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Kein Zwang zur Allgemeinmedizin im PJ

Freitag, 11. Mai 2012

Berlin – Der Bundesrat hat heute der neuen Approbationsordnung zugestimmt. Damit lehnte er gleichzeitig die beiden Anträge aus Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern ab, im praktischen Jahr (PJ) ein Pflichttertial im Fach Allgemeinmedizin einzuführen. Im Vorfeld hatten die Medizinstudierenden in mehreren Städten gegen die Einschränkung der Wahlfreiheit im PJ demonstriert.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) begrüßte dementsprechend die Entscheidung des Bundesrates. Hormos Dafsari, Medizinstudent aus Köln und Sprecher der bvmd, sagte Spiegel Online: „Ich könnte mir schon vorstellen, eines Tages mal als Hausarzt zu arbeiten, aber man darf da nicht sofort reingezwungen werden.“

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Die bvmd betonte erneut, dass eine rein quantitative Steigerung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium durch Einführung solcher Pflichtabschnitte kontraproduktiv gewesen wäre. Die Medizinstudierenden befürworten dennoch eine Stärkung der Allgemeinmedizin wie beispielsweise die flächendeckende Einführung von Lehrstühlen für Allegemeinmedizin.

Auch der  Vorsitzende des Ausschusses der Medizinstudierenden im Hartmannbund, Kristian Otte, zeigte sich über die Zustimmung des Bundesrats erfreut. „Dies ist nicht nur eine gute Entscheidung in der Sache, sondern auch Beleg dafür, dass wir mit guten Argumenten – und notfalls auch mit Protesten – etwas erreichen können", sagte Otte.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin sprach dagegen von „einer verpassten Chance“. Man wolle jetzt versuchen, die Studierenden im freiwilligen Abschnitt des PJ für die Allgemeinmedizin zu begeistern. „Die Studierenden werden die Vielfalt des Fachgebiets, die Chance zur eigenständigen Patientenbetreuung und die intensive 1:1-Betreuung kennen und schätzen lernen.“, sagte DEGAM-Präsident, Ferdinand Gerlach.

Bevor die neue Approbationsordnung in Kraft treten kann, muss das Bundesgesund­heits­ministerium noch zustimmen. © mis/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 16. Mai 2012, 13:14

Hausarztzentrierte Medizin

Jetzt rächt sich, dass das Fachgebiet "Hausärztliche Allgemeinmedizin" in Forschung und Lehre allenfalls curricular abgehandelt wird und nur in 19 von 36 Medizinischen Fakultäten mit eigenständigen Abteilungen professionell verankert ist.

Der zu Grunde liegende Gegensatz zwischen universitärer bzw. klinischer Hochleistungs- und Intensivmedizin und der "Feld-, Wald- und Wiesenmedizin" hausärztlicher Provenienz führt ohne entsprechende therapeutische Maßnahmen zu immer mehr Verständnislosigkeit, Ignoranz, Arroganz und Konfliktpotential. Die Widersprüche zwischen Herz-Lungen-Transplantationen (HLTX), interventioneller Kardiologie, Onkologie, Nephrologie, Neurochirurgie usw. und eines mit Echinacin, ACC oder Umcka loabo vorbehandelten Fließschnupfens mit Bronchialkatarrh und Begleitsymptomen bzw. AU-Wunsch in der allgemeinmedizinisch-internistischen Praxis eines sozialen Brennpunktes oder einer Landgemeinde könnten größer nicht sein.

Eine Missachtung der Allgemeinmedizin, die 80 bis 85 Prozent aller Beratungsanlässe löst und zugleich sinnvolle Lotsenfunktion bzw. Nadelöhr für ambulante/klinische fach- und spezialärztliche Weiterbehandlung darstellt, ist eine Vergeudung ressourcenschonender, ökologisch wie ökonomisch vernünftig umgesetzter Stufendiagnostik und -therapie. Denn in der biografischen Lebenswirklichkeit unserer Patientinnen und Patienten bzw. im ärztlichen Behandlungsalltag zwischen lapidaren Befindlichkeitsstörung und hochdramatischen Krankheiten sind die spezialärztlichen Behandlungen und klinischen Krankenhausbehandlungen grundsätzlich Ausnahmesituationen. Die lebenslange, generationen-übergreifende, bio-psycho-soziale Begleitung ist das klassische Metier der hausärztlichen Profession.

Damit es wieder Verständigung, Kommunikation, Austausch, Kritik und Selbstkritik zwischen der Humanmedizin in der Fläche u n d in der Spitze geben kann, müssen a l l e medizinischen Fakultäten hausarztbezogenes Wissen in Forschung, Klinik und Praxis lehren, vermitteln und repräsentieren. Nur dann kann die wohnort- und gemeindenahe Allgemeinmedizin/Innere Medizin der Hausärztinnen und Hausärzte in Ballungszentren, sozialen Brennpunkten bzw. im ländlichen Raum der Flächenstaaten reüssieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

EEBO
am Samstag, 12. Mai 2012, 11:16

Eine richtige Entscheidung

Ein völliger Widersinn war die Vorstellung, durch die Einführung eines Pflicht- PJ-Tertials die "Begeisterung" für Allgemeinmedizin zu wecken: Es sollten stattdessen lieber die Arbeitsbedingungen nach dem Studium und die Lehre im Studienfach Allgemeinmedizin (vor dem PJ) verbessert werden. Aber ein geschickter Schachzug war es schon (denn im Pflichttertial würde die Verantwortung für eine gute Betreuung der Studenten für wenig Geld auf die Lehrpraxen abgewälzt werden, ohne daß es sonst zu strukturellen Änderungen käme). Enttäuscht war ich allerdings auch von den Egoismen der Allgemeinmediziner bzw. deren Berufsverband, für ein fragwürdiges Projekt den Studenten die Möglichkeit zu nehmen, im PJ die "kleinen Fächer" von HNO über Urologie bis Psychiatrie kennenzulernen - und womöglich dann auch einen Nachwuchsmangel dort zu erzeugen.

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