Krankenkassen mit vier Milliarden Euro im Plus
Mittwoch, 7. März 2012
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| dpa |
Berlin – Einen Überblick über die Finanzentwicklung in der
Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) 2011 hat das
Bundesministerium für
Gesundheit (BMG) heute herausgegeben. Danach haben die Kassen im vergangenen
Jahr einen Überschuss von rund vier Milliarden Euro erzielt. Die Ausgaben sind
2011 pro Versicherten um 2,6 Prozent gestiegen.
Unter diesem durchschnittlichen Wert liegt der
Ausgabenanstieg für die ambulante Medizin: Sie kostete 2011 nur 2,1 Prozent
mehr. Dies ist laut dem BMG aber eine Schätzgröße, weil noch nicht alle
Abrechnungsdaten flächendeckend vorliegen.
Der Anstieg bei den Ausgaben für Krankenhausbehandlungen lag
je Versicherten bei 3,7 Prozent oder insgesamt rund zwei Milliarden Euro.
„Trotz moderater Preisentwicklung bei den Vereinbarungen über die
Landesbasisfallwerte haben hier offensichtlich Zuwächse bei den Leistungsmengen
zu einem deutlichen Anstieg der Ausgaben der Krankenkassen geführt“, hieß es
aus dem BMG.
Mit 9,4 Prozent sind die Ausgaben für das Krankengeld auch
2011 deutlich gestiegen. Die Ursachen hierfür seien mehr lang andauernde
psychische Erkrankungen und die steigende Zahl von Krankengeldbezieher in
höheren Altersgruppen.
Weniger Geld mussten die Kassen im vergangenen Jahr für
Arzneimittel ausgeben. Der Rückgang der Arzneimittelausgaben betrug minus 4,0
Prozent. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits seit August 2010 ab, als die
Krankenkassen durch die Anhebung des Pharmarabatts für
Nicht-Festbetragsarzneimittel jeden Monat um mehr als 100 Millionen Euro
entlastet wurden.
Aufgrund des Preismoratoriums und der Erhöhung des
Herstellerrabatts für Arzneimittel ohne Festbetrag von 6 Prozent auf 16 Prozent
sind 2011 erstmals auch die Ausgaben für diese Arzneimittel gesunken. Diese
Regelung ist bis Ende 2013 befristet. „Bis dahin kommt es darauf an, dass die
Vertragspartner im Arzneimittelbereich das neue Instrument der
Preisverhandlungen bei patentgeschützten Arzneimitteln konsequent nutzen und
dabei vorhandene Wirtschaftlichkeitsreserven ausschöpfen“, hieß es aus dem BMG.
Im Festbetragsbereich wurden die Krankenkassen durch die Rabatt-Vereinbarungen
mit pharmazeutischen Unternehmen entlastet. Hier wurden von den Krankenkassen
2011 Rabatte von 1,6 Milliarden Euro und damit rund 0,3 Milliarden Euro mehr
als im Jahr 2010 ausgewiesen.
Gesunken sind auch die Netto-Verwaltungskosten der
Krankenkassen, sie gingen 2011 über alle Kassenarten gemittelt um ein Prozent
je Versicherten zurück.
Die gesetzlichen Krankenkassen haben im Jahr 2011 auf Basis
der neuen BMG-Zahlen einen Überschuss von rund 4,0 Milliarden Euro erzielt.
Dabei standen bei sämtlichen Krankenkassen Einnahmen in Höhe von rund 183,6
Milliarden Euro Ausgaben in Höhe von rund 179,6 Milliarden Euro gegenüber.
Zum
Vergleich: Das Volumen des Bundeshaushalts liegt 2012 bei 306,2 Milliarden
Euro. Die Kassen verfügen nun über Finanzreserven von rund zehn Milliarden
Euro. Der in Presseberichten der vergangenen Tage kursierende Wert einer
Finanzreserve in der GKV von rund 20 Milliarden Euro ergibt sich aus der
zusätzlichen Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds von rund 9,5 Milliarden
Euro Ende 2011.
Angesichts der Milliardenüberschüsse in der GKV spricht sich
der Grünen-Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin für eine Senkung der Beiträge
aus. „Das Finanzministerium will sich jetzt an den Überschüssen bedienen und
den Bundeszuschuss kürzen“, sagte Trittin den Zeitungen der WAZ-Gruppe
vom Mittwoch. Das Geld gehöre aber den Beitragszahlern.
Vor Beitragskürzungen warnte indes der GKV-Spitzenverband.
Die GKV-Reserven entsprächen den Ausgaben von acht Tagen. „Wer nur auf die
Zahlen des vergangenen Jahres schaut und auf dieser Grundlage die künftigen
Einnahmen kürzt, organisiert das Minus von morgen“, sagte der stellvertretende
Vorsitzende des Verbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, heute in Berlin.
Jetzt, wo die finanzielle Situation stabil sei, müssten die Rücklagen für
schlechte Zeiten aufgebaut und gesichert werden, forderte er. „Ich habe großes
Verständnis für die Krankenkassen, die auf langfristige Stabilität setzen, statt
kurzfristig Prämien auszuschütten“, sagte Stackelberg.
Davon unbeeindruckt forderte der Bund der
Steuerzahler eine grundsätzliche Änderung der Beitragserhebung zugunsten der
Beitragszahler. „Die Bundesregierung sollte nicht nur den Beitrag zur
Krankenversicherung senken, sondern auch – ähnlich wie in der
Rentenversicherung – einen Automatismus für Beitragssenkungen bei Überschüssen
gesetzlich verankern", sagte Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl
Heinz Däke.
CDU-Gesundheitssprecher Jens Spahn hielt dagegen: „Pauschale
Beitragssenkungen wirken nur kurzfristig und verhindern einen Wettbewerb
zwischen den Kassen.” Sie sollten eher Prämien ausschütten, schließlich
seien Krankenkassen keine Sparkassen.
Die Zuzahlung für Medikamente abzuschaffen, verlangte
Fraktionschef Gregor Gysi. Mehrere Wissenschaftler hätten bestätigt, dass die
erhofften Effekte von Praxisgebühr und Zuzahlungen nicht eingetreten seien.
Eine Beitragssenkung, wie sie aus der Union gefordert wird, sei dagegen der
falsche Weg, sagte Gysi. Davon würden vor allem Besserverdienende profitieren.
Den Anstieg der Krankenhausausgaben relativiert die Deutsche
Krankenhausgesellschaft (DKG) in einer ersten Stellungnahme: „Die
Krankenhausausgaben der Kassen sind mit 3,7 Prozent gegenüber den bislang
erwarteten beziehungsweise behaupteten 4,2 Prozent um mehr als zehn Prozent
niedriger ausgefallen.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass rund 0,5 Prozent auf
das von der Bundesregierung initiierte Programm zur Förderung der Einstellung
von Pflegekräften entfallen“, sagte der
DKG-Präsident Alfred Dänzer: Außerdem sei zu berücksichtigen, dass für
nicht zu Jahresbeginn vereinbarte, aber im Laufe des Jahres erforderlich
gewordene Krankenhausbehandlungen die Krankenhäuser im nächsten Jahr 65 Prozent
der zunächst vereinnahmten Entgelte an die Krankenkassen zurückzahlen müssten.
Das sogenannte Preismoratorium zu verkürzen und die Rabatte
für Arzneimittel wieder auf das 2009 geltende Maß zurückzuführen, forderte der
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). „Die Begründung des
Gesetzgebers für diese massiven Eingriffe in die Freiheit der Unternehmen war,
dass die konjunkturellen Risiken die Finanzsituation der GKV gefährden.
Wenn
nun aber der Gesundheitsfonds Milliardenrücklagen hat und die einzelnen Kassen
nochmals fast vier Milliarden Überschuss gemacht haben, können derartige
Maßnahmen nach EU-Recht nicht mehr gerechtfertigt sein“, erklärte der
BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp.
© hil/aerzteblatt.de
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