Ärzteschaft

Ärzte plädieren für effizientere Kontrollen in der Transplantations­medizin

Donnerstag, 9. August 2012

Berlin – Die Bundesärztekammer will nach dem jüngsten Transplantationsskandal durch mehr Transparenz und schärfere Kontrollen das Vertrauen der Bürger in die Organ­spende zurückgewinnen. Künftig solle vor Anmeldungen von Patienten für die Warteliste zur Organzuteilung nach dem Mehr-Augen-Prinzip geprüft werden, sagte der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery im Anschluss an ein Spitzengespräch der Bundesärztekammer mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem GKV-Spitzen­verband und den Prüf- und Überwachungskommissionen von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen.

Das Mehr-Augen-Prinzip soll künftig in den Transplantationsrichtlinien verankert werden, sagte Hans Lilie, Strafrechtler an der Universität Halle und Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation. Ärzte, die nicht mit der Transplantation direkt betraut sind und kein Eigeninteresse haben können, beispielsweise Labormediziner, sollen dann die Daten nochmals kontrollieren.

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Verpflichtend sollen künftig auch interdisziplinäre Transplantationskonferenzen in den Transplantationszentren vor der Anmeldung von Patienten zur Transplantation eingerichtet werden. Diese Vorschläge zur Änderung der Richtlinien sollen in der nächsten Sitzung der Kommission im September diskutiert werden und könnten dann gegebenenfalls unmittelbar nach der Zustimmung durch den Vorstand der Bundesärzte­kammer in Kraft treten, erklärte Lilie.

Anlass für das Krisentreffen war der in den vergangenen Wochen bekannt gewordene Skandal, bei dem mehreren Ärzten vorgeworfen wird, Krankenakten gefälscht zu haben, damit ihre Patienten in der Warteliste nach oben rutschen. Betroffen sind Ärzte der Universitätskliniken Göttingen und Regensburg. Die Justiz ermittelt bereits. Ein Spitzentreffen mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr soll am 27. August stattfinden. Mit ihm wollen die Organisationen ihre Änderungsvorschläge diskutieren.

Zu diesen Vorschlägen gehören auch verdachtsunabhängige, flächendeckende Kontrollen. Ferner forderte Montgomery eine engere Zusammenarbeit von Behörden und Ärzteschaft. Pläne, der Bundesärztekammer die Aufsicht über die Organspende zu entziehen, wies er zurück: „In Regensburg hat ganz eindeutig die staatliche Ebene versagt“, sagte er.

Es gebe einen Bericht, in dem alle Fehler und Verstöße gegen das Transplantations­gesetz benannt worden seien, die Ärzte selbst hätten aber keine Möglichkeit, dies zu ahnden. „Wenn wir also einen Straftatbestand beschreiben und dann der Staat hinterher nichts tut, aus welchen Gründen auch immer, dann läuft jede Kontrolle ins Leere“, sagte der Präsident.

Künftig brauche man eine polizeiähnliche Kompetenz, forderte Montgomery. Der Staat wiederum brauche den Sachverstand der Transplantationsmediziner. Es bringe nichts, einen künstlichen Konflikt zwischen Selbstverwaltung und Staat zu konstruieren. „Wir müssen zusammenarbeiten“, betonte der Präsident. 

„Bei nachgewiesenem schwerem ärztlichen Fehlverhalten ist das Ruhen oder der Entzug der Approbation von den jeweils zuständigen Institutionen anzuordnen“, erklärte Montgomery weiter. Als letzte Konsequenz müsse im Falle von Fehlverhalten auch die vorübergehende oder dauerhafte Schließung von Transplantationsprogrammen durch die jeweils zuständigen Institutionen möglich sein.

Zur umfassenden Aufklärung der Vorgänge in den Transplantationszentren Göttingen und Regensburg soll ferner die Arbeit der Kontrollgremien durch Sonderprüfer verstärkt werden.

  • Wie groß ist der Bedarf an Organspenden?

    Auf den Wartelisten für ein Spenderorgan stehen derzeit rund 12.000 Patienten. Rund 1.000 von ihnen sterben jedes Jahr, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten.

    Wie viele Organe werden jährlich gespendet?

    2011 ging die Zahl der Spender deutlich zurück, und zwar von 1.296 im Jahr zuvor auf 1.200. Das bedeutete ein Minus von 7,4 Prozent. Die Zahl der gespendeten Organe sank von 4.205 auf 3.917.

    Welche Organe können gespendet werden?

    Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauschspeicheldrüse und Dünndarm können von einem verstorbenen Spender übertragen werden. Außerdem lassen sich Gewebe wie Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Ein einzelner Organspender kann bis zu sieben schwer kranken Menschen helfen.

    Neben der Spende nach dem Tod ist es möglich, eine Niere oder einen Teil der Leber bereits zu Lebzeiten zu spenden. Lebendspenden sind aber nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

  • Welche Voraussetzungen gelten für eine Organspende?

    Damit Organe nach dem Tod entnommen werden können, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es muss eine ausdrückliche Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen vorliegen und der Hirntod muss eindeutig festgestellt worden sein.

    Wie gelangt das Organ vom Spender zum Empfänger?

    Eine Organentnahme nach dem Tod ist in jedem der mehr als 1.300 Krankenhäuser mit Intensivstation durchführbar. Die Krankenhäuser sind verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu ernennen. Er informiert dann die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Sie vermittelt unabhängige Fachärzte, die die Hirntoddiagnostik durchführen. Zudem veranlasst der Koordinator Untersuchungen der Organe auf Erkrankungen und Infektionen. Die Untersuchungsergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen leitet der Koordinator an die europäische Organvermittlungsstelle Eurotransplant weiter, die mit Hilfe der Daten der Patienten auf der Warteliste die passenden Empfänger ermittelt und die zuständigen Transplantationszentren informiert. Die Zentren, von denen es rund 50 in Deutschland gibt, verständigen den Empfänger und führen die Transplantation durch.

  • Nach welchen Kriterien werden die Organe vergeben?

    Für die schwer kranken Patienten werden Wartelisten geführt und Punkte vergeben, deren Kriterien die Bundesärztekammer festlegt. Die Platzierung der Patienten richtet sich vor allem nach der Erfolgsaussicht und der Dringlichkeit einer Transplantation.

    Auch werden die Gewebeverträglichkeit und die Wartezeit gewichtet. Patienten in akuter Lebensgefahr werden vorrangig behandelt. Alkohol- oder Drogensucht können eine Aufnahme auf die Warteliste verhindern.

Gleichzeitig steht das beschleunigte Vergabeverfahren besonders in der Kritik. Es werde zu häufig angewendet, obwohl es eigentlich nur für Sonderfälle gedacht ist und den Verlust eines Spenderorgans verhindern soll, heißt es. „Das beschleunigte Vermittlungs­verfahren ist von den Krankenkassen, dem Bundesverband der Krankenhausträger und der Bundesärztekammer so gewollt, um die vorhandenen Organe bestmöglich zu nutzen“, erklärte Montgomery. Haben Ärzte einem Spender ein Organ entnommen, sollte dies möglichst schnell transplantiert werden. Würde das Organ aus organisatorischen oder logistischen Gründen nicht schnell genug zu den gewünschten Empfängern gelangen, kann die Klinik es an Ort und Stelle an selbst ausgewählte Patienten vermitteln.

Mittlerweile wird jedoch etwa jedes vierte Herz und mehr als jede dritte Leber in einem beschleunigten Verfahren vergeben. „Es gibt nachgewiesene medizinische Gründe für das Verfahren“, betonte Montgomery. Das beschleunigte Verfahren müsse aber unter die Lupe genommen werden. „Der Sonderfall darf nicht zum Regelfall werden.“

Ungeachtet der aktuell bekannt gewordenen Vorkommnisse soll die kontinuierliche Optimierung der bestehenden Richtlinien zur patientenorientierten Organvermittlung fortgeführt werden. Dazu zählt auch die kritische Analyse des beschleunigten Vermittlungsverfahrens. Bereits jetzt fänden Beratungen in der Ständigen Kommission Organtransplantation statt.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, beton­te, dass dem Skandal kein systemisches Versagen zugrunde liege. „Wir wollen nun eine schonungslose Durchleuchtung aller Aspekte“, sagte Baum. „Dabei müssen wir uns auch die Frage stellen, ob eine Fortsetzung von Mindestmengen in der Transplantations­medizin der richtige Weg ist.“

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) begrüßte die Vorschläge von Ärzten, Kliniken und Kassen. „Das Vertrauen in die Organspende und die Verfahren bei der Vermittlung müssen wieder hergestellt werden. Das gelingt uns nur gemeinsam”, erklärte er in Berlin. Rufen nach einer Organvergabe durch staatliche Stellen erteilte Bahr in der Bild-Zeitung eine Absage. © ER/aerzteblatt.de

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