Ärzteschaft

Ärztekammer Nordrhein: Fürsorge statt Sterbehilfe

Dienstag, 7. Februar 2012

Düsseldorf – In Deutschland darf kein gesell­­schaft­liches Kima entstehen, in dem Sterbehilfe für Menschen, die Angst vor körperlichen Schmerzen, seelischen Nöten oder Verein­samung haben, ein Mittel der Wahl sei. Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, zeigte sich überzeugt, dass „eine fürsorgliche Medizin am Lebensende die deutsche Alternative zur aktiven Sterbehilfe in den Benelux-Staaten sei. Er zeigte sich bestürzt über eine Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur, wonach in den Niederlanden ab 1. März sechs Teams aus Ärzten und Pflegern Menschen zuhause aufsuchen werden, um Sterbehilfe zu leisten.
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„Es bleibt unsere tiefe Überzeugung, dass das Töten nicht ins Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten gehört“, sagte Henke. Der Ausbau von palliativmedizinischen Angeboten in Nordrhein-Westfalen habe bislang große Fortschritte gemacht, dennoch würden viele der schwerstkranken und sterbenden Menschen von den Angeboten noch nicht erreicht, erklärte Henke.

„Unser Ziel ist es, dass niemand unter Symptomen wie Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit leiden muss oder sich am Lebensende alleingelassen fühlt“, sagte der Ärztepräsident.

Die „Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“ hatte am Montag in Amsterdam mitgeteilt, dass Teams, die jeweils aus einem Arzt und einem Krankenpfleger bestehen, Betroffene zu Hause aufsuchen und dort die lebensbeendenden Maßnahmen durchführen. Grund für die Einführung der ambulanten Teams sei, dass immer wieder Menschen, die Sterbehilfe wünschten, Schwierigkeiten hätten, einen dazu bereiten Arzt zu finden.

Sterbehilfe ist in den Niederlanden seit April 2002 dann erlaubt, wenn ein Patient unerträglich leidet, aussichtslos krank ist und mehrfach ausdrücklich darum gebeten hat. Der Arzt muss einen Kollegen zu Rate ziehen. Die Staatsanwaltschaft wird nur bei Zweifeln an der ärztlichen Entscheidung angerufen. Sollte sich dabei herausstellen, dass der Arzt gegen die Regeln verstoßen hat, drohen ihm bis zu zwölf Jahren Haft.
© kna/mis/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 9. Februar 2012, 18:22

Der schmale Grat

Jetzt soll es schon bald mobile Teams zur Sterbehilfe-Initiative in den Niederlanden geben, "Sterben auf Rädern" sozusagen? Aber sind wir uns immer der engen Gratwanderung bewusst? Nicht jede schwerste Depression, nicht jeder schwerstkranke und sterbende Mensch braucht aktive, ärztlich assistierte Sterbehilfe und Suizidberatung. Existenzielle Ängste, Ausweglosigkeit, Schmerzen, Sorge, Stupor, Selbstverleugnung, Verzweiflung, Versagensängste und Vereinsamung erfordern Kommunikation, Interaktion, sozial-kompetente Betreuung und emotional-fürsorgliche Begleitung durch Angehörige, ärztliches und nichtärztliches Personal. D o r t sind in erster Linie mobile Einsatzteams mit interdisziplinärer Besetzung gefragt, die nicht Fakten schaffen, sondern nach Lösungsstrategien suchen. Den sterbenskranken Patienten dort abholen, wo er sich gerade befindet. In seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds und seiner Vergänglichkeit. Abwarten und begleiten. Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen. Helfen, Heilen, Lindern, Schützen und "Loslassen".
Der titelgebende Film "Der Schmale Grat" (The Thin Red Line) verändert das Paradigma von Kriegsfilmen: Die Darstellung des Krieges verändert die Sichtweise auf den Gegner. Das Töten des Anderen an sich, unter welchen fragwürdigen Vorwänden und Heilsversprechen auch immer, bleibt im Krieg wie im Frieden ambivalent. Lebens-, Tötungs- und Sterbewünsche brechen nicht einfach über die Menschen herein, sondern werden von lebendigen Menschen in die Welt gebracht.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
advokatus diaboli
am Donnerstag, 9. Februar 2012, 10:19

"Glaubenskrieger der aktiven Sterbehilfe"?

Mit Verlaub - der Schutz von hochrangigen Grundrechte ist keine Glaubensfrage und keine Frage des christlichen, palliativmedizinischen und hospizlichen Menschenbildes!
Und da dem so ist, besteht keine Veranlassung, weder Herrn Henke noch den Herren Montgomery, Windhorst etc. Dank zu zollen. Das Arztethos - gerne schon mal als das "Grundgesetz ärztlicher Sittlichkeit" betitelt - ist gegenwartsbezogen zu interpretieren und es ist gerade den Ärztefunktionären dringend zu empfehlen, darüber intensiver als bisher nachzudenken, dass auch die Arztethik wesentliche Impulse durch das Verfassungsrecht erfährt. Weder das "Dammbruchgargument" noch der HInweis auf die pervertierte deutsche Vergangenheit überzeugt, wenngleich freilich hier eine besondere Obacht geboten erscheint.
Die Hilfe durch Palliativmedizin und Hospize ist eben keine (!) wahre, reduziert diese doch das selbstbestimmte und freie Sterben eines Schwersterkrankten und Sterben auf die Annahme der palliativmedizinischen und hospizlichen Angebote, ohne dem Schwersterkrankten auf seinem frei gewählten Weg in den selbstbestimmten Todeszeitpunkt beistehen zu können, sehen wir mal von der palliativen resp. terminalen Sedierung ab, die für sich genommen eher zur Beruhigung des ärztlichen Gewissens dienstbar gemacht wird, ohne dabei sich zum eigentlich Motiv bekennen zu müssen.
Dank ist allenfalls den europäischen Nachbarländern geschuldet, die einen humanen Rettungsschirm auch für Sterbetouristen aus Deutschland aufgespannt haben, da hierzulande ein selbstbestimmtes Sterben in Würde mit all seinen zu akzeptierenden Konsequenzen durch ein ethisches Zwangsdiktat verunmöglicht wird.
Die deutschen Ärztefunktionäre sollten daher etwas bescheidener sein und sich nicht dazu aufschwingen, die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Mitgliedsstaaten ethisch, geschweigen denn moralisch zu verurteilen.

Deutschland bildet allen voran mit der fragwürdigen Gesinnungsethik insbesondere der Ärztefunktionäre das Schlusslicht in Sachen "Sterben in Würde" und da könnte es denn auch Sinn machen, ggf. die Geschichte unter anderen Vorzeichen zu kontextualisieren.
Lebensschutz
am Mittwoch, 8. Februar 2012, 19:40

Wenn Dämme brechen ...

Rudolf Henke ist zu danken, dass er sich angesichts der schlimmen Entwicklungen in unserem Nachbarland nochmals deutlich gegen das Töten als Teil des ärztlichen Handwerks auspricht. Wirkt das Argument des Dammbruchs auch von den Befürwortern der aktiven Sterbehilfe gerne bestritten, so sind die Niederland ein exzellentes Beispiel hierfür. 2002 wurde dort die Sterbehilfe mit dem Verweis auf wenige Einzelfälle, welche man von unerträglichen Schmerzen erlösen müsse, hoffähig gemacht. Seit dem steigen die Zahlen ständig an und es werden inzwischen auch Kinder und Demente euthanasiert. Die Angst vor Schmerzen, einst die Hauptbegründung für die Inanspruchnahme der aktiven Sterbehilfe, wurde längst durch die Angst vor Einsamkeit und dem Bestreben, Angehörigen nicht zur Last fallen zu müssen, abgelöst. Aber auch das ist die Glaubenskriegern der aktiven Sterbehilfe noch nicht genug, über Tötungskliniken und ambulante Teams wollen sie mit der aktiven Sterbehilfe auch den letzten Holländer erreichen.

Positiv hebt sich hier der deutsche Weg - eventuell auch durch die Sensibilisierung aufgrund der NS-Zeit begründet - vom holländischen Modell ab. Wahre Hilfe durch Pallativmedizin und Hospize statt den gesellschaftlich bequemen und preisewerten Tod durch die aktive Sterbehilfe.
advokatus diaboli
am Mittwoch, 8. Februar 2012, 05:06

Auch Ärztefunktionäre sollten "lernfähig" sein!

Mit Verlaub – auch der Präsident der ÄK Nordrhein Henke verkennt vollends die Bedeutung des Selbstbestimmungsrechts der schwersterkrankten und sterbenden Menschen, mal ganz abgesehen davon, dass auch er das „gesellschaftliche Klima“ in unserer Gesellschaft völlig fehl deutet. Mehr als 75% der Bevölkerung plädiert seit Jahren in den Umfragen für eine Liberalisierung der Sterbehilfe, so wie im Übrigen mehr als ein Drittel der Ärzteschaft sich ebenfalls vorstellen kann, in bestimmten Fällen bei einem frei verantwortlichen Suizid eines Schwersterkrankten ärztlich zu assistieren.

„Es bleibt unsere tiefe Überzeugung, dass das Töten nicht ins Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten gehört“, so Rudolf Henke – eine Überzeugung, die zu glauben dem Präsidenten der ÄK Nordrhein ausdrücklich gestattet ist, allerdings in dieser doch eher „platten Form“ nicht von allen geteilt werden muss.

Es sei daran erinnert, dass auch Henke einer der prominenten Befürworter der Verbotsnorm der ärztlichen Suizidassistenz gewesen ist und so mit dazu beigetragen hat, dass u.a. das Grundrecht der Gewissensfreiheit der Ärztinnen und Ärzte zu Grabe getragen wurde. Fürsorge und Sterbehilfe sind kein Widerspruch und es stimmt insgesamt nachdenklich, dass auch Rudolf Henke aus der Debatte über die Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz keinen weiteren Erkenntnisgewinn gezogen hat.

Es verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass einige Ärztefunktionäre mit der Problematik der ärztlichen Suizidassistenz schlicht überfordert sind und es von daher sich aufdrängt, dass endlich der parlamentarische Gesetzgeber tätig wird. Die Ärzteschaft hat mit ihrer Verbotsnorm in der ärztlichen Musterberufsordnung nachhaltig bewiesen, den gebotenen Grundrechtsschutz sowohl der Ärztinnen und Ärzte als auch der schwersterkrankten und sterbenden Patienten nicht hinreichend ernst zu nehmen.

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