Prostatakarzinom: Dutasterid unterstützt Active Surveillance
Dienstag, 24. Januar 2012
Toronto – Bei Patienten mit einem Prostatafrühkarzinom, die
sich für ein Active Surveillance entscheiden, kann eine begleitende Therapie
mit dem 5-alpha Reduktase-Inhibitor (5-ARI) Dutasterid den Zeitpunkt der
späteren Operation oder Strahlentherapie hinausschieben. Dies kam in einer
Phase-Studie im Lancet (2012: doi: 10.1016/S0140-6736(11)61619-X) heraus.
Dutasterid gehört neben Finasterid zu den 5-Alpha-Reduktase-Hemmern, die für
die benigne Prostatahyperplasie zugelassen sind, aber auch das Wachstum von
malignen Tumoren in der Prostata beeinflussen. In der Primärprävention des
Prostatakarzinoms werden beide nicht empfohlen, da sie zwar die Krebsrate
mindern, es aber gleichzeitig zu einem Anstieg von aggressiven “high-grade”
Karzinomen der Prostata kommt.
In der REDUCE-Studie zur Primärprävention wurden unter Dutasterid doppelt so
viele Karzinome mit einem erhöhten Gleason-Score entdeckt. Dies könnte zwar ein
Scheineffekt sein, da Dutasterid die Prostata verkleinert (der gewünschte
Effekt bei der benignen Prostatahyperplasie) und dadurch die „Trefferrate“ der
Biopsie erhöht. Der US-Arzneibehörde FDA war dieses Nebenergebnis im letzten
Jahr dennoch einen Warnhinweis in der Fachinformation wert (auch für
Finasterid-haltige Medikamente).
Neben den Männern, die (noch) nicht an einem Prostatakrebs erkrankt sind, gibt
es – vor allem in Ländern mit einem aktiven PSA-Screening – viele, bei denen
ein „Low-Risk“ Prostatakarzinom im Frühstadium diagnostiziert wird. Diese
Patienten stehen vor der schweren Entscheidung, ob sie sofort eine Behandlung
durchführen lassen sollen.
In der Regel ist dies eine radikale Prostatektomie, die mit einem geringen,
aber definitiven Risiko von Impotenz und Inkontinenz verbunden ist. Eine
steigende Anzahl von Patienten entscheidet sich für eine Active Surveillance.
Dabei wird der PSA-Wert engmaschig kontrolliert und regelmäßig Prostatabiopsien
durchgeführt, um im Fall einer Tumorprogression den „richtigen Zeitpunkt“ für
eine Therapie nicht zu verpassen.
In diesem Szenario war die REduction by Dutasteride of clinical progression
Events in Expectant Management (REDEEM) angesiedelt, die in Nordamerika 302
Männer mit Tumoren im Stadium T1c–T2a und einem Gleason-Score von 6 oder
weniger einschloss. Zusätzlich zur Active Surveillance nahmen die Teilnehmer
der Studie über 3 Jahre täglich eine Tablette ein, die 0,5 mg Dutasterid oder
Placebo enthielt.
Wie Neil Fleshner von der Universität Toronto berichtet, verzögerte die
Behandlung mit Dutasterid die Tumorprogression. Nach 3 Jahren war es „nur“ bei
38 Prozent zur Progression im Biopsiebefund oder zu einer Krebsbehandlung
gekommen gegenüber 48 Prozent im Placebo-Arm (Hazard Ratio 0,62;
95-Prozent-Konfidenzintervall 0,43-0,89).
Das Ergebnis ist statistisch eindeutig, doch die Studie hat einige
Einschränkungen. Dazu gehört nach Ansicht des Editorialisten Chris Parker vom
Royal Marsden National Health Service Foundation Trust in Sutton/England die
für ein Prostatakarzinom viel zu kurze Nachbeobachtungszeit von 3 Jahren. Kein
einziger Patient der Studie entwickelte ein fortgeschrittenes Krebsleiden oder
starb am Prostatakarzinom.
Was auch nicht zu erwarten war, trat dieses Ereignis in einer ähnlichen Kohorte
(PIVOT-Studie) doch nach 12 Jahre bei weniger als 3 Prozent der Patienten auf.
Damit bleibt unklar, ob die frühzeitige Entscheidung zur Therapie die Patienten
tatsächlich in nennenswertem Umfang vor einer schweren metastasierten
Erkrankung oder den Tod schützt. Ein weiterer Einwand ist die inkomplette
Verblindung. Da Dutasterid den PSA-Wert senkt, dürften viele Ärzte die
Zuteilung ihrer Patienten erahnt haben, was möglicherweise die Entscheidung zur
Therapie beeinflusst haben könnte. © rme/aerzteblatt.de
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