Richmond – Adoptierte Kinder entwickeln doppelt so häufig
eine Drogensucht, wenn ihre leiblichen Eltern ebenfalls drogensüchtig waren.
Dies ergab eine Studie aus Schweden in den Archives of General Psychiatry
(2012; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.2112).
Die familiäre Häufung von Drogen- und Alkoholproblemen ist
seit längerem bekannt. Auch Zwillingsstudien weisen regelmäßig auf eine
genetische Prädisposition hin, können sie aber streng genommen nicht beweisen.
Denn Zwillinge teilen neben den Genen auch das familiäre Umfeld, das
zweifelsohne ein wichtiger Einflussfaktor ist.
Adoptionsstudien können besser zwischen Genen und Umwelt
unterscheiden, da die Kinder getrennt von ihren leiblichen Eltern aufwachsen.
In Schweden werden viele Kinder bereits nach der Geburt zu Adoption
freigegeben. Etwa 70 Prozent der Kinder, deren Daten Kenneth Kendler von der
Virginia Commonwealth University in Richmond jetzt ausgewertet hat, waren vor dem
5. Lebensjahr von den Adoptiveltern aufgenommen worden. Der genaue Zeitpunkt
war dem Forscherteam nicht bekannt. Ihre Angaben beruhen auf den alle 5 Jahre
stattfindenden Volkserhebungen.
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Ansonsten bietet Schweden gute Voraussetzungen für
epidemiologische Studien. Alle Einwohner haben, wie in allen skandinavischen
Länder, eine zentrale Identifikationsnummer, an der sie Kendler in sieben
landesweiten Registern ausfindig machen konnte: vom Krankenhausregister, das
Aussagen über die Entlassungsdiagnosen speichert, über ein Register aller im
Land verordneten Medikamente, dem Multi-Generation Register, über das
Verwandtschaftsbeziehungen ermittelt werden können, bis hin zum Strafregister
des Landes.
Auf der Basis von 18.115 Adoptionen in den Jahren 1950 bis 1993
ermittelt Kendler folgende Zahlen: Adoptierte Kinder (heute im Durchschnitt 46
Jahre alt) waren zu 4,5 Prozent durch den Drogenmissbrauch aufgefallen, wenn
ihre leiblichen Eltern ebenfalls Drogenprobleme hatten. Die Prävalenz des
Drogenmissbrauchs in Schweden lag bei den gleichen Geburtsjahrgängen ansonsten
bei 2,9 Prozent (nach einer Definition von Drogenmissbrauch, die weiter gefasst
ist, als in den psychiatrischen Manualen).
Nach den Berechnungen von Kendler haben Kinder von
drogenabhängigen Eltern ein zweifach erhöhtes Risiko, eine Drogensucht zu
entwickeln: Odds Ratio von 2,09 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,66-2,62). Für
die Vollgeschwister eines drogenabhängigen Kindes beträgt die Odds Ratio 1,84
(1,28-2,64), für Halbgeschwister 1,41 (1,19-1,67). Das Risiko ist laut Kendler
nicht auf negative Einflüsse eines Drogenkonsums der Mutter während der
Schwangerschaft zurückzuführen: Die Odds Ratio war bei der Drogensucht des
leiblichen Vaters höher als bei einer Drogensucht der leiblichen Mutter.
Die Studie zeigt aber auch, dass Umweltfaktoren bei den
Adoptiveltern eine Rolle spielen: Dazu gehören eine Trennung der Adoptiveltern
(oder der Tod eines Partners), Alkoholprobleme, Hospitalisierungen (als Marker
für schwere Erkrankungen) sowie ein kriminelles Verhalten der Adoptiveltern.
Interessanterweise war der negative Einfluss der Adoptivgeschwister bei der
Drogensucht höher als der Einfluss der Adoptiveltern.
Kendler kann sogar Wechselwirkungen zwischen Genen und
Umwelt nachweisen: Adoptierte Kinder mit einem hohen genetischen Risiko waren
anfälliger für eine pathogene Umgebung in der Adoptivfamilie als Kinder ohne
genetisches Risiko.
Wie immer bei epidemiologischen Studien gibt es
Einschränkungen: Kendler betont, dass es sich um eine reine Datenbankanalyse
handelt. Keines der adoptierten Kinder oder deren Familien wurden zum Zweck der
Studie aufgesucht. Wichtig ist auch der Einwand eines Selektions-Bias: Familien
mit einem höheren Bildungshintergrund erhalten häufiger Kinder von Eltern mit
höherem Bildungshintergrund zugesprochen. Kinder mit einem vermeintlich
erhöhten genetischen Risiko könnten deshalb häufiger in Problemfamilien
untergebracht werden.
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