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„Der Arbeitsmarkt auf dem Land ist für Partner von Ärzten ein Problem“

Montag, 30. Juli 2012

Berlin – Freiberuflichkeit, Investitionsstau, Freude am Landleben, schlechte Presse – darüber und über  weitere Facetten ihres Berufs sprach Dr. med. Dagmar Gottke­haskamp vor kurzem mit der neuen schleswig-holsteinischen Gesundheits­ministerin Kristin Alheit (SPD). Alheit besuchte die Allgemeinärztin in ihrer Gemeinschafts­praxis in Hennstedt (Dithmarschen), um sich wenige Wochen nach ihrem Amtsantritt ein Bild von einer modernen Landarztpraxis zu machen.  

5 Fragen an Dr. med. Dagmar Gottkehaskamp (44), Allgemeinärztin

DÄ: Warum ist die Wahl der neuen schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerin Kristin Alheit, die eine Landarztpraxis besuchen wollte, Ihrer Meinung nach auf Sie gefallen?
Gottkehaskamp: Das hängt damit zusammen, dass unsere Praxis akademische Lehrpraxis ist. Vor einer Weile habe ich einen Vortrag vor Studentinnen und Studenten über meine ärztliche Tätigkeit gehalten und erzählt, wie ich sie erlebe und lebe. Das ist wohl dem ein oder anderen in Erinnerung geblieben.

DÄ: Wie haben Sie den Besuch der Gesundheitsministerin erlebt?
Gottkehaskamp: Wir haben eine Stunde lang miteinander gesprochen, die Ministerin, zwei ihrer Mitarbeiter und ich. Es war ein angenehmes, konstruktives Gespräch. Frau Alheit hat nach eigener Aussage vor allem mitgenommen, wie wichtig Freiberuflichkeit im ärztlichen Beruf ist. Und dass man nicht jeden Arzt aufs Land setzen kann, sondern dass er oder sie schon bestimmte Eigenschaften mitbringen muss, um gern Landarzt zu sein.

Eine Voraussetzung ist meiner Meinung nach, dass man das Landleben an sich mag. Und man muss die Nähe zu den Menschen mögen, Freude daran haben, mit ihnen zu leben. Das heißt nicht, dass die Patienten zu jeder Tages- und Nachtzeit vor der Tür stehen, aber man ist Teil des öffentlichen Interesses. Dafür bekommt man auch viel zurück. Ich finde es darüber hinaus aus medizinischer Sicht deutlich interessanter auf dem Land als in der Stadt: Man verfolgt über viele Jahre die Krankheitsverläufe seiner Patienten, sieht, wie Menschen sich entwickeln,  wie sie mit Krankheiten umgehen. Das alles habe ich auch der Ministerin geschildert.  

DÄ: Wollten Sie schon immer Landärztin werden?
Gottkehaskamp: Nicht immer. Ich komme zwar vom Land aus einer Landwirtsfamilie. Aber während des Studiums wollte ich eigentlich Hautärztin werden. Ich habe allerdings studiert, als man noch von einer Ärzteschwemme sprach. Damals war es unmöglich für mich, die ich schon ein Kind hatte, eine entsprechende Weiterbildungsstelle zu bekommen. Dass ich Landärztin werden will, hat sich nach und nach ergeben und ist heute absolut richtig für mich.

Vor Jahren sind wir wegen des Berufs meines Mannes hierher gezogen. Mein Vorgänger war schon älter und wollte seine Praxis langsam übergeben. Ich habe mich lange nicht getraut, aber am Ende meiner Weiterbildung war mir klar, dass ich die Niederlassung wollte. Ich habe meinem Vorgänger gesagt, ich würde seine Praxis gerne übernehmen. Allerdings hatte ich Angst, die große Praxis allein zu führen, neben meinen familiären Verpflichtungen.

Er hat sofort angeboten, dass wir zunächst zusammen praktizieren, bis ich einen Kollegen oder eine Kollegin finde. Das habe ich tatsächlich nach einem Vierteljahr geschafft. Seit Sommer 2008 bin ich nun in Gemeinschaftspraxis niedergelassen.

DÄ: Bei Ihnen im Norden sind die Kreise Steinburg, Nordfriesland und Dithmarschen in den nächsten Jahren vom Landärztemangel bedroht. Haben Sie darüber mit der Ministerin gesprochen? Und darüber, was Landärzte an Förderung und Unterstützung benötigen?
Gottkehaskamp: Ja sicher. Das Thema hat ja viele Facetten, auch solche, über die nicht ständig geschrieben wird. Eine ist der Investitionsstau in Praxen. Viele alte Kolleginnen und Kollegen haben aus finanziellen Gründen nicht mehr investiert, bei Praxisübernahme muss man das aber meist. Ärzte am Ende der Weiterbildung befinden sich aber oft in der Phase der Familiengründung und haben oft noch Bafög-Schulden. Bei der unsicheren politischen und finanziellen Lage für Ärzte, mit ständigen Reformen, finanziert aber keine Bank. Und junge Kollegen sind in unternehmerischen Dingen unerfahren und schrecken dann zurück.

Darüber haben wir gesprochen, aber auch darüber, dass der Arbeitsmarkt auf dem Land für Ehepartner von Ärztinnen und Ärzten ein Problem ist. Deshalb sammeln sich ja so viele junge Mediziner in oder um die großen Städte. Heute hängt es oft vom Zufall ab, ob der Partner eine seiner Qualifikation entsprechende Arbeit in einer ländlichen Region findet. Aber mit Zufällen kann man nicht die Versorgung sichern.

DÄ: Stichwort Investitionsstau: Viele junge Ärztinnen und Ärzte wollen gern mit Kollegen zusammen arbeiten. Das erleichtert es zu investieren. Oder sie bevorzugen die Anstellung. Sind das für Sie sinnvolle Ansätze?  
Gottkehaskamp: Da muss man vorsichtig sein. Probleme, wie solche mit der Finan­zierung von Investitionen, dürfen nicht dazu führen, dass man überwiegend staatliche Einrichtungen schafft, in denen man angestellten Ärzten einen Arbeitsplatz bietet. Freiberuflichkeit und freies Unternehmertum sind wesentliche Standbeine unserer medizinischen Versorgung, weil dadurch eben das besondere berufliche Engagement entsteht. Diejenigen, die gern selbständig arbeiten, sollte man fördern statt ihnen viele Steine in den Weg zu legen. Freiberufler können dann ja schließlich auch Kollegen anstellen.

Worüber ich noch mit Frau Alheit gesprochen habe, ist diese permanente Kontrolle. Nach einer medizinischen Entscheidung, die ja meine eigentliche Aufgabe ist, bin ich mit der Berücksichtigung irgendwelcher berufsfremden Dinge wie Budget, Off-label, Rabattverträge länger beschäftigt als mit der eigentlichen Verordnung. Und die Regresse müssen dringend weg. Sie sind Schikane! Worauf ich auch Wert gelegt habe: Die Darstellung des Arztes in der Presse muss eindeutig besser werden. Wir werden immer noch zu oft als raffgierige Betrüger und Pfuscher dargestellt, insbesondere durch die Kassen. Das ärgert mich. © Rie/aerzteblatt.de

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