KBV kontrovers: „Ohne Entlastung der Ärzte wird es nicht gehen“
Mittwoch, 18. April 2012
Andreas Köhler /dpa
Berlin – Ärztinnen und Ärzte müssen von Tätigkeiten entlastet werden, die nicht in ihre Kernkompetenz fallen. Ansonsten lässt sich angesichts der demographischen Entwicklung und des drohenden Ärztemangels eine wohnortnahe und flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung nicht in gewohnter Qualität aufrechterhalten. „Ohne Entlastung der Ärzte wird es nicht gehen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler. Der KBV-Chef diskutierte am Mittwoch in Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe KBV kontrovers mit dem Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats, Andrea Lemke, über Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen.
Köhler sprach sich dabei klar für das Prinzip der Delegation aus. Zum einen sei dieser Bereich rechtlich eindeutig geregelt. Zum anderen werde dadurch eine weitere Fragmentarisierung der Versorgung verhindert. Insbesondere bei der Behandlung chronisch kranker multimorbider Patienten gebe es einen großen Koordinierungsbedarf. Darauf könne die Substitution, also die Übertragung bestimmter ärztlicher Tätigkeiten in die Eigenverantwortung von Angehörigen der Alten- und Krankenpflegeberufe, keine Antwort sein. „Die Fäden müssen im Sinne eines Case Managements an einer Stelle zusammen laufen“, erklärte Köhler. „Das kann nur beim Arzt sein.“
Anzeige
Dazu komme, dass die Substitution noch unerprobt sei. Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem KBV und Kassen vertreten sind, Ende Oktober 2011 eine Richtlinie zur Heilkundeübertragung im Rahmen von Modellvorhaben beschlossen, die auch Inhalt und Umfang der selbstständigen Ausübung von Heilkunde regelt. Beispiele sind etwa spezifische Infusionstherapien, Wund- oder Schmerztherapie. Allerdings kritisierten sowohl Köhler als auch die Vertreterin der Pflege, Lemke, die hohen Hürden für die Umsetzung.
Einer der Knackpunkte ist, dass die Pflegekräfte ein eigenes Ausbildungscurriculum durchlaufen müssen, um sich für die selbstständige Ausübung der Heilkunde zu qualifizieren. „Das ist das größte Hindernis für eine zeitnahe Umsetzung der Modellversuche“, kritisierte Lemke. „Denn wir haben ja bereits Mitarbeiter, die über entsprechende Zusatzqualifikationen verfügen, und die sofort an den Start gehen könnten.“
Um nicht jahrelang Zeit in Modellversuchen zur Substitution zu verschwenden, plädierte Köhler dafür, sich auf die Delegation ärztlicher Leistungen zu konzentrieren und dabei insbesondere auf die Medizinischen Fachangestellten zu setzen. Für Lemke ergibt sich daraus allerdings ein weiteres Schnittstellenproblem: „Wie bringen wir die Medizinischen Fachangestellten und die Häusliche Krankenpflege zusammen?“
Für Kontroversen sorgte auch die Frage nach der Finanzierung von Leistungen im Rahmen der Delegation oder Substitution. Lemke plädierte dafür, zunächst Strukturprobleme anzugehen, bevor man über Geld rede: „Wenn wir das Fass aufmachen, erschlagen wir jede Diskussion.“ Köhler erklärte hingegen: „Natürlich müssen wir über Geld reden.“
Karlsruhe – Ein dreijähriges Studium zum „Physician Assistant (PA)“, also zum „Arztassistenten“, hat die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) zusammen mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg...
Berlin – Acht bis zehn Prozent aller Hausarztpraxen in Deutschland beschäftigen eine sogenannte Versorgungsassistentin (VERAH). Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes,...
Düsseldorf – Ein unter dem Strich positives Fazit der neuen Berufsbilder „nichtärztliche Chirurgie-Assistenz“ und „nichtärztliche Anästhesie-Assistenz“ zieht das Deutsche Krankenhausinstitut in einer...
Münster – Vor einem „notarztfreien Rettungssystem“ und damit vor einer Verschlechterung der Versorgung in lebensbedrohlichen Notfällen warnt die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL). „Auch Verletzte...
Berlin – Zurückhaltend, aber auch selbstkritisch haben mehrere Akteure in der vergangenen Woche ihre ersten Erfahrungen mit dem vor einem Jahr verabschiedeten GKV-Versorgungsstrukturgesetz beurteilt....
Hannover – Das „Modell Niedersachsen“ (MoNi) wird 2013 fortgesetzt. Medizinische Fachangestellte aus je vier Arztpraxen in der Region Vechta und in Schneverdingen erledigen dabei Hausbesuche. Sie...
Berlin – Bis zu einer möglichen Übertragung heilkundlicher Aufgaben auf entsprechend geschulte Pflegekräfte ist es noch ein weiter Weg. Darauf verwies die Leiterin der Abteilung Pflege des AOK...
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Wir dürfen nicht vergessen, daß das sogenannte Case Management Ende der 70er Jahre in den USA entwickelt wurde, das dies unter Ronald RFeagan passierte und mit dem USA-typischen Ziel,die medizinische und soziale Versorgungh in erster Linie kostengünstiger zu organisieren. Köhler kann nicht so unwissend sein, diesen Huintergrund nicht zu kennen. Ronald Reagan hat im übrigen ähnlich argumentiert wie Köhler jetzt wieder, daß eine "increasing population of elder people" einem "lack of medical support" gegenüberstehe. Bekanntlich ist das amerikanische Gesundheitssystem auch 30 Jahre später immer noch ein Sanierungsfall, obwohl oder gerade weil das Case-Management in den USA zu einer Art Standard geworden ist.
... und wie so oft, wenn es an echten Argumenten fehlt, greift man auf die Demographische Entwicklung zurück, frei nach Marx ein Gespenst, das ohne Erbarmen umgetrieben wird ...
Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.