Medizin

Frühgeborene als Erwachsene häufiger mental erkrankt

Montag, 4. Juni 2012

Stockholm – Frühgeborene werden als Erwachsene häufiger wegen psychischer Erkrankungen hospitalisiert als andere Menschen. Dies geht aus einer bevölkerungs­weiten Studie aus Schweden in den Archives of General Psychiatry (2012; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.1374) hervor.

Das Team um Christina Hultman vom Karolinska Institut in Stockholm hat die Geburtsbescheinigungen von 1,5 Millionen Schweden mit späteren stationären Behandlungen aufgrund psychiatrischer Erkrankungen im Alter von über 16 Jahren in Beziehung gesetzt. Dabei stießen die Forscher auf eine eindeutige Assoziation zwischen Frühgeburt und mentalen Erkrankungen.

Anzeige

Extrem Frühgeborene (vor der 32. Gestationswoche) wurden 2,5-fach häufiger im Erwachsenenalter wegen einer Psychose behandelt, sie litten 3-fach häufiger unter schweren Depressionen und 7,4-fach häufiger unter einer bipolaren Erkrankung als Schweden, die nach einer normalen Gestationsdauer (37-41 Wochen) zur Welt kamen. Für Schweden, die zwischen der 23. und 36. Woche geboren wurden, fand Hultman ebenfalls ein leicht, aber signifikant erhöhtes Risiko auf schwere mentale Erkrankungen im Erwachsenenalter.

Auch Essstörungen traten bei extrem Frühgeborenen im späteren Leben 3,5-fach häufiger auf. Bei „späten“ Frühgeborenen war die Assoziation nicht signifikant. Beide Gruppen wurden der Analyse zufolge zu 20 Prozent häufiger im Erwachsenenalter wegen Drogenabhängigkeit und zu 30 Prozent häufiger wegen Alkoholabhängigkeit stationär behandelt.

Absolut gesehen waren die Hospitalisierungen jedoch selten: Während von 1.000 zum Termin geborenen Kindern etwa 2 als Erwachsene wegen einer psychiatrischen Erkrankung in der Klinik behandelt wurden, waren es bei den „späten“ Frühgeborenen 4 Hospitalisierungen auf 1.000 Personen und bei den extrem Frühgeborenen 6 auf 1.000 Personen. Die allermeisten Frühgeborenen werden demnach im späteren Leben niemals wegen psychischer Erkrankungen in einer Klinik behandelt.

Da Hospitalisierungen bei psychischen Erkrankungen jedoch auf schwere Erkrankungen beschränkt sind, könnte die Zahl leichterer psychischer Erkrankungen höher sein, sofern auch hier eine Assoziation besteht, was anzunehmen ist, aber in der Studie nicht untersucht werden konnte.

Die Assoziation erscheint Hultman biologisch plausibel. Das Gehirn von Frühgeborenen sei besonders anfällig für neonatale Hirnverletzungen, schreibt sie. Neuere Untersuchungen würden auf eine Entwicklungsstörung bestimmter Hirnareale hinweisen, die mit psychiatrischen Erkrankungen in Verbindung stehen.

Andere potenzielle Risikofaktoren wie Rauchen, Substanzabhängigkeit, bakterielle Vaginose, intrauterine bakterielle Infektionen oder Virusinfektionen kann die Studie als Ursache der Entwicklungsstörungen jedoch nicht ausschließen. Bei einem Anteil der Frühgeburten von 6 Prozent an der schwedischen Bevölkerung ist der Befund zweifellos auch unter Public Health-Aspekten von Bedeutung. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

steck
am Donnerstag, 7. Juni 2012, 23:10

Copy & Paste

Manchmal täte man besser daran, die Copy & Paste-Taste zu nutzen als zu übersetzen:
Im Satz: "Für Schweden, die zwischen der 23. und 36. Woche geboren wurden, fand Hultman ebenfalls ein leicht, aber signifikant erhöhtes Risiko auf schwere mentale Erkrankungen im Erwachsenenalter." muss es natürlich "zwischen der 33. und 37. Woche" heißen. Ein Gestationsalter von 32-36 Wochen (s. Abstract) entspricht der 33.-37. Woche. Weil 23. nicht gleich 32 ist und z. B. das 2. Lebensjahr im Alter von 1 Jahr beginnt. An diesem mathematisch-semantischen Problem haben sich aber schon Generationen die Zähne ausgebissen!

"Compared with term births (37-41 weeks), those born at 32 to 36 weeks' gestation were 1.6 (95% CI, 1.1-2.3) times more likely to have nonaffective psychosis, 1.3 (95% CI, 1.1-1.7) times more likely to have depressive disorder, and 2.7 (95% CI, 1.6-4.5) times more likely to have bipolar affective disorder."
5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

25.05.16
Extreme Frühgeburten haben als Erwachsene weniger Erfolg in Privat- und Berufsleben
Hamilton/Ontario – Der ersten Generation von extremen Frühgeburten fällt es offenbar schwerer als anderen, einen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft zu finden. Eine Kohortenstudie in JAMA......
18.05.16
Frühgeburt: Keine Neuroprotektion durch EPO
Zürich – Eine Behandlung mit hochdosiertem humanem Erythropoetin (rhuEPO) kann die kognitive Entwicklung von extrem Frühgeborenen nicht verbessern. In einer randomisierten klinischen Studie im......
03.05.16
Muttermilch fördert Hirnwachstum bei extremen Frühgeburten
St. Louis – Frühgeborene, deren Ernährung in den ersten Wochen wenigstens zur Hälfte aus Muttermilch bestand, hatten beim errechneten Geburtstermin ein größeres Gehirn. Dies kam in einer Studie......
09.03.16
Dysbiose geht nekrotisierender Enterokolitis voraus
St. Louis - Eine nekrotisierende Enterokolitis, eine häufige und lebensgefährliche Komplikation bei Frühgeburten, kündigt sich häufig durch eine Störung der Darmflora an. Dies zeigen die Ergebnisse......
26.02.16
Frühgeburt könnte psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter begünstigen
Hamilton – Kinder, die zu früh und mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt kommen, könnten im Erwachsenenalter häufiger an psychischen Leiden erkranken. Die Forscher um Kimberly Day an der McMaster......
24.02.16
Drohende Frühgeburt: Vaginales Progesteron in Studie sicher, aber ineffektiv
Edinburgh – Eine tägliche vaginale Progesteron-Behandlung, die auch in Deutschland zur Vorbeugung einer Frühgeburt eingesetzt wird, hat in einer randomisierten klinischen Studie im Lancet (2015; doi:......
05.02.16
Pränatale Steroide verhindern respiratorische Komplikationen auch bei späten Frühgeburten
New York – Die pränatale Gabe von Steroiden, die bisher nur bis zum Beginn der 34. Gestationswoche üblich ist, kann laut den Ergebnissen einer randomisierten klinischen Studie im New England Journal......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige