Politik

Krebskongress: Patientenorientierte Forschung kommt in Deutschland zu kurz

Mittwoch, 22. Februar 2012

Berlin – Drei Forderungen der Krebsmedizin an Politik und Gesellschaft hat der Kongresspräsident des 30. Deutschen Krebskongresses, Peter Albers, in seiner heutigen Eröffnung in den Vordergrund gestellt: den Aufbau einer gesellschaftlich legitimierten Institution zur Allokation der Ressourcen, eine bessere Bezahlung für zertifizierte Krebszentren und einen Ausbau der patientenorientierten Forschungsförderung.

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Priorisierung notwendig
„Zurzeit versagt die Politik, indem sie sich nicht um die gesellschaftlichen Folgen der ärztlichen Diagnostik und Therapie kümmert“, kritisierte Albers, der auch Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Düsseldorf ist.

Es gebe viele Beispiele, die politisch und gesellschaftlich diskutiert werden müssten, um vernünftige Einsparpotenziale aufzudecken: „Braucht jeder Krebspatient stadiumunabhängig eine dreiwöchige Anschlussheilbehandlung? Warum müssen solidarisch begründete Krankenkassenbeiträge verwendet werden, um die Renditen einiger privater Klinikketten zu erwirtschaften? Warum sind Medikamente in Deutschland für Krankenkassen teurer als auf dem internationalen Markt? Warum funktioniert in Schweden seit vielen Jahren ein Priorisierungssystem, das von allen akzeptiert wird?“, fragte Albers.

Er appellierte an die Politik, eine gesellschaftlich akzeptierte Institution zu schaffen, an der Ethiker, Mediziner, Forscher und Politiker an einem Tisch säßen und die Vorschläge dazu liefern solle, wie die vorhandenen Mittel am sinnvollsten eingesetzt werden könnten.

Behandlungen in Krebszentren besser honorieren
Der Kongresspräsident kritisierte in seiner Rede, die Erfassung der klinischen Daten sei in Deutschland sehr schwer. Aus Deutschland würden in internationalen Registern wie EUROCARE nur die Saarland-Daten ausgewertet, weil es aus vielen anderen Bereichen immer noch keine übergreifenden Registerdaten zu Krebserkrankungen gebe.

Die sogenannten klinischen Krebsregister seien immer noch nicht flächendeckend verfügbar. „Aus meiner Sicht ist dies skandalös, und trotz vielfacher politischer Bemühungen ist dieses Problem auch aufgrund föderalistischer Prinzipien bis heute nicht gelöst“, sagte Albers.

Dieses Defizit habe weitreichende Konsequenzen: Die Deutsche Krebsgesellschaft habe seit nunmehr fast zehn Jahren eine Qualitätsinitiative gestartet, die unter der Ägide „Zentrumsbildung“ eine von außen geprüfte Diagnose- und Behandlungsqualität in einem interdisziplinären Setting verlange.

„Die Brustkrebszentren waren die ersten in diesem Sinne generierten Zentren, inzwischen gibt es über 250 davon und diese Errungenschaft wird von vielen als Meilenstein in der Onkologie angesehen“, sagte er. Wegen der mangelnden Datenlage in Deutschland sei aber die Ergebnisqualität in den Zentren nicht ausreichend nachzuvollziehen.

„Die entscheidende Frage ist: Leben die Patienten nach einer Behandlung in einem Zentrum länger, und ist ihre Lebensqualität höher? Hier gibt es keine direkten Vergleiche, nur historische oder länderübergreifende“, sagte Albers.

Er kritisierte, die mangelnde Datenlage habe dazu geführt, dass die über fast zehn Jahre erfolgte Zertifizierung der Behandlung von Krebserkrankungen bisher ohne öffentliche finanzielle Unterstützung über zum Beispiel die Krankenkassen vorfinanziert worden sei. Dies könne aber nicht so bleiben.

„Behandlungen in zertifizierten Krebszentren müssen besser bezahlt werden. Schon jetzt ist eine verbesserte Versorgung der Patienten auf allen Ebenen erreicht und bei einem beschleunigten Ausbau der klinischen Krebsregister wird bald ein nationaler und internationaler Vergleich der Behandlungsergebnisse möglich werden“, sagte er.

Forderung nach einem Nationalen Krebsinstitut
Albers hob in seiner Eröffnungsansprache hervor, Deutschland liege bei der patientenorientierten Forschungsförderung weit hinter anderen Ländern zurück. Zwar gebe es ein Deutsches Zentrum für Gesundheitsforschung in der Onkologie. Aber dieses eine von sechs Zentren orientiere sich an der Grundlagen- und weniger an der direkt patientenorientierten Forschung.

„Wir brauchen ein Nationales Institut für klinische Forschung in einem Nationalen Krebsinstitut, durchaus angeschlossen an bereits existierende zentrale Institutionen“, forderte er. Versorgungsrelevante und patientenorientierte Forschung sei nur zentral zu koordinieren, so der Kongresspräsident. © hil/aerzteblatt.de

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