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Neue Kinderkrankheiten auf dem Vormarsch

Dienstag, 31. Januar 2012

Berlin – Die Kindervorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 werden sehr gut angenommen. Die Teilnahmerate an den Untersuchungen U3 bis U7 beträgt im Durchschnitt 95 Prozent; die U7a bis U9 werden zu 85 bis 90 Prozent angenommen. Das geht aus dem Barmer GEK Arztreport 2012 hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde.

Besonders gut würden die Vorsorgeuntersuchungen im Saarland angenommen, wo Eltern seit 2007 per Brief gezielt zu den Untersuchungen eingeladen würden, erklärte einer der Autoren des Arztreports, Thomas G. Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG). In Berlin und Hamburg hingegen, wo Eltern erst seit Mitte 2010 eingeladen würden, liege die Teilnahmerate zum Teil deutlich darunter.

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Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, lobte das „ausgezeichnete Versorgungsniveau“ in der ambulanten Betreuung von Kindern. Denn klassische Kinderkrankheiten wie Windpocken, Scharlach oder Röteln hätten die Ärzte im Griff. Dafür seien neue Kinderkrankheiten wie Sprachentwicklungsstörungen, Neurodermitis und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) entstanden.

So leiden dem Arztreport zufolge 16,8 Prozent aller zweijährigen Kinder an Neurodermitis. Diese Zahl geht jedoch bis zum 15. Lebensjahr auf 7,2 Prozent zurück. Zudem haben Ärzte bei 10,3 Prozent aller Kinder Sprachentwicklungsstörungen diagnostiziert, insgesamt bei etwa 1,12 Millionen Kindern zwischen 0 und 14 Jahren.

Im sechsten Lebensjahr sind die Sprach­entwicklungs­störungen am ausgeprägtesten: 37,8 Prozent der Jungen und 29,6 Prozent der Mädchen erhielten in diesem Alter eine entsprechende Diagnose. Das habe dazu geführt, dass bei 19,8 Prozent der Jungen und 14,2 Prozent der Mädchen eine logopädische Behandlung verordnet worden sei, sagte Schlenker. Die Barmer GEK habe allein dafür 70 Millionen Euro ausgegeben. Auf alle Versicherte in Deutschland hochgerechnet stoße man dabei an die Milliardengrenze.

„Die Sprachentwicklungsprobleme sind extrem schichtengebunden. Sie entstehen vor allem bei Kindern aus bildungsfernen Schichten und bei Kindern mit Migrationshintergrund“, sagte Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, dem Deutschen Ärzteblatt.

Ursache dafür seien keine Intelligenzdefizite, sondern eine Anregungsarmut, die auch zu Defiziten im sozialen Verhalten, in kognitiven Fähigkeiten oder zu einer Ausbildung von Adipositas führen könne. „Deshalb ist es existenziell wichtig, dass diese Kinder außerfamiliär gefördert werden, in Familienzentren zum Beispiel, vor allem aber in Kindertagesstätten“, so Fegeler.

Die Erzieher dort müssten jedoch besser qualifiziert werden, um Kinder mit Entwicklungs­störungen gezielt fördern zu können. Hier müsse die Bildungspolitik aktiv werden. „Natürlich würde es Geld kosten, in die Entwicklung dieser Kinder zu investieren, und Kitas und Familien­zentren besser aufzustellen“, sagte Fegeler. Doch dafür könnten die Krankenkassen das Geld sparen, das sie heute für Heilmittelverordnungen ausgeben.

Die Ärzte seien mit ihrem Latein ohnehin am Ende. „Das einzige, was wir tun können, ist, die Kinder zum Logopäden zu überweisen“, so der bvkj-Sprecher. „Damit berühren wir aber nur die Spitze des Eisbergs. Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, müssen wir viel früher ansetzen und die Kinder systematisch in Kitas fördern.“ © fos/aerzteblatt.de

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