Medizin

Singles und einsame Senioren sterben früher

Dienstag, 19. Juni 2012

San Francisco/Boston – Menschen, die sich im Alter einsam fühlen, haben einer aktuellen Studie zufolge ein erhöhtes Sterberisiko. Nach einer anderen Untersuchung enden Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei „jüngeren“ Singles häufiger tödlich.

Für die erste Studie hat Carla Perissinotto von der Universität von Kalifornien in San Francisco die Daten der Health and Retirement Study ausgewertet. Diese Kohorten­studie begleitet seit Mitte der 90er Jahre etwa 22.000 ältere US-Amerikaner, die alle zwei Jahre Auskunft zu ihrem Lebensumständen und ihrem Gesundheitszustand machen. Ein Teil der Senioren wurde seit 2002 auch danach befragt, ob sie sich „überflüssig fühlen“, „isoliert sind“ oder ihnen die „Gemeinschaft anderer Menschen“ fehlt.

Anzeige

Insgesamt 43,2 Prozent der Befragen bejahten wenigstens bei einer Befragung eine dieser Fragen. Sie wurden von Perissinotto als „einsam“ kategorisiert. Dies bedeutete übrigens keineswegs, dass sie auch allein lebten und keine sozialen Kontakte hatten. Zwei Drittel der sich manchmal oder häufiger einsam fühlenden Menschen waren verheiratet. Es handelte sich eher um eine subjektive Einschätzung – die aber mit objektivierbaren Folgen für die Gesundheit verbunden war.

Wie Perissinotto in den Archives of Internal Medicine (2012; doi: 10.1001/archinternmed­.2012.2782) berichtet, starben während der Nachbeobachtungszeit von 6 Jahren 22,8 Prozent der sich einsam fühlenden Senioren gegenüber 14,2 Prozent der Senioren, die sich nicht beklagt hatten (adjustierte Risk Ratio, RR 1,45; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,11-1,88). Die gefühlte Einsamkeit ging auch mit Einschränkungen der Alltagsaktivitäten (RR 1,59), der Beweglichkeit in den oberen Extremitäten (RR 1,28), der Mobilität im Allgemeinen (RR 1,18) sowie der Fähigkeit einher, Treppen zu steigen (RR 1,31).

Dies verweist bereits auf eine mögliche Ursache für die erhöhte Sterblichkeit. Das Gefühl der Einsamkeit könnte eine Folge der zunehmenden Gebrechlichkeit im Alter und damit eher ein Marker denn die Ursache für die erhöhte Sterblichkeit sein. Perissinotto präferiert allerdings eine psychoneuroendokrinologische Erklärung: Einsamkeit könnte über die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen auf Dauer der Gesundheit der Senioren zusetzen.

In der zweiten Studie analysiert Jacob Udell vom Brigham and Women's Hospital in Boston die Daten des „REduction of Atherothrombosis for Continued Health“ oder REACH-Registers. Es handelt sich um eine Kohorte von fast 45.000 erwachsenen Patienten über 45 Jahren aus weltweit 44 Ländern, die bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden oder Risikofaktoren dafür aufwiesen. Das Register erforscht die Ursachen für die Atherosklerose im Alltag.

Zu den anamnestischen Angaben, die die REACH-Datenbank speichert, gehört auch die Antwort auf die Frage, ob die Patienten allein leben. Wie Udell jetzt in den Archives of Internal Medicine (2012; doi: 10.1001/archinternmed.2012.2782) berichtet, war die Sterberate in den ersten vier Jahren unter den Singles etwas höher als bei den in Partnerschaft lebenden Personen (14,1 versus 11,1 Prozent), was vor allem auf eine erhöhten Rate von Herz-Kreislauf-Todesfällen (8,6 versus 6,8 Prozent) zurückzuführen war.

Interessanterweise war der Mortalitätsunterschied in der jüngeren Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen (7,7 versus 5,7 Prozent) deutlicher als bei den 66-bis 80-Jährigen (13,2 versus 12,3 Prozent), und bei den über 80-Jährigen (24,6 versus 28,4 Prozent) war die Sterblichkeit der Singles sogar tendenziell niedriger.

Udell vermutet, dass („jüngere“) Singles im Fall eines kardiovaskulären Ereignisses wie Herzinfarkt oder Schlaganfall häufiger nicht in der Lage sind, selbst Hilfe anzufordern, während in den Familien die Lebenspartner noch rechtzeitig einen Notarzt alarmieren können. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige