Für Demenzkranke unter der vollen Dosis war es um den Faktor 3 erhöht. Es stieg weiter an, wenn die Patienten zusätzlich Hypnotika, also Schlafmittel, erhielten.

Die Autorin erläutert das Risiko am Beispiel einer 80-jährigen Frau. Ihr absolutes Risiko an einem bestimmten Tag einen Sturz zu erleiden, beträgt 0,9 Prozent. Es steigt auf 0,15 Prozent, wenn sie mit 0,25 DDD eines SSRI behandelt wird. Bei einer Therapie mit der vollen DDD, der häufigsten Dosierung, beträgt das tägliche Sturzrisiko 0,35 Prozent, und wenn die Dame dann noch ein Sedativum einnimmt, kommt es zu 0,56 Prozent zum Sturz.

Das Personal in Pflegeheimen macht sich oft Sorgen über die häufigen Stürze der Bewohner, schreibt die Autorin. Neue Therapiekonzepte, die das durch SSRI bedingte Sturzrisiko berücksichtigen, seien möglicherweise eine Möglichkeit die Zahl der Stürzte zu mindern. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

22.06.16
Köln – Die Unionsfraktion hat sich auf einen Vorschlag geeinigt, unter welchen Voraussetzungen Forschung an nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen, wie beispielsweise Demenzkranken, erlaubt werden......
14.06.16
Ultraschall und Mikrobubbles befördern Medikamente durch die Bluthirnschranke
Washington - Die Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass giftige Stoffe, aber auch Medikamente von der Blutbahn in das Gehirn gelangen. Mittels Ultraschall und Gasbläschen ist es Forschern gelungen, diese......
14.06.16
London – Ein neuer Test mit zwei Biomarkern sagt vorher, ob Patienten mit Depressionen auf herkömmliche Antidepressiva ansprechen oder resistent sind. Der Bluttest detektiert zwei entzündliche......
14.06.16
Demenzforschung: Lauterbach macht Kompromissvorschlag
Berlin – Im Streit darüber, ob künftig gruppennützige Forschung an Demenzkranken erlaubt sein soll und welche Rahmenbedingungen dafür gelten, will SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach der SPD-Fraktion......
10.06.16
New York – Eine spezielle Psychotherapie hat in einer randomisierten Studie Patienten mit komplizierter Trauer geholfen, den Tod eines Angehörigen zu überwinden und die Suizidalität zu senken. Die......
08.06.16
Laumann verteidigt Regelung zu Tests an Demenzkranken
Köln – Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), hat das Vorhaben der Koalition verteidigt, die Möglichkeiten für klinische Prüfungen an nicht Einwilligungsfähigen wie......
07.06.16
Kopenhagen – Die Ursachen und den Mechanismus von Demenzerkrankungen noch intensiver zu erforschen, haben Neurologen auf dem zweiten Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Kopenhagen......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige