Politik

Uniklinikum Marburg/Gießen: „Die Stimmung ist gereizt“

Mittwoch, 14. März 2012

Berlin – Die Ankündigung der Rhön Klinikum AG, 500 Arbeitsstellen am Universitäts­klinikum Gießen und Marburg (UKGM) streichen zu wollen, hat in Hessen und darüber hinaus zu Empörung geführt. Nach Gesprächen zwischen der Konzernleitung und dem Land Hessen sei die Zahl 500 vom Tisch, wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erklärte.

Der frühere FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt und Ex-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl (CDU) sollen nun als Mediatoren dabei helfen, zwischen dem Land und der Rhön Klinikum AG zu vermitteln. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der Gynäkologe und Marburger Personalrat Franz-Josef Schmitz, wie die Stimmung unter den Ärzten im UKGM ist und welche Folgen Stellenstreichungen für die Universitätskliniken hätten.

Fünf Fragen an… Franz-Josef Schmitz, Vorsitzender des Eigenständigen Personalrats bei der Philipps-Universität Marburg

DÄ: Wie ist die Stimmung der Ärzte im UKGM zurzeit?

Schmitz: Die Stimmung ist gereizt. Schon heute lässt sich die Krankenversorgung auf dem gegenwärtigen Niveau nur mit Überstunden sicherstellen. Und trotzdem kommt es teilweise zu erheblichen Wartezeiten für unsere Patienten. Durch den Personalmangel leidet zunehmend das Patient-Arzt-Verhältnis. Für viele junge Ärzte ist zudem die eigene Zukunftsplanung unklar, weil eine strukturierte Weiterbildung unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist. Durch unbesetzte Stellen im pflegerischen Bereich mussten sogar schon Betten geschlossen werden. Wir arbeiten alle am Anschlag, nicht wenige auf Kosten ihrer Gesundheit. Vor diesem Hintergrund noch weitere Stellen abbauen zu wollen, ist eine Farce.

DÄ: Was würde denn geschehen, wenn weitere Stellen in Marburg und Gießen abgebaut würden?

Schmitz: Dann würde es zu einem Leistungseinbruch kommen, der eine Abwärtsspirale in Gang setzte, die nicht mehr aufzuhalten wäre. Im Übrigen gibt es schon heute einen schleichenden Stellenabbau durch befristete Arbeitsverträge. Man muss sich doch auch vergegenwärtigen, welche Außenwirkung das UKGM auf junge Ärzte hat. Wenn nun noch Stellen abgebaut werden sollen, werden potenziell interessierte qualifizierte Wissenschaftler nicht nach Marburg und Gießen kommen. Das würde beide Standorte perspektivisch schwächen.

DÄ: Ist unter dem Personalmangel, von dem Sie sprachen, Forschung und Lehre im UKGM noch möglich?

Schmitz: Ja. Aber nur in der Freizeit, am Wochenende. Denn bei zunehmender Arbeitsbelastung leiden natürlich als erstes Forschung und Lehre. Diese sind aber für ein Universitätsklinikum von großer Bedeutung. Das Wort Universität darf nicht nur auf dem Türschild stehen, sondern Marburg und Gießen müssen tatsächlich wieder zu universitären Einrichtungen werden, die dem Allgemeinwohl und nicht der Gewinnmaximierung einer börsendotierten Kapitalgesellschaft dienen. Deshalb müssen Ärzte wirklich Zeit für Forschung und Lehre neben der Patientenversorgung bekommen.

DÄ: War die Privatisierung von Marburg und Gießen denn ein Fehler?

Schmitz: Nein. Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber es sind handwerkliche Fehler in den entsprechenden Gesetzen und im Kooperationsvertrag gemacht worden, die zu der jetzigen Situation geführt haben. Zum Beispiel hätte man nicht auf öffentliche Investitionen verzichten dürfen.

DÄ: Wie soll es jetzt weitergehen? Was erwarten Sie vom Land Hessen und von der geplanten Mediation?

Schmitz: Auf jeden Fall dürfen keine Stellen abgebaut werden! Sollte die Konzernleitung wirklich daran festhalten wollen, auch wenn es weniger als 500 Stellen wären, würde das den massiven Widerstand der Mitarbeitervertretungen hervorrufen.

Das Land Hessen muss jetzt zu seiner Verantwortung stehen und verbindliche Personalmindeststandards erstellen. Auch muss das Land dafür Sorge tragen, dass die wissenschaftliche Arbeit in Marburg und Gießen wieder möglich ist. Denn dafür trägt die Politik die Verantwortung. Die Entscheidung, zwei Mediatoren zu bestellen, ist allein vom Land und von der UKGM gefällt worden. Wir verschließen uns Gesprächen nicht, glauben aber nicht, dass die geplante Mediation geeignet ist, die Probleme zu beheben. © fos/aerzteblatt.de

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sockenprinz
am Donnerstag, 15. März 2012, 16:34

Leuchtturm

Das also verstehen Landesregierung und Rhön-Konzern unter einem "Leuchtturmprojekt". Die sogenannte "Erfolgsgeschichte" erweist sich in jeglicher Hinsicht als desaströs: Mitarbeiter werden wie Zitronen ausgepresset, Patienten häufig schlecht versorgt, Forschung und Lehre bleiben auf der Strecke, weil bereits jetzt an allen Ecken und Enden Personal fehlt. Die jetzt geplanten weiteren Stellenkürzungen sind verantwortungslos und offenbaren nur eins: Für Rhön geht es allein um die Rendite und der Landesregierung fällt ihre Inkompetenz vor die Füsse. Statt personelle Mindeststandards bereits im Vertrag festzulegen (dann wäre aber der Verkauf sicher nicht zustandegekommen) oder zumindest jetzt per Gesetz neu zu schaffen, beschränkt sie sich auf hilflose Appelle und die Flucht in ein Pseudo-Mediationsverfahren mit vorgegebenen (!) Mediatoren aus dem eigenen schwarz-gelben Lager. Was für ein absurdes Schauspiel! Es wird Zeit, dass alle aufstehen und kundtun, was sie von derartigen Leuchttürmen halten. DEMO am 17.03. um 14 Uhr in Marburg
Loewenherz
am Donnerstag, 15. März 2012, 11:31

re: Notruf 113 - ein wenig mehr Farbe

Um ein wenig Farbe in den Beitrag zu bringen: Nicht nur, dass die "Bertelsmanns" große Anteile an deutschlands größtem Klinikbetreiber der RhönAG haben, die Bertelsmann-Stiftung stellt (natürlich ganz ohne jegliche Hintergedanken und aus reinem Gutmenschentum) auch noch einen sehr großen Anteil an den "unabhängigen Beratern" des Gesundheitsministeriums...
Ein Schelm wer da Zusammenhänge vermutet.
borgmann4
am Mittwoch, 14. März 2012, 21:20

Notruf 113

Das, was die Rhön-AG da macht, hat Methode.

Besitzer sind u.a. Frau Liz Mohn, die "Bertelsmann-Witwe", die nicht zu Unrecht "Weichzeichner-Liz" genannt wird (weil sie in der Öffentlichkeit immer die fürsorgliche Wohltäterin mimt und sich dabei in der Pose der leider verstorbenen Queen-Mum abbilden läßt).
Sie geht bei uns Angela ein und aus.

Aber auch die Familie Guttenberg - richtig, dass sind die, die es mit den Formalien nicht so genau nehmen - trägt große Anteile an der Rhön-AG.

Ziel ist, renommierte Kliniken billig aufzukaufen und den deutschen Gesundheitsmarkt flächendeckend in eine Art "Gesundheitsaldi" umzuwandeln. Nach dem Prinzip: man bekommt billig etwas, was gerade so den Notwendigkeiten entspricht. Und häufig eben auch nicht. Aber wer dann sowieso nur bei "Aldi" einkaufen kann, weil es nichts anderes mehr gibt, dem fällt das dann irgendwann gar nicht mehr auf.

Erst wenn er sich morgens nicht mehr im Spiegel wiedererkennt.

Apropos Aldi: übertragen auf die "Wirtschaft" wäre das so, als ob der Reichstag an die Gebrüder Albrecht zu einem Schrottpreis verkauft würde. Damit sie eine Kaufhalle an zentraler Stelle mit guter Beleuchtung draus machen können.....

Dabei helfen die "guten" Kontakte in die Politik, zu den Sozialversicherungen und in die Gesundheitsindustrie allgemein. Deren Vorstände so eine Art Ringtausch betreiben. Nach dem Motto "gibst du mir deinen, kriegste meinen".

Alles sehr schön beschrieben z.B. bei "Notruf 113" http://notruf113.org/

Aber es gibt ein Gegenmittel: die Bürger, die ja zugleich Wähler und Versicherte sind sollten sich deutlich gegen solche Machenschaften zur Wehr setzen.

Bevor die Verantwortlichen ( in diesem Falle u.a. Herr Koch, ehemaliger Ministerpräsident) sich vom Acker machen.

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Berlin-Köpenick

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