Medizin

Nebenwirkung: Statine machen Muskeln müde

Dienstag, 19. Juni 2012

San Diego – Obwohl Statine zu den am häufigsten verordneten Medikamenten gehören und ihre Sicherheit wie bei kaum einer anderen Wirkstoffgruppe durch randomisierte klinische Studien geprüft wurde, scheint eine häufige Nebenwirkung bisher übersehen worden zu sein. Nach den Ergebnissen einer aktuellen randomisierten klinischen Studie in den Archives of Internal Medicine (2012; doi: 10.1001/archinternmed.2012.2171) kommt es bereits unter einer niedrigen Dosierung zu einer Ermüdung der Muskulatur, die die sportliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Die Nebenwirkung ist zunächst bei Leistungssportlern aufgefallen. Der österreichische Internist Helmut Sinzinger, Wien, berichtete bereits vor einiger Zeit, dass es fast unmöglich sei, Leistungssportler, die an einer familiären Hypercholesterinämie leiden, mit Statinen zu behandeln.

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Fast immer klagten die Sportler nach Beginn der Therapie über Muskelschmerzen, die sie vom Training abhält und die nach dem Absetzten des Medikaments wieder verschwinden (British Journal of Clinical Pharmacology 2004; 57: 525-528). Auch Beatrice Golomb von der Universität von Kalifornien in San Diego kennt solche Fälle, was die Forscherin veranlasste, in einer aktuellen randomisierten klinischen Studie zur Statintherapie gezielt danach zu suchen.

In der University of California San Diego (UCSD) Statin Study wurden 1.016 ansonsten gesunde hypercholesterinämische Männer und Frauen auf eine Therapie mit 20 mg/die Simvastatin, 40 mg/die Pravastatin oder Placebo randomisiert. Zu den Endpunkten gehörte die Selbsteinschätzung der körperlichen „Energie“ und der „Ermüdung beim Sport“. Golomb fasste die Einschätzung in einer „EnergyFatigEx“-Skala zusammen, die Werte von minus 4 bis plus 4 annehmen kann.

Wie Golomb berichtet, kam es unter der Therapie mit den Statinen zu einem Abfall des Scores um 0,21 Punkte gegenüber einem Abfall um 0,06 im Placebo-Arm. Der Unter­schied war signifikant. Er bedeutet laut Golomb, dass es bei 2 von 10 Patienten unter der Therapie zu einem leichten Rückgang der körperlichen „Energie“ und der „Ermüdung beim Sport“ kommt oder zu starken Verschlechterung in einem der beiden Endpunkte. Der Abfall war bei Frauen stärker als bei Männern und bei Simvastatin stärker als bei Pravastatin. Letzteres war laut Golomb jedoch eine Folge der stärkeren Cholesterin-senkenden Wirkung von Simvastatin in der Studie.

Die muskuläre Ermüdbarkeit ist typischerweise nicht mit einem Anstieg des Kreatinins oder anderer Hinweise auf eine Muskelschädigung verbunden. Sie ist laut Golomb jedoch eine häufige und klinisch relevante Nebenwirkung der Statintherapie. Dass sie in früheren randomisierten klinischen Studien nicht entdeckt wurde, zeigt, dass der Goldstandard der klinischen Prüfung nicht lückenlos ist. Einige Nebenwirkungen werden, wenn sie nicht schwerwiegender Natur sind, eventuell nur dann erfasst, wenn nach ihnen gesucht wird. © rme/aerzteblatt.de

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jonnidoe1
am Donnerstag, 21. Juni 2012, 11:23

Statine schaden den Muskeln

In diesem Apfel musste ich schon 1997 beißen, 2 Wochen Statine und bis heute ärger... Muskelschmerzen bis heute (mit Neuropathie) und CK Annemie (immer 350- 500) viele Biopsien mit Veränderungen.... (bis 2003 dann keinen sin mehr) was aber nervt ist der Schmerz.
Auf einer Skala von 1- 10 1997 1 2012 8
Danke.
kairoprax
am Mittwoch, 20. Juni 2012, 07:28

Statine schaden den Muskeln ... 0,1 % Benefit gegen 20% Risc

Es klingt verrückt, wenn man hier liest, eine häufige Nebenwirkung der Statine sei übersehen worden!
Ich bin gewiß keine Ausnahme als Allgemeinarzt. Wenn bei mir jeder 5. Patient über mehr oder weniger starke Muskelschmerzen und Muskelschwäche klagt, die 2-3 Wochen nach Absetzen des Statins wieder verschwinden, dann ist das sicherlich nicht auf meine zwangsläufige empirische Sichtweise und daß ich keine randomisierte Studie mit meinen paar hundert Patienten durchführen kann zurückzuführen.
Statine beeinträchtigen ohne jeden Zweifel die Muskelfunktion, und zwar wenn, dann immer negativ. Ich danke Beatrice Golomb für die eindeutige Bestätigung dieses Umstands, dieser Tatsache, dieser Binsenweisheit.
Und gleich noch eine zweite, und sicher ebenso wenig "überraschend neue Erkenntnis" für San Diego: etwa jeder dritte Patient klagt über Oberbauchschmerzen, die so unangenehm sind, daß das Statin - und zwar egal ob Sim-, Ator- oder Whatever-vastasin - bei gut einem weiteren Fünftel der Opfer abgesetzt werden muß.
Nicht sicher behaupten will ich, aber auch das wäre ein dankbares Forschungsfeld, daß Statine das zentrale Nervensystem schädigen. Insbesondere bei Lehrern und anderen Merk-und-Lern-Berufen nimmt die Vergeßlichket unter Statinen erschreckend zu.
Soll ich noch ergänzen, daß eine erektile Dysfunktion oder Impotenz, die man bisher gerne dem erhöhten Cholesterin zugesprochen hat möglicherweise ein Statin-Effekt ist?
Ich tue es hiermit.
Wir schädigen Muskel, Bauch, Kopf und die Sexualfunktion um den Fettstoffwechsel zu "therapieren", bei dem wir doch eigentlich viel sinnvoller bei dem Gebrauch von Messer und Gabel und - ja, genau, der Muskeln! - ansetzen können.
Ein letzter Satz: in den wenigsten Fällen setzen wir diese Schäden garnicht in der Therapie familiärer Fettstoffwechselstörungen, sondern in der vermeintlichen Vorbeugung aller möglicher Gefäßerkrankungen, bei denen die NNT bei rund 1000 liegt, also 0,1 % theoretischer Benefit gegen 20% sicheres Risc.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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