Gemeinsamer Bundesausschuss setzt Demografiefaktor aus
Freitag, 20. Juli 2012
Josef Hecken dapd
Berlin – Ab Anfang 2013 soll der sogenannte Demografiefaktor bei der Bedarfsplanung nicht mehr angewendet werden. Dies hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am Donnerstag in Berlin beschlossen. Der Demografiefaktor war 2010 vom G-BA eingeführt worden, um die Alterung der Bevölkerung bei der Bedarfsplanung zu berücksichtigen. In Regionen mit überdurchschnittlich vielen älteren Patienten sollten die Verhältniszahlen von Ärzten pro Einwohnern entsprechend erhöht werden.
„In der Realität wurde dies sehr unterschiedlich umgesetzt“, erklärte der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken. Einige Kassenärztliche Vereinigungen würden den Demografiefaktor anwenden, während andere ihn bei der regionalen Bedarfsplanung nicht berücksichtigen. Darüber hinaus seien die durch den Demografiefaktor entstandenen zusätzlichen Praxissitze nicht immer dort besetzt worden, wo Bedarf bestand, sondern beispielsweise auch in Ballungsgebieten. Aufgrund dieser Fehlentwicklungen hätte der G-BA beschlossen, ab 31. Dezember den Demografiefaktor auszusetzen, so Hecken.
Anzeige
Dies bedeute jedoch nicht, dass die Demografie bei der Bedarfsplanung nicht berücksichtigt werden soll, betonte der G-BA-Vorsitzende „Wir haben damit zusätzlichen Druck, schnell einen Konsens für die neue Bedarfsplanungsrichtlinie zu finden.“ Darin soll die Demografie, wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben, angemessen mit berücksichtigt werden. „Der neue Demografiefaktor soll so geschärft sein, dass solche Fehlentwicklungen nicht mehr möglich sind“, erklärte Hecken.
Darüber hinaus hat der G-BA die Einrichtung einer ausschussübergreifenden Arbeitsgruppe beschlossen, die sich mit der Erstattung von Leistungen im Rahmen der MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus)-Sanierung beschäftigen wird.
„Diese Arbeitsgruppe soll bis zum 1. November einen Beschlussvorschlag erarbeiten“, erklärte Hecken. In diesem soll detailliert geregelt werden, welche Leistungen für welche Risikogruppen zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden können.
Hannover – Die Anfang 2013 in Kraft getretene neue Bedarfsplanungsrichtlinie hat die Versorgung in Niedersachsen nicht endgültig festgelegt. Die neue Regelung sieht vielmehr regionale Modifikationen...
Berlin – Der Bundesverband Deutscher Pathologen hat erneut gefordert, den Fachbereich wieder aus der Bedarfsplanung herauszunehmen. „Eine Beplanung wird sowohl unserem Fach als auch der...
Berlin – Patienten mit einem hohen Risiko für eine erneute Gefäßverengung der Koronararterien, für die die Anwendung eines medikamentenbeschichteten Stents in Betracht kommt, sollen künftig keine...
Berlin – Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat heute die Rahmenbedingungen für die sogenannte ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) in einer Richtlinie beschlossen. Die ASV geht zurück...
Berlin – Regina Klakow-Franck, Unparteiisches Mitglied des G-BA, hat sich kurz vor der Abstimmung über die allgemeinen Anforderungen bei der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) im Plenum...
Jena – Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Thüringen hat darauf hingewiesen, dass die neue Bedarfsplanung für das Bundesland noch nicht abgeschlossen ist. Damit gibt es auch noch keine verbindlichen...
Berlin – Sowohl die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) als auch der Bundesverband Niedergelassener Diabetologen (BVND) haben die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) kritisiert, dem...
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Die Schaffung und Verwendung eines Demographie-Faktors war und ist, und sollte tatsächlich nicht bleiben eine Lobby-Arbeit, seien wir uns dessen bewußt.
Sie, die Demographie soll einen Bedarf für eine so ferne Zukunft beweisen, für den eine Bedarfsrechnung garnicht möglich ist, und er, der Faktor, soll diesen nicht bewiesenen EWeg in die Zukunft ebnen.. Das könnte ja noch gutgehen, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden dadurch Fakten geschaffen, die der tatsächlich kommenden Entwicklung irgendwann im Wege stehen werden. Was fehlt ist hier ein "demographie-Faktor-relativierender Faktor".
Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung Deutschlands ist zwar deutlich gestiegen, und die Lebenserwartung liegt inzwischen bei 78 Jahren bei den Männern und bei 83 Jahren bei den Frauen, das sind runde zehn Jahre mehr als noch in den 60er Jahren. Und gleichzeitig nimmt die Zahl der Geburten ab und die Zuwanderung nach Deutschland noch stärker, auch das ist wahr.
Die Ärzte allerdings haben sich prozentual zur Bevölkerung keineswegs schlechter entwickelt. Auch die Ärzte werden älter und ihre Zahl wird weniger, aber das geschieht nahezu im selben Ausmaß wie im Rest der Bevölkerung und wie im jeweiligen Alterssegment, das man gerade betrachtet ( = Ärzte sind ebenso im Krieg gefallen und dem Pillenknick zum Opfer fallend garnicht erst geboren worden, wie ihre Altersgenossen). Auch in den nachwachsenden Generationen wird voraussehbar der Ärzteanteil im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung konstant bleiben - sofern nicht irgendwelche gesetzlichen oder Verwaltungsmaßnahmen diese Entwicklung stören!
Der Demographie-Faktor spielt mit Zahlen, die sich bis auf das Jahr 2050 erstrecken. Eine Prognose für das Jahr 2050 ist jedoch reine Spekulation und mathematisch absolut nicht seriös. Die Demographie der letzten 50 Jahre hat gezeigt, daß wegen Wirtschaftswunder, Pillenknick oder Wiedervereinigung eine Prognose über mehr als 10 Jahre nie zugetroffen hätte - im Gegenteil! Betrachtet man die Alterspyramide, wären alle Prognosen von 1900 über 1933 bis 1945, 1968, 1989 bis heute falsch gewesen: den Statistikern von 1900 kam die Weltwirtschaftskrise und der 1. Weltkrieg in die Quere, sonst hätten wir 1940 schon 100 Mio.Detsche gehabt. Den Nazis kamen die Nazis in die Quere. Dem Wirtschaftswunder der Pillenknick, und der Wiedervereinigung die ausbleibenden blühenden Landschaften im Osten.
Eine Lösung aus dem demographischen Dilemma war übrigens hier in Deutschland zu keiner Zeit die Erhöhung der Geburtenrate gewesen. An der Alterspyramide läßt sich beweisen, daß Deutschland nachweislich in erster Linie durch die Zuwanderung der Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre und durch den Strom der Aus- und Übersiedler gewachsen ist. Auch heute noch stellen die Kinder und Enkelkinder der Migranten dieser Zeit rund ein Viertel jedes neuen Jahrgangs.
Laßt uns konsequent ein Zuwanderungsland werden, so wie es die USA, Norwegen und die Schweiz heute schon sind, mit einer zufriedenstellenderen medizinischen Versorgung als wir sie haben!
Wir können natürlich genauso dafür sorgen, daß mehr Kinder geboren werden. Die in 9 Monaten geborenen Kinder werden 2050 ihre Facharztprüfung hinter sich haben und der Versorgung zur Verfügung stehen.
Was wir brauchen ist kein Demographiefaktor, der sich an den Gegebenheiten des schmalen Zeitfensters von 2012 ausrichtet und nahezu in einer Art Wahn heute schon den vermeintlichen Problemen von 2050 vorauseilt, sondern wir brauchen heute eine wesentlich familiengerechte / familienfreundlichere Gesellschaft mit einer mehr als nur angedeuteten Förderung von Familien mit Kindern und wir brauchen offene Arme für Zuwanderer. Man sollte einen Zuwanderungsfaktor schaffen, und an diesem z.B. die Unsinnigkeit und Abwegigkeit unseres Asylbewerberleistungsgesetzes messen. Stattdessen jammern wir, weil wir älter werden ...
Es ist zwar sinnvoll, ein Augenmerk auf die demographische Entwicklung zu werfen, denn daran werden sich ganz logisch weitere Maßnahmen ausrichten. Aber ich stimme dem G-BA zu (wer hätte gedacht, daß ich dem G-BA einmal so deutlich zustimmen würde!), daß sich daraus noch lange nicht die automatisierte Anwendung eines Faktors ableiten läßt.
Der Demographiefaktor wurde ja bekanntlich in die Rentenberechnung eingeführt, weil dort starre Faktoren nicht gegriffen haben. Das lag jedoch weniger an der demographischen Entwicklung als an Rentenanpassungsgesetzen, welche ihrem Inhalt nach eher Wahlkampfgeschenke als Bedarfsrechnungen waren.
Dr.Karlheinz Bayer
P.S.: was der zweite Teil des Berichts (MRSA) mit dem ersten zu tun hat, erschließt sich mir nicht.
Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.