Ärzteschaft

Ärzte kritisieren mobile Sterbehilfe-Teams in den Niederlanden

Mittwoch, 29. Februar 2012

Osnabrück – Die deutschen Ärzte kritisieren die für den 1. März geplante Einführung mobiler Sterbehilfe-Teams in den Niederlanden. Es könne niemals zum Arztberuf gehören, den Tod herbeizuführen, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Mittwoch. „Wir wollen den Tod zulassen, wenn die Zeit da ist, wir wollen ihn aber nicht zuteilen.“

Montgomery erklärte, Aufgabe des Arztes sei es, Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen sowie Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen. Die ärztliche Verpflichtung zur Erhaltung des Lebens bestehe allerdings nicht unter allen Umständen. Das gelte insbesondere dann, wenn sonst angemessene Diagnostik und Therapie nicht mehr angezeigt und Begrenzungen geboten seien.

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In solchen Fällen könne die Palliativmedizin dazu beitragen, das Vertrauen der Menschen in eine fürsorgliche Medizin am Lebensende zu stärken, betonte Montgomery. Daher müsse die Zahl der Palliativstationen und Hospize in Deutschland dringend weiter erhöht werden. „Eine gute und flächendeckende Palliativmedizin wird den Ruf nach aktiver Sterbehilfe sicher verhallen lassen.“

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte unterdessen ein strafrechtliches Verbot der gewerblichen Suizidbeihilfe in Deutschland. Bei der Diskussion über die „mobilen Sterbehilfeteams“ in den Niederlanden dürfe nicht vergessen werden, dass schon seit mehreren Jahren auch in der Bundesrepublik Anbieter auf diesem Gebiet tätig seien, sagte Merk in München. Sie böten Menschen gegen Entgelt Hilfe zur Selbsttötung und nutzten so deren Not aus. Die Betroffenen würden zu einem Schritt ermutigt, der in Wahrheit niemandem außer dem Anbieter nütze.

Die Deutsche Hospiz Stiftung erklärte, das 2002 in den Niederlanden in Kraft getretene Gesetz zur Zulassung aktiver Sterbehilfe habe zu Beginn durchaus Sympathien in Deutschland gehabt. „Spätestens jetzt muss aber klar sein, dass mit der Einführung von mobilen Sterbehilfeteams die Idee einer humanen Tötung auf Wunsch des Patienten beerdigt wird“, sagte der Geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch. „Das Konzept der Euthanasielobby lautet: Tod muss überall und für jeden verfügbar sein.“ Sorgfaltskriterien spielten dabei überhaupt keine Rolle.

Brysch forderte Konsequenzen für Deutschland: „Es reicht nicht aus, für zehn Prozent der Sterbenden palliative Angebote vorzuhalten. Wenn der größte Teil der Bevölkerung Angst vor Abhängigkeit, Pflege und Einsamkeit hat, dann sind die paar Inseln der palliativen Therapie keine Antwort auf deren Nöte.“

Die Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE) hatte vergangene Woche angekündigt, dass sechs sogenannte mobile Teams aus Den Haag ab dem 1. März in den Niederlanden landesweit ambulante Sterbehilfe leisten können. Jeweils ein Arzt und ein Pfleger sollen die Betroffenen zu Hause aufsuchen und dort die Sterbehilfe vornehmen. © kna/aerzteblatt.de

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advokatus diaboli
am Sonntag, 4. März 2012, 15:41

"Tötungsverbot" und Hippokratischer Eid

"Das Tötungsverbot für einen Arzt ist eingebettet in den Eid von Hippocrates", so der zutreffende Hinweis und in der Tat ist es an der Zeit, dass gerade dieser Eid in Anlehnung an die Epoche der Aufklärung zu modifizieren ist, um letztlich auch glaubwürdig sein zu können.
Es ist hinreichend bekannt, dass das Tötungsverbot auch in der Medizin nicht durchgängig gilt, wie sich unschwer aus dem Schwangerschaftsabbruch ablesen lässt. Dass gegenwärtig - wenn auch nur in einer geringen Anzahl - schwersterkrankte Patienten verpflichtet sind, ihr Leid persönlich zu tragen, obgleich diese dem entfliehen wollen, ist durchaus einigen Ärztefunktionären anzulasten, die das Verbot der ärztlichen Suizidassistenz initiiert und mitgetragen haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere deutschen Ärztinnen und Ärzte nicht moralisch verroht sind und mit ihren Patienten am Ende des Lebens eine verantwortungsvolle und gewissenhafte Entscheidung treffen. Insofern ist und bleibt das ethische Zwangsdiktat ehtisch und moralisch anrüchig, maßen sich doch Funktionäre an, in die höchst individuelle Arzt-Patienten-Beziehung einzugreifen.
Ein Drittel der verfassten Ärzteschaft befindet sich hingegen auf dem richtigen Weg und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch hierzulande in Einzelfällen die Mitwirkung des Arztes bei einem frei gewählten Suizid eines Schwersterkrankten ermöglicht wird. Das "Tötungsverbot eines Arztes" ist lediglich nur eine Fiktion und sofern hierfür der Hippokratische Eid bemüht wird, folgt hieraus lediglich die Erkenntnis, dass der Eid als Grundlage der ärztlichen Sittlichkeit schlicht überholt ist, mal ganz davon abgesehen, dass unsere europäischen Nachbarländer und die dortigen Ärztinnen und Ärzte sicherlich keine ethischen Ratschläge bedürfen, geschweige denn ihnen gegenüber der Vorwurf zu erheben ist, dass diese ein fehlgeleitetes Verständnis von der Autonomie der schwerserkrankten Menschen hegen. Fehlgeleitet sind allenfalls die ethischen Positionen der ethischen Überzeugungstäter, die nicht selten ihre Argumente aus der tranzendenten ethischen Glaskugel beziehen, die nicht für jedermann verbindlich sind.
w.strecker
am Samstag, 3. März 2012, 11:09

Redlichkeit für Sterbehilfe einfordern

Jeder Insider weiss, dass eine wirksame Palliativmedizin in Deutschland nur einem sehr kleinen Anteil der betroffenen Patienten (selbst von Herrn Brysch werden nur 10% angegeben ) zur Verfügung steht.
Diese Situation wird sich wegen fehlender finanzieller Mittel und fehlender Motivation auch in Zukunft mit Sicherheit nicht entscheidend verändern.
Es ist darum unredlich, wenn in Stellungnahmen, unter Verweis auf eine nicht vorhandene(!) Palliativmedizin, die Versuche in den Niederlanden den Patienten zu helfen, kritisiert werden.
Außerdem wird in den Niederlanden der Tod nicht zugeteilt, sondern erfolgt auf ausdrücklichen, freien Wunsch der Patienten nach Ausschöpfung aller sonstigen realistisch möglichen Hilfsangebote.
In Deutschland werden die betroffenen Patienten in ihrer oft verzweifelten Lage weitgehend allein gelassen. Nicht selten wird die Situation durch nicht indizierte lebensverlängernde Maßnahmen (z.B. künstliche Ernährung ect. ) noch weiter drastisch verschlimmert.
Eine deutliche Verbesserung ist unter anderem denkbar, wenn in Deutschland mobile Teams etabliert würden, die besonders in schwierigen Fällen eine wirksame Palliativmedizin durchführen könnten. Hierdurch ließen sich sicher auch neue Maßstäbe setzen.
Nur nach einer schonungslosen Analyse der Realität kann auch allen Patienten wirksam geholfen werden.
Percy
am Freitag, 2. März 2012, 20:20

@senbuddy

Tötungsverbot in der Rechtsphilosophie ist GANZ was anderes. Ihren Kommentar an advocatus diaboli find ich Respectlos.
Das Tötungsverbot für einen Arzt ist eingebettet in den Eid von Hippocrates.
Wird es nicht Zeit das eine große Debatte geführt werden soll, ob das noch in die heutigen Zeit noch aufrecht gehalten werden muß?
Ebenso Respectlos find ich Ihre Bemerkung, ich zitiere: der oft so gepriesenen "Selbstbestimmung" des zu Tötenden. Ich spüre da Misachtung für die Menschen die einen andere Meinung haben wie Sie.

Nein ich glaube Sie haben es wohl nicht verstanden!
Viele Grüße
P
Senbuddy
am Freitag, 2. März 2012, 19:43

@advocatus diaboli

Ihren letzten Kommentar kann man mit dem einfachen Satz "ich habe es wohl nicht verstanden" zusammenfassen.

Aber um es auch einfach und für "ethisch Anspruchslose" darzustellen: Das "Tötungsverbot" für einen Arzt (oder auch für jeden anderen Menschen) steht in jedem Fall über der oft so gepriesenen "Selbstbestimmung" des zu Tötenden.

Und das gilt auch in der Rechtsphilosophie unseres Kulturkreises.
Viele Grüße
S.
advokatus diaboli
am Freitag, 2. März 2012, 17:14

Debatte ist "philosophielastig"!

Als Befürworter der Sterbehilfe habe ich durchaus Verständnis für die ethischen Grundsatzproklamationen, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass hier die Jahrtausend alte Philosophiegeschichte keinen nennenswerten Beitrag mehr leistet und letztlich nur zur Verwirrung über grundlegende rechtsethische Standards führt. Entscheidend ist und bleibt das Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten Patienten und über die Motive, die diese ggf. ihrer Entscheidung zugrunde legen, haben wir nicht zu richten. Insofern sollte das Thema mehr als bisher enttabuisiert werden und nicht von ethischen Überzeugungstätern dominiert werden, die da glauben, zwischen der Sterbehilfe und der Palliativmedizin bestehe ein eklatanter Widerspruch.
Es geht nicht um eine "ethisch anspruchsvolle Gesinnung", die ggf. einer sozialethischen Prüfung standhalten muss, sondern schlicht um das Selbstbestimmungsrecht. Und hier muss - mit Verlaub - darauf verwiesen werden, dass die Gegenwartsethik keinesfalls die Grundrechte verdrängt, denn Verfassungsinterpretation ist keine Hobbyphilosophie.
Insofern sind die Statements etwa der Herren Montgomery und Brysch mehr als bedenklich, nehmen diese doch in letzter Konsequenz zentrale Grundrechte nicht nur der schwersterkrankten Patienten, sondern auch solche der Ärzteschaft nicht ernst. Dass hier ein Jurist interveniert, ist daher durchaus geboten und es ist geradezu abenteuerlich, in diesem Zusammenhang an die pervertierte deutsche Vergangenheit erinnern zu wollen. Vielmehr beschwört der ethische Neopaternalismus "Gefahren herauf", so dass das Selbstbestimmungsrecht der Schwersterkrankten und etwa die Gewissensfreiheit der deutschen Ärztinnen und Ärzte in einem Maße marginalisiert werden, welches mir persönlich schwer erträglich erscheint.
Die derzeitige "Medizinethik" ist so ethisch nun wahrlich nicht und es sollte gerade den Ärztefunktionären nachdenklich stimmen, dass mehr als ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte für eine Liberalisierung eintreten. Ist dieses Drittel bundesdeutscher Ärzte "moralisch und ethisch verroht"? Nun - ich denke, dass eher das Gegenteil anzunehmen ist und es bleibt zu hoffen, dass endlich der parlamentarische Gesetzgeber hier seinen grundrechtlichen Schutzpflichten (u.a. auch gegenüber der Ärzteschaft) nachkommt.
Ethische Zwangsdikate sowohl von den Kammern als auch von den Patientenschutzorganisationen sind mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar. Punkt um!
Senbuddy
am Donnerstag, 1. März 2012, 21:51

Es ist natürlich extrem belastend, wenn sich Leid lange hinzieht... (@Sangoma)

...aber mit der heutigen Palliativmedizin sind Schmerzen nicht unbedingt mehr ein wesetlicher Teil dieses Leids.

Es geht für den einzelnen Kranken also mehr darum, sich mit dem "noch gegebenen Restleben" und den ihm noch gegebenen geringen Möglichkeiten und oft natürlich massiven Einschränkungen "abzufinden". Und es ist klar, dass das ehemals sportlichen und intellektuell aktiven Menschen mit einem "erfüllten Leben" natürlich extrem schwer fällt oder in vielen Fällen auch eher nicht funktioniert.

Sangoma, Sie beschreiben, dass Ihr Vater sich aber mit einem eigenen starkem Willen freiwillig in den eigenen Hungertod begeben hat. Diese Willensstärke Ihres Vaters finde ich außerordentlich bewundernswert. Gerade diese Willenssträrke ist für mich der Ausdruck einer bis in den Tod gelebten Selbstbestimmung. Und ich finde es auch bewundernswert, dass Sie ihm gerade nicht aktiv zum Tod verholfen haben. Denn auch das zeigt für mich sehr viel Stärke und Durchhaltevermögen. Auch wenn es natürlich Erinnerungen übrig läßt, die man sich lieber erspart hätte.

Genauso bewundernswert finde ich dann aber auch die Kraft und Willensstärke, die Menschen wie Jean Bauby oder Steven Hawking (oder viele andere, weniger bekannte Menschen in ähnlicher Situation) aufgebracht haben. Und die nach einer Phase der Todessehnsucht eine ähnlich starke, aber anders ausgerichtete Willensstärke entwickelt und sogar Großes geleistet haben.

Natürlich bewegt man sich hier in Grenzbereichen des Lebens, in denen es gerade für betroffene Angehörige meist schwer ist, eine ethisch anspruchsvolle Gesinnung aufrecht zu erhalten und den psychischen Befindlichkeiten des Kranken oder bei manchen auch noch den eigenen nachzugeben.

Aber gerade aus diesem Grund muß es ethische Regeln geben, nach denen einem Kranken die Entscheidung, wofür und mit welchen verbundenen Härten er seine ihm verbliebene Willenskraft einsetzt, niemals abgenommen werden können und dürfen. Solange die Willenskraft vorhanden ist, darf dieser einzelne Mensch sie nur allein und nur für sich und nur im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten einsetzen. Das ist die einzige Möglichkeit zu einer wirklichen Selbstbestimmung in so einer Situation. Und wenn diese einzige Möglichekeit der selbst verursachte Hungertod ist, ist das außerordentlich schwer, aber trotzdem unabänderlich. Auch wenn dabei für Außenstehende nur "Händchenhalten" übrig bliebt (wobei heutige Sterbebegleitung einiges mehr beinhaltet...).

Ärzte dürfen deshalb aber aus meiner Sicht in keiner Situation aktiv zum Tode verhelfen. Und mobile Teams a la "Sterben auf Rädern" wie in Holland dürfen das schon gar nicht, das wäre eine "Verrohung" ethischer Ansprüche, die ich mir für unser Land kaum vorzustellen wage. Wäre ich Holländer, würde ich dagegen "auf die Strasse" gehen.

So gesehen bin ich keineswegs für die "einfachen" Lösungen. Ich bin zwar für jede mögliche Minderung bestehender Leiden (medikamentös, psychotherapeutisch oder mit den weiteren palliativen Methoden), aber nicht durch aktive Sterbehilfe. Die steht einem anderen Menschen einfach nicht zu.

Viele Grüße
S.
sangoma
am Donnerstag, 1. März 2012, 17:50

@senbuddy

...in der Tat könnte ein Schwerkranker auch das Leid seiner liebenden Angehörigen (das nennt sich sinnigerweise Mit-leid) wahrnehmen und es bedauern oder gar als zusätzliche Last empfinden, das kommt bei sich nahestehenden Menschen vor. Jetzt würde mich aber senbuddy's Lösungsvorschlag interessieren: sollen Angehörige das Mitleiden fröhlich einstellen und der Kranke seine Angehörigen würdevoll ignorieren? Naturgemäß unmöglich, also leiden alle gefälligst bis zum natürlichen Ende? Die einfache Lösung ist nicht die beste, nur weil dann niemand Verantwortung oder differenzierte Entscheidungen tragen muss.
Senbuddy
am Donnerstag, 1. März 2012, 16:58

Immer das "große Leid"... (und @advocatus diaboli)

Immer wird von großen Leid der Sterbenden und von Selbstbestimmung gesprochen. Und dass das Leben beendet werden soll, weil "der Patient sich quält" usw..

Ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, dass sich schwerkranke Menschen moralisch unter Druck gesetzt fühlen können, Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld "nicht mehr zur Last zu fallen" ?

Und sich deswegen "freiwillig helfen" lassen "wollen". Und dann natürlich alles "Befragen" uber sich ergehen lassen und alles unterschreiben und alles als "Ihren Willen" äußern, um allein deshalb ihr Leben zu beenden. Das ist mit Sicherheit ein weit verbreiteter Gedanke, auch schon unter noch gesunden alten Menschen. Und wer als Pflegekraft gearbeitet hat, kennt diese Gedanken diverser Pflegepatienten sicher auch.

Merkt hier keiner, dass so eine "öffentlich akzeptierte Sterbehilfe - Maschinerie" kranke Menschen allein durch ihr Vorhandensein schon massiv unter Druck setzen kann ? Und dann noch mit "mobilen Teams" !! Wenn das keinen Druck erzeugt !

Und wo bleibt da die Würde des Kranken ? Wo bleibt bei einem solchen "öffentlichen und gesellschaftlichen Druck" die angebliche Selbstbestimmung eines durch die Krankheit körperlich, aber vor allem seelisch geschwächten Menschen in einer solchen Ausnahmesituation ? Denken die Befürworter solcher gesetzlichen Regulierungen überhaupt so weit ?

Ich muß sagen, dass ich die Bedenken der Deutschen Hospiz Stiftung voll unterstütze. Und auch Herrn Montgomery in seinem o.g. Interview.

@advocatus diaboli:
Ich kann nur sagen: Wenn Juristen anfangen mit irgendwelchen "Rechten" gegen "Ethiker" zu schimpfen, dann wird´s gefährlich. So was hatten wir schon mal in Deutschland und es hat viele "rechtmäßige" Morde an Menschen gegeben, weil die Mörder sich "im Recht" gesehen haben.

Aber auch als Jurist sollte man wissen, dass sich alle Arten von Recht und Gesetzen nach ethischen Normen zu richten haben und nicht umgekehrt.

Viele Grüße
S.
doc.nemo
am Donnerstag, 1. März 2012, 14:18

Ärzte kritisieren mobile Sterbehilfe-Teams in den Niederlanden

Zitat: "Die deutschen Ärzte kritisieren die für den 1. März geplante Einführung mobiler Sterbehilfe-Teams in den Niederlanden".
Nein, nicht DIE deutschen Ärzte, sondern EINIGE! Offensichtlich hat Montgomery die Unsitte seines Vorgängers Hoppe adoptiert, seine eigene Meinung kraft Amtes als die der gesamten deutschen Ärzteschaft zu publizieren. Ich gehöre auch zu "den" deutschen Ärzten, aber ich protestiere dagegen, dass Montgomery oder gar die Bundesärztekammer in meinem Namen sprechen!
Percy
am Donnerstag, 1. März 2012, 13:45

Wie Euthanasie in die Niederlande ausgübt wird

Immer wieder wenn ich Kommentare lese, über die Art und Weise wie Euthanasie in die Niederlande ausgeübt wird, bin ich enttäuscht, weil Unwissenheit über dieses Thema zur Absurditäten führt in gewisser Behauptungen so wie Herr Kollege dr. Montgomery gemacht hat.

Bevor Euthanasie unter Bedingungen zugelassen wurde in die Niederlande, gab es vieles was nicht gut war in die Augen von Medizinische Ethiker, und die hatten damals dann auch Recht.
Nach reiflicher Überlegung hat die damalige Regierung Euthanasie zugelassen, wenn es unter folgende Bedingungen zutrifft:

1.Es muss sich handeln um ein Aussichtlos und ein unerträgliches Leiden die Patientin/der Patient
2.Der Beschluß um ihr/sein Leben zu beenden, muß beim vollem Verstand entschieden sein
3.Es darf unter keinen Zwang von anderen zustande gekommen sein
4.Es soll einen Patientenverfügung vorliegen unterzeichnet und datiert, wo möglich auch Aktualisiert bis auf den heutigen Tag.

Nur wenn alle diesen Bedingungen zutreffen darf Euthanasie genehmigt werden, anderenfalls ist auch noch heute strafbar und kann mit Gefängnisstrafe bestraft werden.

Um die Kontrolle über diese Bedingungen zu überwachen, ist eine unabhängige Ärztliche Instanz gegründet, die nachblickt ob alle Bedingungen zutreffen, sie darf unter keine Umstände Vorwissen haben vom Fall oder verwandt sein mit dem Patienten.

Diese unabhängige Ärzliche Instanz ist bekannt unter der Name SCEN.
Übersetzt heißt das: Unterstützung und Konsultation Euthanasie in die Niederlande
Ich war von 2003 bis 2005 tätig als Arzt bei dieser Instanz, und war auch ausgebildet worden dafür.
Monatlich hatten wir einen Zusammenkunft, wo wir Unterstützung bekamen und Erfahrungstatsachen auswechselten.
Wenn ein Verlangen vorlag, dann mußte der Ärztin/Arzt vom Dienst, dahin um abzuklären ob die obengenannten Bedingungen zutrafen und sie/er mußte dann sich beraten mit der Staatsanwaltschaft, und allein die mußte entscheiden ob der Leichnam frei gegeben worden konnte, oder gegebenenfalls Anzeige erstattet wurde.

Nachher wird dann noch durch einen speziellen Ausschuss geprüft ob die Ärztin bzw der Arzt die der Euthanasie ausgeübt hat, richtig gehandelt hat. Also ein Verfahren wird grundsätzlich geprüft in medizinische und juristisch Ansicht.

Die Ärzteschaft in die Niederlande ist auch nicht verpflichtet um Euthanasie einzuwilligen wenn einen Patient/Patientin darum verlangt hat. Die Ärtztin bzw der Arzt kann, wenn sie/er Gewissenskrupel hat, sich weigern um Euthanasie auszuführen.
In solche Fälle kann der Patient sich wenden zur NVVE um hilfe zu bekommen.
Jetzt hat offenbar die NVVE sich entschieden für mobile Einsatz und das ist keine schlechte Entscheidung meiner Meinung nach.
sangoma
am Donnerstag, 1. März 2012, 11:43

Beispiel

Für Betroffene und vermutlich auch für zahlreiche praktisch tätige Ärzte klingt es nach Hohn, immer wieder zu hören, dass mit ausreichender Palliation und Händchenhalten bestimmt niemand mehr seinen Tod beschleunigen möchte. Es wird hierbei wohl an den Prototyp des terminal an Krebs Erkrankten gedacht, doch es gibt viele andere Gründe, ein absehbar langes Leid zu beenden.
Ein Beispiel:
Mein Vater erkrankte nach einem bis dahin ebenso intellektuellen wie sportlichen Leben an einer cerebellären Ataxie, die sich im Verlauf als vermutliche Multisystematrophie darstellte. Zwei Jahre später musste er, an den Rollstuhl gefesselt, schließlich sein eigenes Haus für ein Pflegeheim verlassen. Er war umgeben von liebender Familie und wurde außerdem regelmäßig von Freunden besucht. Er bezeichnete sein Leben bis dahin als erfüllt.Der Rollstuhl, nicht allein auf Toilette gehen können, wegen gestörter Koordination kein Buch halten zu können- all das wäre möglicherweise noch erträglich gewesen. Es möge sich aber jeder für sich selbst vorstellen. Doch bei klarem Intellekt und Bewusstsein immer seltener verständlich sprechen zu können, wegen des krankheitsbedingten Nystagmus kaum noch lesen zu können und nur mühsam und unter ständigem Kleckern essen zu können, empfand er als würdelos und quälend. Die Tragik: mein Vater hatte keine Schmerzen und war organisch fit. Bis zur kompletten Bettlägerigkeit und der erlösenden Pneumonie hätte er wohl noch einige sprachlose Jahre vor sich gehabt. Kein Fall für die lautstarke Palliativ- und Hospizbewegung also. Doch wo ist da die Würde? Muss das nach einem erfüllten Leben sein? Er meinte nein. Das können einem auch Familie, Freunde und Pflegepersonal nicht schmackhaft machen.Seinen Willen zu sterben hat er oft geäußert, doch wie nimmt man sich im Pflegeheim das Leben, wenn man seine Hände kaum gebrauchen geschweige denn laufen kann?
Mein Vater hat sich nach 2 Jahren im Pflegeheim für den freiwilligen Hungertod entschieden. Eine entsprechende Patientenverfügung war die einzige Hilfe, die ich als leisten konnte. 49 Tage hat es gedauert, kurz vor seinem 75. Geburtstag hatte er es überstanden. Dieser starke Wille war seine letzte Würde, doch diesen Willen bringt nicht jeder in ähnlicher Situation auf.
Es hätte unser Vertrauen in den hinzugezogenen Palliativmediziner sicher nicht belastet, wenn er mehr als ein freundliches „Sie wissen ja…“-Schulterzucken und an den letzten Tagen ein bisschen Sedierung hätte anbieten können. Die sieben Wochen waren Agonie für alle Beteiligten. Wie gesagt, Schmerzen sind nicht das einzig denkbare Leid.
Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum von Ärzten keine aktive Hilfe bei der Verkürzung dieses oder anderer Leiden geleistet und erwartet werden kann, wenn der Betroffene sich z.B. aus motorischen Gründen nicht selbst helfen oder auch nur eine Handvoll Pillen sicher schlucken kann. In meiner Ethik steht das Lindern von Leid ganz oben. Es klingt für mich außerdem realitätsfern zu glauben, dass klinisch tätige Ärzte nicht ständig Entscheidungen über Leben und Tod träfen.
Ich möchte an dieser Stelle nicht ausführen, was ich als nicht praktisch tätige Ärztin alles erwogen habe. Ich werde mich aber zeitlebens schuldig fühlen, dass ich als Ärztin und Tochter nicht helfen konnte, ohne meine Approbation oder mehr zu riskieren. Hoffentlich komme ich nicht noch einmal in eine ähnliche Situation. Auf dem Thron der ethischen Diskussion wird die tatsächliche Meinung von zumindest Teilen der Ärzteschaft und auch der Bevölkerung völlig aus dem Blick verloren. An ethischen Grundsätzen mangelt weder den Niederländern noch den Sterbehilfe-Befürworten hierzulande.

Adolar
am Mittwoch, 29. Februar 2012, 21:18

Es geht nicht um den Arzt, sondern um den Patienten,

das wird immer wieder vergessen. Die Holländer haben völlig Recht, das Rumgeeiere hier ist ja absurd. Man sollte sowas baldmöglichst auch hier etablieren.
advokatus diaboli
am Mittwoch, 29. Februar 2012, 18:11

Oberethiker sollten keine fragwürdigen Botschaften verkünden!

Leider lassen die Aussagen vom Präsidenten der BÄK im Kontext der Sterbehilfe-Debatte und der Liberalisierungsbemühungen um die ärztliche Suizidassistenz trotz nachhaltiger Bedenken auch aus der eigenen Profession nicht auf einen Erkenntniszuwachs bei der BÄK schließen.
Wie es scheint, ist die BÄK auch nach dem unsäglichen Beschluss auf dem letzten Deutschen Ärztetag gegenüber der Kritik aus den Reihen der Medizinethik resistent und sie erweckt den Eindruck, als sei die Debatte über die ärztliche Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines Schwersterkrankten oder Sterbenden Patienten beendet. Dem ist mitnichten so, mal ganz davon abgesehen, dass einige Landesärztekammern das strikte Verbot in der vorgeschlagenen Fassung nicht übernommen haben, und zwar aus guten Gründen.

Die BÄK sollte sich von ihrer ethischen „Basta-Politik“ verabschieden. Sie ist mit einer solchen Werthaltung weit davon entfernt, innerhalb der Ärzteschaft und in unserer Gesellschaft als moralische Autorität akzeptiert zu werden. Das Arztethos sei durchaus in allen Ehren gehalten, aber freilich nicht um den Preis, dass der für selbstverständlich gehaltene ethische Standard des Grundgesetzes zu „Grabe getragen wird“.

Die BÄK bleibt nach wie vor aufgefordert, ihre Kolleginnen und Kollegen in die wohlverstandene Freiheit zu entlassen und etwaige individuelle Gewissensentscheidungen zu respektieren. Ethische Zwangsdiktate verbieten sich angesichts des hoch stehenden Berufsstandes, zumal es keineswegs entschieden ist, ob die ärztliche Suizidassistenz nicht in besonders gelagerten Einzelfällen ethisch geboten ist. Hier verweigert die BÄK insbesondere eine intraprofessionelle Debatte, denn es ist nicht erklärbar, warum einzelne Stellungnahmen namhafter Ärztinnen und Ärzte, aber auch Medizinethiker und Theologen, geflissentlich übergangen werden.

Der BÄK ist nach wie vor anzuraten, die bei ihr angesiedelte Ethikkommission mit der Erstellung einer Expertise zu beauftragen, zumal der Eindruck entstehen könnte, dass angesichts des tagespolitischen Geschäfts der Ärztefunktionäre kein großer Raum mehr für eine ethisch Reflexion der mit der ärztlichen Suizidassistenz verbundenen Fragen verbleibt.

Indes wäre es mehr als lobenswert, wenn die bayerische Justizministerin sich für eine konsequente Beachtung des Selbstbestimmungsrechts stark machen würde, statt ein entsprechendes Verbot der gewerblichen Sterbehilfe einzufordern, die hierzulande nicht praktiziert wird.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass allein mit dem Ausbau der Palliativmedizin der Wunsch nach Sterbehilfe verhallen wird und in diesem Sinne überzeugen die markigen Worte der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung nicht. Auch der Hospiz Stiftung scheint die Bedeutung des Selbstbestimmungsrechts nicht klar zu sein, denn es geht beileibe nicht um die „Idee einer humanen Tötung“, sondern um den gebotenen Respekt vor einer patientenautonomen Entscheidung. Es bleibt unergründlich, warum ein zentrales Grundrecht der Schwersterkrankten „klein geredet“ wird; die Konsequenz besteht darin, dass die Palliativmedizin und die Hospizbewegung um ihrer selbst willen verklärt wird und so zur Instrumentalisierung der Patientinnen und Patienten beiträgt.
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