Ärzteschaft

Ärzte bekräftigen Nein zu Sterbehilfe und Suizidbeihilfe

Mittwoch, 14. März 2012

Düsseldorf/Köln – Nach der Selbsttötung von Ex-Fußball-Bundesligastar Timo Konietzka hat die Ärzteschaft in Deutschland ihre Ablehnung von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe bekräftigt. „Unsere Position ist eindeutig: Als Sterbehelfer stehen wir nicht zur Verfügung“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, der Düsseldorfer Rheinischen Post vom Mittwoch.

Der Deutsche Ärztetag habe sich mit Zwei-Drittel-Mehrheit gegen aktive Sterbehilfe durch das Spritzen von Gift sowie gegen den assistierten Suizid durch Überreichen von Giftcocktails ausgesprochen. Konietzka war am Montag durch eine Giftmischung der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit aus dem Leben geschieden.

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Laut Montgomery zeigt die Erfahrung, dass schwerkranke Patienten eine gute Palliativmedizin dem schnellen Selbstmord vorzögen. Die Palliativmedizin bezeichnete er als „Angebot zum Leben und zu einem würdigen Tod.“

Der Freiburger katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff warnte im Kölner „domradio“ vor einer „Art von Stolz“, dass Menschen die letzte Wegstrecke ihres Lebens in Schwäche und Hinfälligkeit nicht gehen möchten und ihr Sterben selbsttätig inszenieren. Auch in der Angst, Angehörigen zur Last zu fallen, zeige sich „ein falsches Ideal der Selbstgenügsamkeit und Autarkie“.

Nach Einschätzung von Schockenhoff, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, besteht in allen politisch relevanten Gruppen in Deutschland große Einmütigkeit gegen die Tötung auf Verlangen. Dagegen gebe es Stimmen für ärztliche Suizidhilfe. Aus Respekt vor dem Leben dürfe ein demokratischer Staat diese aber nicht zulassen. © kna/aerzteblatt.de

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doc.nemo
am Freitag, 16. März 2012, 10:01

Ärzte(?) bekräftigen Nein zu Sterbehilfe und Suizidbeihilfe

Ich schließe mich der Aussage von kairoprax an: Die Bundesärztekammer spricht nicht im Namen „der deutschen Ärzteschaft“, und Herr Montgomery hat mir nicht vorzuschreiben, welche Position ich in der Frage der Sterbehilfe einzunehmen habe. Wenn (angeblich) 70% der Ärzte gegen Sterbehilfe sind, so sollen sie es eben bleiben lassen. Niemand zwingt sie. Wenn 99 % der Patienten sich für die Palliativmedizin entscheiden, so sollen sie das tun. Niemand zwingt sie zum Suizid. Wer sich dagegen für den assitierten Freitod entscheidet, wird entweder ins Ausland oder in die „Illegalität“ gezwungen.
Auf "Moral"theologen wie Herrn Schockenhoff kann ich problemlos verzichten. Auf Diskussionsteilnehmer wie advokatus diaboli schon weniger.
advokatus diaboli
am Freitag, 16. März 2012, 06:45

Ärztinnen und Ärzte sind nicht "moralisch verroht"!!!

Nun – es steht nicht zu bezweifeln an, dass Ethikräte durchaus ihre Berechtigung haben und es mag hier den Einen oder Anderen überraschen, aber auch ich schätze den katholischen Moraltheologen Schockenhoff sehr, so wie ich u.a. den evangelischen Theologen und Sozialethiker Hartmut Kreß nicht nur als Mensch, sondern vor allem auch mit seinen Beiträgen für überzeugend halte.

Andererseits halte ich es für dringend geboten, den Diskurs von den philosophischen Lasten zu entfrachten, da eben nicht zu erwarten ansteht, dass vor dem Hintergrund der Philosophie und Theologie die Debatte um den frei verantwortlichen Suizid befriedet werden kann.

Der Soziologe W. van Daele hat es seinerzeit im Ethikrat vortrefflich auf den Punkt gebracht: Nicht wenige Mitglieder des Ethikrats seien auch „ethische Überzeugungstäter“ und dies ist angesichts der Aufgabe der Ethikräte nicht sonderlich verwunderlich. Ein breites Spektrum an Werten spiegelt sich in den Ethikräten wider und einzelne Personen stehen für diese unterschiedlichen Positionen gleichsam „Pate“. Der parlamentarische Gesetzgeber indes wird hierdurch keinesfalls entlastet. Durch die Arbeit der Ethikräte wird die „politische Entscheidung“ nicht ersetzt; vielmehr gehen von der Arbeit Impulse aus, die ggf. der Gesetzgeber bei seiner Entscheidung nach freiem Ermessen berücksichtigen kann. In diesem Sinne wird allerdings der Gesetzgeber in Erwägung zu ziehen haben, dass mehr als 2/3 der deutschen Bevölkerung für eine Liberalisierung der Sterbehilfe am Ende eines Lebens plädieren und dass mehrheitlich die Ethikräte sich dafür ausgesprochen haben, jedenfalls von einem berufsrechtlichen Verbot der Suizidbeihilfe im ärztlichen Berufsrecht Abstand zu nehmen. Insofern kann keine Rede davon sein, dass es keine „Mehrheit“ hierzulande für die Liberalisierung gäbe. Patientenschützer, namentlich Eugen Brysch, werden sich da schon fragen lassen müssen, ob der eingeschlagene neopaternalistische Kurs innerhalb unserer Gesellschaft, aber auch in der Deutschen Hospiz Stiftung mit Blick auf den Adressatenkreis, konsensfähig ist.

M.E. wird hier der „Schutz des Patienten“ und damit in erster Linie das Selbstbestimmungsrecht nicht nur fehlinterpretiert, sondern die Patienten werden für die Hospizbewegung und die Palliativmedizin instrumentalisiert; ein Aspekt, den ich für moralisch bedenklich halte, mal ganz davon abgesehen, dass andere Patientenschutzorganisationen – etwa die DGHS – den Patientenschutz anders definieren und zwar auf der Grundlage des ethischen Standards unseres Grundgesetzes. Spitzbübisch könnte also nachgefragt werden, wer in der aktuellen Debatte über die überzeugenderen Argumente verfügt? Für mich ist die Antwort völlig klar, zumal aus der Sicht eines Juristen, der um den hohen Wert unseres Grundgesetzes mit seinen Freiheitsverbürgungen weiß. Mit diesem Bekenntnis zum ethischen Grundstandard unseres Grundgesetzes wird allerdings die Position etwa eines Herrn Schockenhoff nicht herabgesetzt, geschweige denn diskreditiert. Auch ihm ist die Freiheit gegeben, zu glauben, wie sich unschwer aus Art. 4 GG ergibt. Ein Aspekt, der nur in Parenthese angemerkt, von etlichen Humanisten bewusst ausgeblendet wird, so dass gelegentlich nachzufragen ist, ob die Humanisten tatsächlich glauben, dass sie denken!

Da aber nun die Verfassungsinterpretation keine Philosophie (und damit freilich auch „Theologie“) ist und im Übrigen das BVerfG es überhaupt ablehnt, sich an einer grundlegenden philosophischen Debatte aus guten Gründen zu beteiligen, geschweige denn die individuellen Gewissens-, Glaubens- oder Religionsentscheidungen inhaltlich zu präjudizieren, werden wir nicht umhinkommen, uns auf den rechtsethischen Standard einzulassen, der sich zuvörderst aus den Freiheitsrechten ergibt. Es sind in erster Linie individuelle Freiheitsrechte und da dem so ist, müssen diese Freiheiten auch von einzelnen wahrgenommen werden bzw. wahrgenommen werden dürfen!

Gerade letzteres scheint aber in Anlehnung an das ethische Zwangsdiktat in der ärztlichen Musterberufsordnung nicht gewährleistet zu sein und hierüber kann auch nicht hinweg diskutiert werden, in dem einer „Mehrheitsentscheidung“ das Wort geredet wird.
Der Gedanke Luhmanns von der „Legitimation durch Verfahren“ verfängt hier nicht, mal ganz davon abgesehen, dass mit dem auf dem Deutschen Ärztetag gesetzten (unverbindlichen!) „Recht“ im ärztlichen Berufsrecht gravierende Wertungswidersprüche produziert worden sind: Die berufsrechtliche Regelung in § 16 MBO-Ä deckt sich nicht (!) mit den Grundsätzen der BÄK zur Sterbebegleitung.

Wie mir scheint, war die BÄK mit den rechtlichen Fragen am Ende des Lebens überfordert und es hätte ihr gut zu Gesichte gestanden, auf profunden Sachverstand zurückzugreifen, statt eine unsägliche berufsrechtliche Regelung durchzudrücken, die noch nicht einmal mit den eigenen Grundsätzen der BÄK zur Sterbebegleitung in Übereinstimmung steht, zumal nicht übersehen werden darf, dass der ehemalige Präsident der BÄK nach einer Liberalisierung strebte und diese sich in den Grundsätzen der BÄK zur ärztlichen Sterbebegleitung widerspiegelt, während demgegenüber „Hardliner“ umgehend Widerspruch anmeldeten und für eine Kurskorrektur auf dem nachfolgenden Deutschen Ärztetag Sorge getragen haben.

Ist es da so abwegig, wenn anderenorts Mediziner und Ethiker von einer „ethischen Basta-Politik“ reden?

Nun – ich bin der festen Überzeugung, dass das berühmte Drittel der bundesdeutschen Ärzteschaft nicht „moralisch verroht“ ist, die für eine Liberalisierung plädieren und eigentlich sollten sich die Ärztefunktionäre schämen, über einen pseudodemokratischen Weg die individuelle Werthaltung ihrer Kolleginnen und Kollegen zu beugen. Von daher ist es ein „Segen“, dass die zur Berufssetzung legitimierten Landesärztekammern das Verbot nicht in der vorgesehenen Form übernommen haben, sehen wir mal von Sachsen ab. In diesem Sinne dürfen wir alle darauf gespannt sein, wie sich die anderen Kammern positionieren werden. Von einem einheitlichen Berufsrecht (und wohl einer einheitlichen Bewertung des verpflichtenden (?) Arztethos) kann bereits jetzt schon keine Rede mehr sein und damit eröffnet sich der Weg in einen nationalen Sterbehilfetourismus!

Ohne Frage ist der Moraltheologe Schockenhoff ein „moralisches und ethisches Schwergewicht“, so wie viele anderen Damen und Herren auch, während demgegenüber die BÄK derzeit wohl kaum für sich den Anspruch reklamieren kann, ein „moralisches und ethisches Gravitationszentrum“ zu sein: Eine Arbeitsgemeinschaft, die ernsthaft Einfluss auf die individuelle Gewissensentscheidung ihrer Kolleginnen und Kollegen zu nehmen gedenkt, offenbart Defizite im Umgang mit Grundrechten und dies zu rügen, dürfte allemal erlaubt sein, zumal es Sachverhalte gibt, die trotz der „Tötung menschlichen Lebens“ im ärztlichen Berufsrecht der individuellen ärztlichen Gewissensentscheidung überantwortet sind.

Mit anderen Worten: Die BÄK erscheint mir mit ihren Sonntagsreden zur Sterbehilfeproblematik nicht besonders „glaubwürdig“, es sei denn, wir werten die Verlautbarungen namhafter Ärztefunktionäre als das, was sie sind: ebenfalls individuelle Gewissensentscheidungen, die zu „glauben“ und hiernach zu handeln ins freie Belieben der Grundrechtsträgern gestellt sind.

Und in diesem Sinne wäre es schon hilfreich, wenn Ärztefunktionäre dazu übergehen, dass "wir" durch ein "ich" zu ersetzen und zwar jenseits der Entscheidung auf dem Deutschen Ärztetag, die für sich genommen mehr als tragisch ist: die Delegierten haben erkennbar nicht bedacht, dass auch ihre Kolleginnen und Kollegen ein "Gewissen" haben, das zu instrumentalisieren für ein verstaubtes "Arzethos" sich strikt verbietet.
kairoprax
am Donnerstag, 15. März 2012, 20:11

wieder einmal spricht Montgomery "für die Ärzteschaft" ...

... und verkennt, daß es sie so, wie er meint, nicht gibt.
Ich erkläre hiermit, daß er nicht für mich spricht. Und ich weiß, daß ich keineswegs der einzige bin.

Er spricht auch nicht im Namen der Patienten, die wie Timo Konietzka in die Schweiz gehen. Es stimmt auch nicht, daß es hier um einen "schnellen Selbstmord" ging. Konietzka hat sich seit Jahren und schon vor seiner Erkrankung pro Sterbehilfe ausgesprochen. Das läßt sich nachlesen und es war demzufolge ein überlegtes und geplantes, ich glaube auch ein reifes und differenziertes Vorgehen.

Ich bin kerngesund, jedenfalls habe ich keine Hinweise audf eine Krankheit.
Und auf dem Boden dieser bestehenden Gesundheit und in Abwesenheit von Depression oder Krankheit erkläre ich, daß ich den Suizid oder die Sterbehilfe wählen werde, wenn ein Krankheitsfall eintritt wie der von Konietzka.

Ich erkläre das heute. Ich weiß nicht, ob ich dann trotzdem den palliativmedizinischen Weg gehen möchte. Heute wäre es nicht mein Weg. Aber egal wie auch immer, ich möchte, daß ich und nicht ein Ethikrat oder eine Ärztekammer die letzte Entscheidunbg darüber haben werde.

Mir ist es nicht nur gleichgültig, ob ein konservativer katholischer Theologe mehr oder weniger im Ethikrat sitzt, ich habe auch keine Lust, mich gegenüber seiner Weltanschauung zu rechtfertigen.

Ein Ethikrat sollte darüber nachdenken, ob es überhaupt ethisch vertretbar ist, die eigene, eng begrenzte, ethische Vorstellungen als etwas Alleingültiges zu proklamieren.

Es geht hier weder um Moral noch um Schuld, und es betrifft ausschließlich den Patienten und seinen Arzt. Deswegen ist es auch nicht hinnehmbar, wenn eine Mehrheit von 70 % eines hierfür nicht gewählten Deutschen Ärztetags sich in diese ganz persönliche Entscheidung einmischen will.

Zu einer absoluten Freiheit gehört selbstverständlich die Freiheit über das eigene Leben und den Tod entscheiden zu können. Die Diskussion läuft, und ich hoffe, sie wird uns aus der derzeitigen kollektiven Zwangsneurosehaltung nur ja nicht in den Verdacht der Euthanasie zu geraten herausführen, für die Montgomerys Standpunkt in meinen Augen steht.

Allen Respekt vor Timo Konietzka!

Ich habe ihn als Kind als Fußballer bewundert und jetzt als einen, der aufrecht in den Tod geht. Möge er in Frieden ruhen!

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

ÄrzteblattBenutzername
am Donnerstag, 15. März 2012, 18:40

Herr Montgomery macht ein „Angebot“ ...

... und verbietet die Alternative. Widerlich.

Und welchen Zusammenhang sieht Herr Schockenhoff zwischen Demokratie und dem Verbot der Suizidbeihilfe? Zur Demokratie, wird erzählt, gehöre der Minderheitenschutz, die Toleranz gegenüber anderen Lebensplanungen.
Senbuddy
am Donnerstag, 15. März 2012, 18:22

Gut, dass es den Ethikrat...

...und Leute wie Prof. Schockenhoff gibt.

Prof. Schockenhoff ist in Deutschland ein moraltheologisches und christlich - philosophisches "Schwergewicht". Und dass er im Ethikrat sitzt ist wichtig, weil man in Politik und Gesellschaft auf "Leute wie ihn" hört.

Unter diesem Aspekt wiederum ist es gut und richtig, dass jemand endlich auch mal psychologische und philosophische Aspekte in die ansonsten von "Rechten und Gesetzen" überfrachtete Debatte einbringt. Und dabei ist es aus meiner Sicht eher egal, dass er aus einer christlichen Richtung kommt.

Denn bei allem derzeitigen "Ausspielen von Ethik gegen Recht" bleiben sonst Motive für einen Todeswunsch wie z.B. die "Angst, den Angehörigen zur Last zu fallen" oder auch das von ihm angeführte "falsche Ideal der Selbstgenügsamkeit" gänzlich unbeachtet. Und das sollte nicht sein.

Ich hoffe, dass sich in dieser Debatte mehr Stimmen aus den Kreisen von Philosophen sowie vor allem auch von Psychologen zu Wort melden. Sonst entscheiden vor allem Juristen und Politiker (was sich ja häufig deckt - man merkt es an der ausufernden "Regulierungswut" in der deutschen Gesetzgebung) über solche ethisch und psychologisch dramatischen Themen.

Und das sollte wegen deren oft einseitiger Sichtweise und wegen des häufigen Dranges zum Populismus besser in Grenzen gehalten werden.
Viele Grüße
S.
advokatus diaboli
am Mittwoch, 14. März 2012, 17:45

BÄK-Präsident und Kirchen sind zur Toleranz aufgerufen!

Mit Verlaub: An dem Präsidenten der BÄK scheint die Debatte der letzten Monate vorbeigegangen zu sein. Ihm müsste auffallen, dass sich vermehrt ein ethischer Ungehorsam gegen den strikten neopaternalistischen Kurs der BÄK regt. Einige Landesärztekammern haben das strikte Verbot der ärztlichen Suizidassistenz nicht (!) übernommen und es bleibt zu hoffen, dass die anderen LÄK diesem Beispiel folgen werden.

Die BÄK wäre gut beraten, sich von ihrem ethischen Zwangsdiktat zu distanzieren und sich an der Regelung etwa in Bayern zu orientieren. Es geht im Diskurs nicht darum, was der Präsident der BÄK als ethisch vertretbar und demzufolge für die Ärzteschaft verpflichtend hält, sondern was letztlich durch den ethischen Standard unseres Grundgesetzes verbürgt ist. Neben dem Selbstbestimmungsrecht der Patienten zählt hierzu ohne Frage das Grundrecht der Gewissensfreiheit und lediglich in diesem Sinne bleibt es dem Präsidenten der BÄK vorbehalten, uns an seiner individuellen Gewissensentscheidung teilhaben zu lassen. Zu fragen ist indes, warum er dieses Recht nicht seine Kolleginnen und Kollegen konzediert?

Der Präsident der BÄK sollte nicht dazu beitragen, dass über Gebühr zentrale Grundrechte versenkt werden. Eine solche Kompetenz kommt weder ihm, noch der BÄK und letztlich auch nicht den öffentlich-rechtlichen Selbstverwaltungskörperschaften zu: denn auch Letztere sind an Grundrechte gebunden!

Mehr als ein Drittel seiner Kolleginnen und Kollegen wünschen sich eine Liberalisierung! In diesem Sinne bleibt es der individuellen Gewissensentscheidung der Ärztinnen und Ärzte überantwortet, darüber zu befinden, ob sie als „Sterbebegleiter resp. –Helfer“ zur Verfügung stehen. Der Präsident der BÄK findet sich zunehmend in einem eigentlich unverzeihlichen Irrtum: Die Ärzteschaft möchte jenseits eines ethischen Zwangsdiktats ihre ureigene Gewissensentscheidung treffen, so, wie es einige berufsrechtliche Normen auch vorsehen und da muss sich Herr Montgomery schon die Frage gefallen lassen, ob er es mit der Wertepluralität und der Toleranz ernst meint?
Wer die „Ethik nicht fühlen will, muss das Recht spüren“ und in diesem Sinne sollte der Gesetzgeber die Chance nutzen, für die Durchsetzung des ethischen Grundstandards unseres gemeinsamen Grundgesetzes auch bei der BÄK Sorge zu tragen, auch wenn deren Musterberufsordnung nicht verbindlich ist. Einige Landesärztekammern haben bei der Novellierung ihres Berufsrechts das rechte Augenmaß walten lassen und von daher sollte es der BÄK möglich sein, entsprechende Kurskorrekturen anzubringen.

Ungeachtet dessen unterliegt der Moraltheologe und Ethiker E. Schockenhoff einem fundamentalen Irrtum, den aufrecht zu erhalten ihm „nur“ möglich ist, in dem er auf ein christliches Menschenbild rekurriert und dem Grundsatz der Heiligkeit des Lebens einen besonderen Stellenwert einzuräumen bereit ist. Indes ist auch hierzulande kein Schwersterkrankter verpflichtet, dass ihm „aufgebürdete Leid“ anzunehmen, geschweige denn gleichsam „heroisch“ zu tragen, wie das Evangelium vitae nahelegen könnte. Der Respekt vor der Autonomie des Schwersterkrankten und Sterbenden gebietet es, sein in freier und voller Verantwortung ausgeübtes Selbstbestimmungsrecht zu akzeptieren. Der Vorwurf, Schwersterkrankte „inszenieren“ gelegentlich ihr Ableben, ist schlicht absurd. Die Motive für ein frei verantwortliches Sterben hat der Schwersterkrankte nicht dazuzulegen; sofern er dies dennoch für notwendig erachtet, werden wir dies zu tolerieren haben, auch wenn und soweit der Schwersterkrankte zu erkennen gibt, seiner Familie nicht mehr zur Last fallen zu wollen.

In der neu entfachten Debatte müssen wir Obacht geben, dass wir nicht schon zu „irdischen Zeiten“ über Schwersterkrankte und Sterbende moralisch richten. Ein Sterbenskranker hegt aus seiner Sicht wohl kein Interesse an einer philosophischen Grundsatzdebatte, die seit Jahrtausenden geführt wird und zu keinem Ergebnis geführt hat. Gerade der Respekt vor dem Schwersterkrankten gebietet die Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz, so wie es jedem Christen überantwortet ist, nach den maßgebenden Zentraldogmen ihres Glaubens zu sterben. Mehr Toleranz ist einzufordern und zwar auch von den großen verfassten Amtskirchen!
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