Medizin

CT im Kindesalter kann Leukämie und Hirntumoren auslösen

Donnerstag, 7. Juni 2012

Newcastle upon Tyne – Kinder, die bis zum 15. Lebensjahr bereits 2 oder 3 Computer­tomographien des Schädels erhalten haben, erkranken dreifach häufiger an einem Hirntumor. Bei 5 bis 10 derartiger Untersuchungen verdreifacht sich auch das Leukämie­risiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine retrospektive Kohortenstudie im Lancet (2012; doi: 10.1016/S0140-6736(12)60815-0). Da beide Erkrankungen selten sind, ist die absolute Gefahr für das Kind jedoch gering.

Die Debatte um die Auswirkungen häufiger Röntgenuntersuchungen ist nicht neu. Dabei sehen Experten vor allem den Einsatz der Computertomographie (CT) kritisch, da die Strahlendosis 10 bis 50 Mal höher ist als bei einer konventionellen Röntgenunter­suchung. Hinzu kommt, dass das Gewebe des wachsenden Organismus besonders sensibel auf ionisierende Strahlen reagiert.

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Schon vor zehn Jahren hatten US-Forscher geschätzt, dass eine einzige CT-Unter­suchung bei einem ein Jahr alten Kind das persönliche Risiko an Krebs zu sterben, um 0,18 Prozent (Abdomial-CT) oder 0,07 Prozent (Schädel-CT) erhöht. Für die USA mit damals 600.000 jährlichen CTs von Abdomen und Kopf im Jahr würde dies 500 zusätzliche Krebserkrankungen bedeuten (AJR 2001; 176: 289–296).

Die Berechnungen wurden kritisiert, da ihre Grundlage der Anstieg der Krebser­krankungen nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki ist. Dort waren die Opfer einer anderen Strahlung (Gammastrahlung) ausgesetzt, die zudem ungezielt den gesamten Körper traf, während bei einer CT-Untersuchung nur Teile des Körpers einer höheren Dosis ausgesetzt sind.

Die Untersuchung von Mark Pearce von der Universität Newcastle in England und Mitarbeitern ist der heutigen Realität wesentlich näher. Die Epidemiologen setzen die tatsächliche Exposition durch CT-Untersuchungen mit den späteren Einträgen in ein Krankenregister in Verbindung.

Die Studie erfasst fast 180.000 Kinder und Jugendliche, bei denen zwischen 1985 und 2002 in Großbritannien eine oder mehrere CT-Untersuchungen durchgeführt wurden. Die Forscher errechneten die Strahlendosis in Milligray (mGy), mit der jeweils das Gehirn und das Knochenmark der Kinder exponiert wurden.

Diese Daten wurden dann mit der Krebsinzidenz und -mortalität im UK National Health Service Registry bis 2008 abgeglichen. Um eine Verzerrung durch CT-Untersuchungen zu vermeiden, die zur Diagnose von Krebserkrankungen durchgeführt wurden, wurden nur Leukämien berücksichtigt, die 2 Jahre nach dem CT aufgetreten waren. Für die Hirntumoren betrug diese Latenzzeit 5 Jahre.

Bei insgesamt 74 von 178.604 Patienten wurde eine Leukämie und bei 135 von 176.587 Patienten ein Hirntumor diagnostiziert. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass pro Milligray Röntgenexposition das Leukämierisiko um 3,6 Prozent und das Hirnkrebsrisiko um 2,3 Prozent ansteigt. Im Vergleich zu Kindern mit einer Gesamtexposition von weniger als 5 mGy erkrankten Kinder mit einer kumulativen Dosis von über 30 mGy (im Mittel 51,13 mGy) 3,18-fach (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,46–6,94) häufiger an einer Leukämie. Für Patienten mit einer kumulativen Dosis von 50-74 mGy (im Mittel 60,42 mGy) war das relative Risiko auf einen Hirntumor um den Faktor 2,81 (1,33-6,03) erhöht.

Nach weiteren Berechnungen kommen auf 10.000 Personen, die im Alter von 0 bis 20 Jahren mit 10 mGy durch CT-Untersuchungen exponiert sind, 0,83 zusätzliche Leukämieerkrankungen und 0,32 zusätzliche Hirntumoren. Bezogen auf eine CT-Untersuchungn des Kopfes im Alter vor 10 Jahren käme auf 10.000 exponierte Kinder eine zusätzliche Leukämieerkrankung und ein zusätzlicher Hirntumor in den ersten zehn Jahren nach der Exposition.

Da die Nachbeobachtungszeit der Studie begrenzt war, ist nicht auszuschließen, dass das Lebenszeitrisiko höher ist. US-Forscher gingen in ihren Projektionen jüngst davon aus, dass auf 1.000 Computertomographien des Schädels (CCT) im Alter unter 5 Jahren im weiteren Leben eine zusätzliche Krebserkrankung (alle Entitäten) kommt. Im Alter von 15 Jahren rechnen sie mit einer zusätzlichen Krebserkrankung auf 2000 CCT. Beim Abdominal-CT soll schon auf 500 CTs unabhängig vom Alter der Untersuchung eine zusätzliche Krebserkrankung kommen (Archives of Internal Medicine 2009; 169: 2071-2077).

Diese Risiken sind im Vergleich zu dem Gesamtrisiko – jeder dritte Mensch stirbt an Krebs – gering, und für Pearce stellt das Krebsrisiko den Einsatz der CT-Untersuchungen grundsätzlich nicht infrage. Hinzu kommt, dass die meisten CT-Geräte heute über Optionen zur Dosisreduktion verfügen und das Risiko deshalb heute geringer sein könnte, wie Andrew Einstein von der Columbia University Medical Center in New York in einem Kommentar meint. Das Risiko einer Krebsinduktion sei jedoch real und gerade bei Kindern sollte darauf geachtet werden, dass eine möglichst niedrige Dosis verwendet werde. © rme/aerzteblatt.de

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GeHelfie
am Mittwoch, 17. Februar 2016, 14:23

MRT

Da finde ich, es ist besser MRT machen: http://de.bimedis.com/latest-news/browse/103/brain-mri
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 8. Juni 2012, 21:34

CT-Risiken retrospektiv

Retrospektive Untersuchungen, auch wenn sie hier als beeindruckend große "cohort study" firmieren, leisten dem zu Grunde liegenden Forschungsthema meist einen Bärendienst. Ihre Ergebnisse liefern keine validen Daten, weil rückwirkende Fehlannahmen und Erkenntnisverzerrungen ("bias") die Schlussfolgerungen prägen.

Wenn gastroenterologische Patienten in Hessen, retrospektiv nach ihrem Wohnort gefragt, häufiger Darmstadt angeben, hat das etwa so viel Sensitivität und Spezifität, wie wenn man die bevorzugte Heimatstadt von Kölsch Trinkern evaluiert.

Es ist dem Ernst der publizierten Fragestellung im Lancet.online unangemessen, mögliche retrospektive Kausalitäten zwischen CT im Kindesalter und später erhöhtem Leukämie-Risiko ab 30 mGy bzw. Hirntumor-Risiko ab 50 mGy zu postulieren, wenn beweis- und kausalitätsführende p r o s p e k t i v e Studien nicht vorhanden sind. Denn die Frage, ob Kinder mit späterer Leukämie oder Hirntumor nicht allein deswegen häufiger CT-Untersuchungen hatten, weil bereits in der Kindheit suspekte Befunde, mögliche paraneoplastische Frühsymptome und differentialdiagnostische Fragestellungen zu höheren CT-Diagnostikfrequenzen als bei Nichtbetroffenen geführt haben, bleibt offen. U. a. deshalb haben die Studienautoren zu kurze zeitliche Abstände zwischen CT und Neoplasie-Erstmanifestation ausgeschlossen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich halte eine strenge Indikationsstellung für stärker strahlenbelastende Untersuchungen für essenziell, damit die bestehenden Umweltbelastungen mit ionisierenden Strahlen nicht noch potenziert werden. Aber hier müssen prospektive Studien her, nicht nur, um öffentlich bzw. wissenschaftlich vorherrschende Gleichgültigkeit zu überwinden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
phamed
am Freitag, 8. Juni 2012, 09:42

CT MRT und Manipulation

Sehr geehrtes DÄB,
erst können Sie CT-Bilder nicht von MRT-Bildern unterscheiden, dann gibt es Kritik seitens der Kollegen. Was passiert? Sie nehmen die falschen Bilder einfach raus und manipulieren auch noch die Leserkommentare in dem Sie die kritischen Bemerkungen einfach löschen. Ich bin enntäuscht. Ein Nachhilfekurs in Radiologie und korrektem Zitieren von Leserkommentaren wäre wohl indiziert.

Wir haben das Bild entsprechend den berechtigten Anmerkungen herausgenommen und die Kommentatoren angeschrieben und uns für den Fehler entschuldigt. Die Kommentare haben wir daher geändert, da das Bild nicht mehr sichtbar ist. Redaktion DÄ
langch
am Freitag, 8. Juni 2012, 08:15

Strahlenrisiko CT im Kindesalter

Das mit der Risikobewertung sehe ich genauso. Si tacuissetis...
Blokker
am Donnerstag, 7. Juni 2012, 23:36

....CT... im Kindesalter . . .

Eine CT wird in der Regel nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma durchgeführt. Wie sieht es denn bei Ihrem Artikel mit der Bewertung der Indikation zum CT aus. Kann es nicht sein , dass die Indikation zur Untersuchung das Risiko birgt und nicht das CT ?
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