Medizin

Demenz: Haloperidol gefährlicher als andere Neuroleptika?

Freitag, 24. Februar 2012

Boston – Der Einsatz von Neuroleptika ist bei Demenzpatienten mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Die Gefahr könnte bei Haloperidol größer sein als bei anderen Neuroleptika, wenn man den Ergebnissen einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2012; 344: e977) folgt.

In den USA werden bis zu einem Drittel aller Bewohner von Pflegeheimen mit Neuroleptika behandelt. Der Verordnung liegen zumeist keine medizinischen Gründe zugrunde. Die „Ruhigstellung“ der Patienten erleichtert die Pflege und spart damit Kosten. Diese Praxis wird seit langem aus ethischen Gründen kritisiert.

In den letzten Jahren sind medizinische Bedenken hinzugekommen: Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Verordnung mit einem Mortalitätsrisiko verbunden ist. Die FDA veröffentlichte 2005 eine Warnung zu atypischen Neuroleptika, wonach diese Medikamente das Sterberisiko um 60 bis 70 Prozent erhöhen. Viele Heime wechselten daraufhin auf konventionelle Neuroleptika. Doch 2008 stellte die FDA klar, dass auch die konventionellen Neuroleptika das Sterberisiko erhöhen. Dies hat den Einsatz der Medikamente keinesfalls unterbunden, zu dem viele Pflegeheime keine Alternative sehen.

Anzeige

In den USA sind 20 verschiedene Wirkstoffe zugelassen. Bei Demenzpatienten werden am häufigsten Haloperidol, Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon und Ziprasidon verordnet. Krista Huybrechts vom Brigham & Women’s Hospital in Boston und Mitarbeiter haben nun die Daten von rund 75.445 Pflegeheimbewohnern ausgewertet. 6.598 Bewohner sind in den ersten sechs Monaten nach der ersten Verordnung verstorben (Krebserkrankungen ausgenommen).

Die Sterberate war bei Patienten, die mit Haloperidol behandelt wurden, am höchsten, und bei Quetiapin niedrigsten. Huybrechts weist selbst darauf hin, dass aus den Daten nicht geschlossen werden kann, dass Quetiapin sicherer ist als Haloperidol.

Es könnte ja sein, dass Haloperidol bevorzugt bei Patienten mit einem (auch ohne Einsatz von Neuroleptika) erhöhten Sterberisiko eingesetzt wird. Dies scheint tatsächlich der Fall zu sein, denn die Hazard Ratio von 2,42 im Vergleich zu Risperidon sinkt in einer Multivariat-Analyse, die die andere bekannte Mortalitätsfaktoren berücksichtigt auf 1,81 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,65-1,98).

Damit war das Sterberisiko jedoch weiterhin signifikant erhöht, während Quetiapin mit einer Hazard Ratio von 0,83 (0,77 bis 0,89) gegenüber Risperidon die sichere Alternative sein könnte – sofern es den Autoren tatsächlich gelungen ist, alle Störgrößen in ihrer Berechnung zu berücksichtigen.

Für einen ursächlichen Zusammenhang spricht, dass das Sterberisiko unter Haloperidol in den ersten 40 Tagen am höchsten war. Außerdem bestand eine Dosis-Wirkungsbeziehung: Unter der höchsten Dosis von Haloperidol war die Mortalität gegenüber der niedrigen Dosis um 84 Prozent erhöht. Bei einer mittleren Dosis war das Risiko um 40 Prozent erhöht. Beweisend ist dieser Zusammenhang jedoch nicht.

Es ist leicht vorstellbar, dass Patienten mit einer fortgeschrittenen Demenz (und dem dadurch erhöhtem Sterberisiko) wegen der begleitenden ausgeprägteren „Verhaltensstörungen“ mit höheren Dosierungen Haloperidol behandelt werden als Patienten mit geringgradiger Demenz.

Letztlich zeigt die Studie nur, dass ein Bedarf an randomisierten klinischen Studien zum Einsatz von Neuroleptika bei Demenzpatienten besteht. Eine andere Konsequenz, die die Editorialistin Jenny McCleery vom Oxford NHS Foundation Trust einfordert, wäre die verstärkte Suche nach nicht medikamentösen Behandlungsalternativen, um den überzogenen Einsatz von Neuroleptika endlich einzuschränken (BMJ 2012; 344: e1093). © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

FELDart
am Montag, 1. April 2013, 23:41

Bedenkenloser Umgang mit Psychopharmaka mangels Ärzte-Fortbildung

In einschlägigen Psychatrie-Lehrbüchern wird auch in Deutschland mindestens seit 20 Jahren auf die überwiegend unerwünschten "Nebenwirkungen" (Dyskinesien, Parkinson-Maske, irreversible Schädigung unvorhersehbarer Hirnregionen und somit des gesamten Zentralnervensystems) hingewiesen und vor unverantwortlichem Missbrauch - anstelle unschädlicher Therapiemöglichkeiten - gewarnt. Demnach dürfte z.B. Haloperidol keinesfalls bei gesunden geriatrischen Fällen zur "Ruhigstellung" eingesetzt werden. Deutsche niedergelassene Internisten und Neurologen der Kreiskrankenhäuser scheinen fortbildungs-resistent diesen "Abend-Trunk" für alle geistig noch Gesunden munter zu empfehlen, und die in der Folge danach eingetretene Hirnschädigungen als "normalen Demenzverlauf" und "Beweis" ihrer angeblich "berechtigten Medikation " umzudeuten. Auf Kongressen werden diese Fallbeispiele dann verspottend als "Zivilisationsschäden" denunziert. Wie steht es um Ihr Berufsethos meine Damen und Herren Allgemein-Mediziner?
Clemens-X
am Freitag, 24. Februar 2012, 22:26

wieso nur in den USA? In deutschen Pflegeheimen allabendlich „im Ausschank”…

Melperon, Truxal und andere „Stöffchen” werden auch ohne jegliche ärztliche Verordnung an jeden Senior ausgeschenkt, der zu unruhig und widerspenstig ist, dauernd klingelt und die unterbesetzten Nachtwachen damit nervt oder dauernd auf den Topf will. Genau das ist die jahrelange Praxis in einem städtisch geführten Seniorenheim hier im Kreis Rottweil.
Woher ich das weiß? - Meine Freundin arbeitete über 15 Jahre lang in diesem Heim.

Wie rücksichtslos man oft mit alten Menschen umgeht, zeigt sich u.a. darin, dass manche bis zu über 15 verschiedene Medikamente je Tag einnehmen und sich anscheinend niemand um die Wechsel- und Nebenwirkungen kümmert.

Und es zeigt sich darin, dass Depression und Suizid ab 60 Jahre extrem zunehmen und „Therapie der Wahl” Psychopharmaka sind, statt Psychotherapie. Ruhig stellen, statt echte Hilfe leisten! Wie verträgt sich dies eigentlich mit dem ärztlichen Eid und dem beruflichen und persönlichen Selbstverständnis der Verantwortlichen???

„Psychotherapie für Senioren lohnt sich ja doch nicht mehr! - Und die Kosten! Wer soll das bezahlen?” - Wer so denkt, geht davon aus, selbst nie in solch eine Situation zu kommen!

Clemens M. Hürten - gesSso - Rottweil
5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige