Hüft-TEP: Hohe Revisionsrate von MoM-Gleitpaarungen bestätigt
Dienstag, 13. März 2012
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| dpa |
Bristol – Eine neue Analyse des englisch-walisischen
Endoprothesenregisters bestätigt die erhöhte Rate von Revisionen nach
Implantation von Totalendoprothesen (TEP) der Hüfte mit
Metall-auf-Metall-(MoM)-Gleitpaarungen. Laut der Publikation im Lancet (2012;
doi: 10.1016/S0140-6736(12)60353-5) steigt das Risiko mit der Größe des
implantierten Hüftkopfes.
MoM-Endoprothesen wurden entwickelt, um die Haltbarkeit des
Gelenkersatzes bei jüngeren Patienten zu verbessern und die Gefahr von
Dislokationen zu vermindern. Erreicht werden sollte dies durch Gelenkköpfe mit
einem größeren Durchmesser. Mit konventionellen Keramikprotesen waren große
Hüft-TEP nur schwer zu realisieren, da mit der Prothesengröße die
Herstellungskosten deutlich ansteigen und gleichzeitig das Risiko von
Materialbrüchen in der Keramik zunimmt.
MoM aus einer Kobald-Chrom-Legierung schienen beide Probleme
zu lösen. Eine materialbedingte Größenbeschränkung gibt es nicht und eine
Materialermüdung war nicht zu befürchten. Die Ingenieure haben jedoch
übersehen, dass es beim Gleiten der Gleitpaarungen zu einem feinen Abrieb von
Metall-Partikeln kommt. Die Metalle sind nach der Implantation im Blut
nachweisbar. Die Diskussion drehte sich allerdings lange um die Frage, ob die
genotoxischen Metalle Nieren und andere Organen schädigen könnten. Eine erhöhte
Rate von Implantatlockerungen wurde nicht vorhergesehen.
Vor anderthalb Jahren schlug dann das National Joint
Registry von England und Wales Alarm. Eine Analyse des weltweit größten
Registers dieser Art hatte ergeben, dass die Rate von Revisionen nach
MoM-Hüftendoprothesen deutlich erhöht ist. Im August 2010 nahm der Hersteller
die Prothesen ASRTM XL Hüftpfannensystem und ASRTM Hip
Hüft-Oberflächenersatzsystem vom Markt.
Die britische Aufsichtsbehörde MHRA riet den Trägern der
MoM-Prothesen später, sich in den ersten 5 Jahren jährlich untersuchen zu
lassen, um eine Lockerung frühzeitig zu erkennen. Zu den vorgeschlagenen Tests zählen
auch Blutuntersuchungen auf eine erhöhte systemische Exposition mit den
Metallen. Vor zwei Wochen wurde diese Empfehlung auf die gesamte Tragzeit
ausgedehnt. Die British Hip Society empfahl den Chirurgen außerdem keine TEP
mit MoM-Gleitpaarungen mehr einzusetzen.
Die von Alison Smith von der Universität Bristol
durchgeführte Analyse bestätigt den Verdacht. Von den 402.051 primären Hüft-TEP
der Jahre 2003 bis 2011 entfielen 31.171 auf MoM-Prothesen. Die
5-Jahres-Revisionsrate war mit 6,2 Prozent nicht nur höher als bei den Hüft-TEP
mit anderen Gleitpaarungen. Die Versagerrate stieg auch mit der Größe des
Gelenkkopfes um 2 Prozent pro zusätzlichem Millimeter Durchmesser des
Gelenkkopfes.
Bei den TEP mit Keramik-auf-Keramik-Gleitpaarungen
verbesserten sich dagegen die Ergebnisse mit zunehmender Größe des
Gelenkkopfes. Besonders häufig versagten die MoM-Implantate bei jüngeren
Frauen. Die Revisionsraten waren bis zu 4 Mal höher als bei anderen
Gleitpaarungen.
Die Ergebnisse wirken überzeugend und Smith geht davon aus,
dass die Assoziation zwischen den MoM-Gleitpaarungen und der erhöhten
Versagerrate kausal ist. Beweisen kann dies eine Registerstudie allerdings
nicht. Das National Joint Registry sammelt nur begrenzt Daten zu den Patienten.
So konnte Smith beispielsweise nicht untersuchen, ob der
Body-Mass-Index eine Rolle spielt, geschweige denn andere Patientenfaktoren. Es
ist durchaus vorstellbar, dass ungünstige Voraussetzungen oder auch die erhöhte
sportliche Aktivität eines jüngeren Patienten die Chirurgen bevorzugt zur
Implantation von MoM-Prothesen motiviert hat, weil er davon ausging, dass diese
Prothesen eine größere Haltbarkeit haben. In diesem Fall wären die
Patientenrisiken und nicht die MoM-Gleitpaarungen für die erhöhte Revisionsrate
verantwortlich.
Unklar ist auch, warum größere MoM-Prothesen früher
versagen. Nach den Grundsätzen der Tribologie (Reibungslehre) sollten sich die
Gleiteigenschaften mit zunehmender Größe der Gelenke eigentlich verbessern, was
bei den Keramik-auf-Keramik-Gleitpaarungen ja auch der Fall war. Smith
vermutet, dass es bei den größeren MoM-Implantaten Probleme bei der Lubrikation
(Schmierung) geben könnte und dass der Metall-Abrieb über eine Einlagerung im
Gewebe in der Umgebung der TEP die Lockerungen begünstigt haben könnte.
Eine schlüssige Beweisführung wird es in dieser Frage wohl
nicht geben. Ein Dilemma sieht der Editorialist Art Sedrakyan vom Weill Cornell
Medical College in New York in der lückenhaften Zulassung von Medizinprodukten.
Wenn diese einmal auf dem Markt sind, kann der Hersteller (vermeintliche)
Verbesserungen durchführen, ohne diese in erneuten klinischen Studien zu
testen.
Wie viele Menschen MoM-Prothesen tragen ist unklar. In den
USA soll der Anteil im Jahr 2009 bei 35 Prozent gelegen haben. Zahlen für
Deutschland liegen nicht vor. Das hiesige Endoprothesenregister befindet sich in
der Aufbauphase. © rme/aerzteblatt.de
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